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Wann haben wir verlernt, unseren Freundinnen wirklich zuzuhören?

Glasige Augen, ein Blick zur Seite, stummes Nicken – mein Gegenüber ist gerade definitiv nicht bei der Sache. Bin ich zu langweilig, meine Stimme zu monoton, oder warum hört er mir verdammt noch mal nicht zu?

 

„Warte mal, wo wart ihr noch mal genau?“

Ich sitze einem Freund gegenüber. Wir haben uns länger nicht gesehen und reden über all das, was in der Zwischenzeit passiert ist. Ich erzähle von meinem Urlaub, von meinem Alltag, wir geraten von einem Thema zum nächsten. Irgendwann bemerke ich, wie das Augenpaar meines Freundes meinem ausweicht und sich einen Ausweg sucht. Er beobachtet den Sprudel im Glas, untersucht die Struktur des Tisches, kratzt den umherliegenden Tabak auf dem Tisch zusammen. Egal, denke ich mir, und erzähle einfach weiter. Vielleicht muss das gar nichts bedeuten, vielleicht brauchen seine Augen einfach nur eine kurze Ablenkung. Weiter gehts also: mit den weiten Straßen, dem kühlen Meer… Jetzt schaut mein Gegenüber nach rechts und beobachtet die Menschen am Tisch neben uns. Okay, das reicht, denke ich mir. Hört dieser Mensch mir eigentlich noch zu? Vermutlich könnte ich einfach aufhören zu reden und er würde es nicht einmal bemerken. Eine Minute später folgt die Bestätigung „Warte mal, wo wart ihr noch mal genau?“.

Dieses Beispiel ist natürlich etwas überspitzt und spiegelt doch genau das wider, das uns täglich begegnet: Fehlende Aufmerksamkeit – für den Gesprächspartner, das Thema, den Moment. Wir erzählen und erzählen, doch unsere Worte bleiben irgendwo in der Luft. Wir fangen an zu zweifeln, werten die fehlende Aufmerksamkeit als fehlendes Interesse und meinen, wir seien nicht spannend genug. Die Folge: Persönliche Treffen werden weniger.

Zu viel Distanz

Doch woran liegt das? Liegt es daran, dass um uns herum zu viel passiert und wir zu schnell abgelenkt werden? Daran, dass unsere Kommunikation mehr und mehr über unser Smartphone stattfindet und unser Interesse durch ein schnelles Emoji ausgedrückt werden kann? Oder daran, dass wir durch die Gleichzeitigkeit unseres Tuns verlernt haben, uns auf eine einzige Sache zu konzentrieren und uns dafür bewusst Zeit einzuräumen?

Klar, ist das Handy auch ein Problem, aber das kann weggelegt und damit die größte „Gefahr“ für ein ausgeglichenes Gespräch verbannt werden. Vielmehr ist es die Aufmerksamkeit für uns selbst, die dem Interesse für den anderen keinen Platz mehr lässt. Wir beschäftigen uns damit, was am Tag bisher passiert ist, ob wir alles richtig gemacht haben, ob unsere Reaktion blöd von den anderen aufgenommen wurde, was wir heute Abend essen sollen, was noch einzukaufen ist, was morgen ansteht. Und, weil wir uns im Alltag kaum bewusst Zeit für uns selbst nehmen, unsere Gedanken zu Ende zu denken und unseren Alltag zu verarbeiten, muss das Gespräch mit unserem Freund dafür herhalten.

Wir wollen gehört werden

Meinem Freund kann ich seine gedankliche Abwesenheit nicht wirklich übel nehmen. Jeder kennt das. Man ist gerade in der Defensive, hat selbst schon erzählt, jetzt ist das Gegenüber an der Reihe zu erzählen. Man lehnt sich zurück, lässt sich berieseln und schwupp, da ist auch schon der erste Gedanke, an dem man sich festnagt. Die Worte des Erzählenden schaffen es nicht einmal über Mitte des Tisches und bleiben stattdessen irgendwo in der Luft hängen. 

Sollten wir diesen Zustand akzeptieren, wäre das das Ende des zwischenmenschlichen Austausches in der realen Welt. Denn das Bekunden der Aufmerksamkeit für den anderen ist nun mal nicht mit einem Herzchen-Emoji bei Whatsapp oder einem Like auf Facebook getan. Es fängt damit an, dass man die eigenen Gedanken für das Gespräch ad acta legt und dem Gegenüber bewusst seine Zeit schenkt – und es endet damit, dass wir zuhören. ZU-Hören. Nicht nur hören und irgendwie anwesend sein, sondern hinhörend die Situation aufmerksam verfolgen, den Menschen bewusst in die Augen schauen und nicht betreten einen Ausweg suchen. 

Raus aus der Defensive

Sollten wir uns also dabei ertappen, in einem Gespräch mit den Gedanken abzudriften und das Leben um einen herum auszublenden, ist das Warnzeichen genug, unseren Alltag etwas umzustrukturieren – und zwischendrin mal eine halbe Stunde nur für uns einzuräumen. Um bewusst das Erlebte zu verarbeiten und im Kopf Platz zu machen für andere. 
Denn seien wir mal ehrlich: Wir alle wollen gehört werden. Und das funktioniert eben nur, wenn beide Seiten dazu bereit sind und die Worte auf direktem Wege vom Gesprächspartner aufgenommen werden. Schenkt den Menschen nicht nur eure Zeit, sondern vor allem eure Aufmerksamkeit – die ist nämlich mindestens genauso kostbar. Ist das so schwer zu verstehen? 

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