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Zwischen Mythos und Wirklichkeit: Unser Leben als Familie in den Pariser Banlieues

Über die Pariser Vorstädte wird viel geschrieben. Von sozialen Missständen, Problemgebieten, rechtsfreien Zonen ist oft die Rede. Befürchtungen werden laut, dass auch in Deutschland solche Außengebiete entstehen können. Was aber sind die Pariser Banlieues wirklich?

 

Konfliktzonen am Rande der französischen Kernstädte

Viele schrecken vor den Pariser Banlieues zurück.

Denn die Banlieues stehen, spätestens seit den
Unruhen im Jahre 2005, für Gewalt. Sie repräsentieren soziale Ausgrenzung und gescheiterte
Integration. Die Banlieues, schreibt der Mythos, sind gefährlich, da fahren
keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, und selbst die Polizei flüchtet sich
aus diesen Bannmeilen.

Hier scheint die öffentliche Ordnung aufgehoben,
die allgemeine Sicherheit außer Kraft gesetzt. Wir befinden uns im wilden Großstadtschungel. Kurzum, die Banlieues sind die die französische
Kernstadt umgebende Konfliktzone.

Touristische
Pilgerorte

Dabei gehört zu
den Pariser Vorstädten auch der unter Touristen beliebte Ort Versailles. Und
hier kann mit Sicherheit nicht von einem Krisenort gesprochen werden, es sei
denn, wir wollen uns auf die historische Marie Antoinette beziehen. Genauso
pilgern täglich Touristen in die Banlieue, um sich dort im Disneyland Paris zu
vergnügen. Die Pariser Banlieues sind also mehr als die Quersumme gescheiteter
Integrationspolitik oder der Mythos eines gesellschaftlichen Widerstreits. Was also sind die sagenumwobenen Banlieues wirklich?

Menschliche
Heimat

Die sich an die
Hauptstadt klammernden Randgebiete sind vor allem eines: Heimat vieler
Menschen. Sie sind Sammelbecken einer heterogenen Gesellschaft. Hier existieren
unterschiedliche Lebensformen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten nebeneinander.
Aber sie sind vor allem eines nicht: Bannzonen. Es sind keine Gebiete, in denen
Menschen aus anderen sozialen Räumen und Schichten Angst haben sollten, vorzudringen,
weil sich dort Gewalt und Konflikte befinden sollen. Seit vielen Jahren sind
sie auch Heimat unserer Familie
, die Pariser Banlieue.

Betonwüste

In der ersten
Zeit lebten wir lange in einer dieser legendären Betonwüsten. In einem bekannten
und so genannten Problemgebiet, einem „sozial kritischen“ Banlieue. Unsere Wohnung war in einem der vielen HLM
(habitation à loyer modérè, oder einfach: sozialer Wohnungsbau). Die
Architektur um uns herum zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass sie
quadratisch war. Plätze, Häuser, selbst Büsche, alles hatte viereckige Formen
angenommen, nur die Menschen um uns herum nicht, die waren vor allem eines: bunt. Frauen in afrikanischen Tüchern, mit oder ohne Schleier oder Kopftuch, machten ihre Einkäufe auf dem Markt, der direkt vor unserer Wohnung stattfand.
Zweimal in der Woche weckten uns morgens um fünf das Klappern der Verkaufsstände,
das Schreien der Händler. Dieser Markt ist als einer der günstigsten in der
Region bekannt und zieht viele Kunden an. Ein potentielles Sammelbecken für
Konflikte also.

Allerdings
fühlten wir uns niemals bedroht. Ziemlich schnell kannten uns die Händler, steckten uns Orangen zu, fragten nach dem Befinden der
Familie. Polizisten spazierten genauso entspannt wie wir über diesen Platz. Wir
hatten keine Konflikte mit den Menschen. Konflikte hatten wir beispielsweise
sehr viele mit der Hausverwaltung. Wenn die Heizung ausgefallen war, oder wir
wollten, dass der in der Küche verdächtig tickende Gasboiler auf Sicherheit überprüft
wurde, dann wurde das Leben schnell zu einer Kampfzone. Eine regelmäßig
verstopfte Toilette wurde zu einem dauerhaften Zankapfel zwischen uns und der
HLM-Administration. Außerdem konnten wir unsere Heizung weder an- noch aus-
oder umstellen. Irgendwann beschloss irgendwer, unser Hausblock verdiene nun
Hitze oder nicht, und damit mussten wir dann leben, ob es uns zu heiß war oder
zu kalt, die Kinder husteten oder schwitzten, das interessierte niemanden. Das
waren unsere Probleme in dieser Banlieue: Verwaltung, mangelnder Komfort, fehlende
Wohnsicherheit, nicht die Menschen.

