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Zwischen vegan food, Green Doctors und Impfpflicht.

Eines der wohl am weit verbreiteten Klischees, das den Amerikanern zugeschrieben wird, ist der ungesunde und wenig ökologische Lebensstil. Fast-Food-Ketten an jeder Ecke, jede Meile wird im Auto hinterlegt und der Steilwahn, der keine physische Abhärtung zulässt. Als wir letztes Jahr eine Woche in Venice Beach geurlaubt haben und einen veganen Burgerladen neben dem nächsten sahen und Green Doctors an jeder Ecke, dachten wir noch, hier wär es ein bisschen anders. Der Körperkult in Kalifornien ist unglaublich ausgeprägt und somit lebt es sich hier tatsächlich ein wenig anders. Wir sehen kaum Übergewichtige, die Bioläden hier boomen (auch wenn der Parkplatz davor mit dicken SUV´s gepflastert ist und wir uns auch hier wie in den anderen Supermärkten Pullis bei 35 Grad Außentemperatur anziehen müssen) und manches Mal darf ich die Adonisse dieser Welt bei ihrem Training mit freiem Oberkörper (den sie meist auch noch unauffällig zur Schau stellen) neben den Spielplätzen bewundern 😉

 

Ja, Kalifornien ist ein wenig mehr organic, healthy und green (auch wenn hier der Trend in den Vorgärten zu braun geht). Kalifornien ist ein wenig alternativer. 

Somit schürten wir Hoffnung, als wir hier unsere Zelte aufschlugen. Wir hofften, mit dem individuellen Impfplan unserer Tochter auf Verständnis zu treffen. Denn wenn es die Möglichkeit für jeden kalifornischen Bürger gibt, mit ärztlichem Rezept Cannabis zu konsumieren, müsste es doch auch die Möglichkeit geben, Kindergärten ausfindig zu machen, die einen abweichenden Impfplan unserer Tochter tolerierten.

Das war unsere Hoffnung. Die Realität entgegnete uns heute.

Wir besuchten voller Vorfreude einen Kindergarten direkt um die Ecke von einer Kirche, der gestern noch spontan einen Platz frei bekommen hatte. Wir waren wirklich begeistert von den herzlichen Betreuerinnen und unsere Tochter war ab der ersten Sekunde im Spiel und hätte unsere Abwesenheit wohl kaum wahrgenommen. Doch dann stellte ich die Frage nach der Immunisierung, die unsere lächelnden Gesichter unverzüglich in Trauermienen verwandelte. Denn wie die Inhaberin uns mitteilte, gibt es keine Chance. GAR KEINE. Seit Januar diesen Jahres ist jede Ausnahme von der Impfpflicht (die vorher sehr leicht zu bekommen war) im Bundesstaat Kalifornien gestrichen. Wir kommen nicht um die Durchimpfung herum. Ich konnte heraushören, dass die Besitzerin ganz erleichtert um diese Reguläre war. Wir waren es nicht.

Wir verließen den Kindergarten mit einem sehr schlechten Gefühl. 

Mussten wir diese Entscheidung treffen? 

Mussten wir uns entscheiden zwischen unserem Traum und unseren Prinzipien? Wir waren nicht nur frustriert, wir hingen völlig in der Luft. Binnen Sekunden fühlten wir uns, als seien wir einmal richtig knallhart auf den Boden geknallt worden. Wir sahen uns schon im Flieger nach Deutschland sitzen.

Doch ich wollte das nicht akzeptieren. 

Wenn wir beim Einkaufen einen Mitarbeiter nach einem Produkt fragen, das derzeit in diesem Geschäft nicht zur Verfügung steht, wird man hier niemals hören: „Das haben wir leider nicht“. Stattdessen wird einem immer eine Lösung angeboten. „We will make it work!“.

Und das ist wohl auch die wichtigste Lektion, die wir hier in den letzten Monaten gelernt haben und die wir sonst wahrscheinlich nie in dieser Form gelernt hätten. Die Lektion, dass es weitergeht. Die Lektion, dass es nicht nur einen Weg gibt, sondern IMMER noch eine andere Möglichkeit. Im Leben gibt es keine Sackgassen und Einbahnstraßen, denn es geht weiter. In irgendeine Richtung und wir können selber diese Richtung finden, wenn wir nur die Augen offen halten.

Ich wusste: wir können doch nicht die Einzigen in Kalifornien mit einem abweichenden Impfplan sein. Und somit machte ich mich an die Recherche, führte Telefonate und dann war sie da: die Lösung. Wir wissen noch nicht sicher, ob wir diese Lösung in der Geschwindigkeit herbeiführen können, die ein Kindergartenplatz mit Start im September erfordert. Aber wir wissen, dass es eine gibt und das ist erstmal mehr als ausreichend.

„Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.“

… hat bereits ein schlaues Mädchen gewusst und genau das lernen wir hier immer wieder. Einfach aufgeben und sich jedem Umstand anpassen hat für uns hier so oft nicht funktioniert und das ist auch Amerika: Eigeninitiative und Kämpfergeist. 

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