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Jammern in der Schwangerschaft – ist das erlaubt?

Kristin ist zum ersten Mal schwanger – eigentlich das Normalste der Welt. Und doch fühlt sie sich in dieser Normalität einsam – weil sie das Gefühl hat, von lauter Super-Schwangeren umgeben zu sein, die alles ohne Ängste und voller Leichtigkeit wuppen. Gibt es denn keine anderen „normalen“ Schwangeren, mit Ängsten und Zweifeln?

 

Schwanger – wo sind meine Verbündeten?

Ich bin schwanger. Im fünften Monat. Mein Mann und ich haben uns das sehr gewünscht – und waren dennoch überrascht, dass es (glücklicherweise) so schnell geklappt hat.

Und jetzt – jetzt bin ich sehr überrascht, was dieses kleine Wesen in meinem Bauch jetzt schon mit mir macht und wie wenig „Partner in Crime“ ich scheinbar habe…

Ich habe schon immer viel und gerne gelesen. Blogs. Zeitschriften. Bücher. So natürlich auch seit der Schwangerschaft. Und der Fokus verschiebt sich. Statt Mode- oder Food-Blogs jetzt auch gerne Mütter-Blogs und Foren. Auf der Suche nach „Partnern in crime“.

Ist alles easy?

Egal, wo man hinhört: Alles ist easy. Da sind nur Super-Schwangere. Die ihre Schwangerschaft zwar anstrengend finden, aber dennoch alles unter einen Hut bekommen. Was ist, wenn man seine Schwangerschaft zwar nicht richtig anstrengend findet, aber dennoch nichts mehr unter einen Hut bekommt?

Diese Zerrissenheit? Die Dinge, die einen früher als Mensch ausgemacht haben (vermeintlich), die sind alle passé. Drinks mit den Mädels. Lange und erfolgreich arbeiten. Abends lange wach bleiben. Mein gut gefüllter und variabler Kleiderschrank. Positive Energie. Sport.

Ich höre es förmlich schon jetzt beim Schreiben des Artikels:

– Mit den Drinks fängt sie an, hat sie Pech gehabt, dass ihr die fehlen werden, das wusste sie ja vorher.

– Lange und erfolgreich arbeiten, kann sie ja immer noch, soll sich nicht so anstellen.

– Gleiches gilt für abends lange auf bleiben – müde ist man doch nur in den ersten drei Monaten.

– Klamotten: Es gibt ja auch schöne Schwangerschaftsmode und dann muss man mal ein bisschen cool stylen.

– Positive Energie – die gibt eine Schwangerschaft ja wohl erst recht. Das größte Glück der Erde… Ist das etwa schon eine beginnende Depression, wenn man als Schwangere nicht immer jeden Tag super happy ist?!

– Sport. Soll sie doch weitermachen, die faule Kuh. Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit.

Jammern in der Schwangerschaft – ist das erlaubt?

Um eines klarzustellen. Ich will nicht jammern (und tue es dennoch). Ich weiß, dass ich gesegnet bin. Ich bin schwanger, gewollt und ohne lange zu hoffen, glücklich verheiratet und das Baby wird es gut haben. Wir haben keine Existenzängste und werden dem Baby auch einen Kinderwagen und ein Bettchen kaufen können. Das ist super und dafür bin ich sehr dankbar.

Was ich aber schwierig finde, ist der Umgang unserer Gesellschaft mit dem Thema Schwangerschaft und Kinder.

In den letzten fünf Monaten habe ich zwei Läger kennengelernt und mit dem einen habe ich nicht gerechnet und es vor allem nicht so präsent erwartet. Deshalb haut es mich so um und setzt mich scheinbar so unter Druck.

Zwei Lager unter Schwangeren: Eso versus Hipster

Was zu erwarten war, ist das leicht esoterisch angehauchte Lager. Ich habe es oben schon erwähnt. Eine Schwangerschaft ist das höchste Glück der Erde. Verbinde dich neu mit deinem Körper. Sei nur noch für dein Kind da. Iss Bio zu 100 Prozent. Achte auf dich und das kleine Leben in dir et cetera.

Das werden in Phase zwei, also nach der Geburt, die Mütter, die mindestens drei Jahre in Elternzeit gehen, in ihrer Mutterrolle voll aufgehen, Kind Nummer zwei kommt schnell hinterher und so weiter.

Alles erwartbar und ich würde sagen vollkommen ok.

Aber das zweite Lager. Die toughen Hipster-Karriere-Frauen. Ich dachte immer, ich sei auch so eine. Acht Jahre lang gearbeitet wie bescheuert. Mich sehr über den Erfolg und Spaß im und am Job definiert.

Diese Frauen machen ihre Schwangerschaft nebenbei. Rocken dennoch das Büro. Schreiben Bücher nebenbei. Ziehen um. Bauen Häuser. Gründen Agenturen.

Das Internet und meine diversen Bücher sind voll von diesen Frauen.

Bin ich komisch? Und alle anderen cool und tough?

Und ich? Ich werde anders!

Stehe staunend daneben und denke nur, wie machen die das?

Ich kann nicht mehr!

Nein, elf Stunden arbeiten am Tag kann ich nicht mehr. Und will ich auch nicht mehr. Ich will Zeit für mich und auch für das Baby haben.

Und es geht ja weiter.

Die toughen Hipster-Frauen fangen alle spätestens nach einem Jahr wieder an zu arbeiten.

Spätestens. Gerne auch nach sechs Monaten.

Und am besten in Vollzeit, weil sie ihren Job lieben und unersetzbar sind.

Die machen auch alle coole Sachen wie eigene Blogs, Kinderklamotten-Online-Shops, Cafés, Buch-Autorin und vieles mehr.

Und ich? Ich habe meinen normalen Büro-Job. Ja, ein toller Job – der mir viele Jahre viel Freude bereitet hat. Tolle Kollegen.

Aber ich will auf einmal nicht mehr. Ich will nicht mehr 100 Prozent nach einem Jahr arbeiten. Dieses kleine Wesen alleine lassen. 40 Stunden in die Kita bringen. Ich finde das auf einmal egoistisch. Sind das die Hormone? Ist das normal?

Bin ich normal?

Und wenn das normal ist, wieso sagt das dann keiner? Wieso sagen alle immer nur, wie super-easy-peasy alles ist. Wie sie locker alles unter einen Hut kriegen. Wie viel Spaß alles macht.

Ich hadere. Und ich hab noch keine Lösung. Eigentlich nicht mein Naturell. Aber ich akzeptiere langsam. Und ich hoffe und irgendwie weiß ich auch….wenn im Herbst das kleine Wesen auf der Welt ist, dann werde ich das richtige tun. Und dann wird es mir sch*** egal sein, ob ich damit relativ alleine da stehe und alle anderen viel hipper, cooler und tougher oder viel esoterischer oder Vollzeit-Mami-mäßig sind.

Aber bis dahin finde ich den Zustand weiter komisch.

Und ich fühle mich alleine mit meiner vermeintlichen Normalität – gehöre zu keinem der Extrem-Lager.

Ganz zum Schluss:

Ich bin feige. Ich veröffentliche meinen Namen hier nicht. Alle erwarten, dass ich eine coole, toughe Hipster-Mommy werde. Vor allem mein Arbeitgeber. Der soll hier nichts anderes lesen…ich hoffe, ihr versteht das – ich hab ja zum Glück noch vier Monate Zeit, um zu üben, nicht mehr feige zu sein 🙂


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