Es gab in Fußnähe
keinen Spielplatz, auf dem die Kinder spielen konnten. Und so spielten alle
Kinder, schwarze und weiße, in dem engen Hof zwischen den Wohnblöcken, auf
Asphalt. Bis auf den Ball, der versehentlich in unser Wohnzimmer flog, und eine
Ladung Geschirr zerschlug, hatten wir keine Probleme mit diesen Kindern. Wenn
unser Auto eine Panne hatte, waren meist irgendwelche selbst ernannten Handwerker
da, die es reparieren konnten. Einmal fanden wir unseren Wagen nach einem
längeren Urlaub mit zerschlagener Heckscheibe vor. Im Fahrzeug fehlte nichts,
und die zerschlagene Scheibe war von Unbekannten sorgfältig mit Karton
zugeklebt worden.

Eine Wand, zwei
Welten

Irgendwann
gelang es uns, in eine andere, bessere Wohngegend zu ziehen. Wir zogen um in eine der „schicken“ Banlieues. Dort, wo es nicht
nur quadratische Büsche, sondern sehr viel mehr Bäume und Grünfläche gab.
Eigentlich zogen wir nur über den Fluss. Der Fluss aber wirkte wie eine
gläserne Wand. Dahinter wurde alles anders, Mangel verwandelte sich in Komfort.
Noch heute können wir, wenn wir zum Flussufer gehen, die hohen Blöcke unserer
ehemaligen HLM-Wohnsiedlung sehen. Für die Kinder bedeutete der Umzug mehr
Freiheit, sie konnten nun mit dem Fahrrad in die Schule radeln, und hatten die
Auswahl zwischen gleich mehreren Spielplätzen, alle zu Fuß erreichbar. Sie
vermissten nichts, außer ihre farbigen Freunde. Wir haben nicht mehr mit
verstopften Toiletten zu kämpfen, die niemand reparieren will, und unsere
Heizung regeln wir endlich selbst. Dafür zahlen wir jetzt dreimal so viel
Miete.

Nicht dort,
sondern hier aber wurden unsere Kinder auf der Straße bedroht, ihnen ins
Gesicht geschlagen und der Ipod geklaut. „Die kommen halt aus den umliegenden
Vierteln“ erklärte mir der Polizist, bei dem ich Anzeige erstattete. Sie kommen
über den Fluss, denn genau wie wir zu ihnen blicken, blicken sie zu uns. Sie sehen,
was wir hier haben, sie aber nicht dort: Grünflächen und Spielplätze sind nur
Beispiele für mehr und besseren Komfort. Nach dem letzten Urlaub fanden wir
unser Auto beschädigt vor. Da war kein Ball oder Stein gegen die Heckscheibe
geflogen. Jemand hatte den Heckflügel auf Bürgersteigseite mutwillig
eingetreten.

Die Welten sind
dicht beieinander. Es ist unverständlich für die einen, warum sie zuschauen
sollen, aber nicht dieselben Vorteile haben sollen wie die anderen, das schafft
Frust. Hier ist es der Fluss, der die trennende Wand schafft, woanders eine
Metrolinie, oder einfach eine Häuserwand. Trotzdem leben die Menschen zusammen
in einer Welt, in einer Gesellschaft. Und es sind Menschen, die dieses
Zusammenleben gestalten.

Keine
Bannmeilen, sondern die Heimat von Menschen

Die Lehrer, die unsere Kinder in der sozialkritischen Banlieue vor unserem Umzug hatten, kamen nicht nur zum
Unterrichten in die Schule. Sie waren engagiert, organisierten
Theateraufführungen und Sportateliers. Pünktlich zu Schulschluss spazieren auch
heute von der Stadt finanzierte Mediatoren
vor dem Schulgebäude auf und ab. Sie sollen Streit und
Nachbarschaftskonflikte regeln. Im Stadtteil sind sie bekannt und beliebt.

Trotzdem werden
es nur wenige junge Menschen aus diesen Banlieues hinausschaffen, auf die
andere Seite der sozialen Wand, über den Fluss oder einfach auf die andere
Seite der Metrolinie. Nur wenige werden es schaffen, an einer besseren
Universität zu studieren, oder einen vielversprechenden Ausbildungsplatz zu
bekommen. Das liegt vor allem an gesellschaftlichen Ausschlussstrategien. Viele
in gehobenen Schichten sehen einfach nur die Ecke, aus der jemand kommt, und
nicht den Menschen dahinter.

Deswegen bin ich
auch dankbar für diese Jahre in der sozialkritischen Banlieue. Sie haben uns
nicht geschadet. Meine Kinder aber die hat diese Zeit gelehrt, dass die Banlieues
keine Bannmeilen sind. Auch die nicht, die einen schlechten Ruf haben. Sondern dass dort vor allem Menschen zu Hause sind. Sie können zwischen
gesellschaftlichem Mythos und harter Wirklichkeit unterscheiden.


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