Foto: Friede Clausz I Neue Visionen Filmverleih

Spätabtreibung: „Diese Entscheidung können wir nur treffen, wenn wir sie treffen müssen“

Die Zahl der Spätabtreibungen in Deutschland ist zwischen 2007 und 2014 um 255 Prozent gestiegen – in der Öffentlichkeit wird aber kaum über das Thema gesprochen. Der Film „24 Wochen“, der ab heute in den Kinos läuft, will das ändern.

 

Ein Film, der aufwühlt 

Begonnen hat es mit einem Zeitungsartikel, in dem die Regisseurin Anne Zohra Berrached las, dass 90 Prozent aller schwangeren Frauen, bei deren ungeborenen Kindern nach dem dritten Monat Trisomie 21, also das Down-Syndrom, diagnostiziert wird, sich für eine Abtreibung entscheiden. Eine Zahl, die sie antrieb, mehr erfahren zu wollen. Sie begann zu recherchieren. Bis zum endgültigen Film „24 Wochen“, der seit heute in den deutschen Kinos läuft, gab es eine lange Vorbereitungszeit mit Gesprächen mit Ärzten, Hebammen, aber auch Betroffenen.

Das merkt man dem Film an. Die Mischung aus den starken Protagonisten Julia Jentsch und Bjarne Mädel, die professionelle Schauspieler sind, und den medizinischen Fachkräften, die allesamt sich selbst spielen, macht die Geschichte für den Zuschauer sehr real. Astrid und Markus sind ein glückliches Paar, sie führen ein glückliches Leben mit ihrer neunjährigen Tochter Nele, Astrid ist erfolgreiche Kabarettistin, Markus ihr Manager. Zu Beginn des Films können sie die Geburt ihres zweites Kindes kaum erwarten. Doch dann erhalten sie im vierten Monat die Diagnose, dass ihr ungeborener Sohn Trisomie 21 hat. Nach dem ersten Schock entschließen sie sich, das Kind dennoch zu bekommen.

Die schwerste Hürde scheinen nun die Reaktionen ihres Umfelds zu sein, die die Regisseurin nicht beschönigt. Der Zuschauer ist dabei, wenn Bekannte äußern, dass „Downies“ doch total süß seien, wenn Unverständnis über ihre Entscheidung, das Kind zu bekommen, geäußert wird und wenn die Babysitterin Astrid gesteht, dass sie sich vor Menschen mit Down-Syndrom ekelt und ihre Tochter dieses Gefühl übernimmt – so unangenehm es ist, diese Reaktionen mit anzusehen, so deutlich spiegeln sie doch die realen Gefühle unserer Gesellschaft wider. Und zeigen, wie dringend wir darüber sprechen müssen. 

Astrid (Julia Jentsch) und Markus (Bjarne Mädel) freuen sich auf ihr Kind.  © Friede Clausz

Astrid und Markus gelingt es, diese Reaktionen hinter sich zu lassen und die Freude überwiegen zu lassen – bis sie die Diagnose erhalten, dass ihr ungeborener Sohn zusätzlich einen schweren Herzfehler hat, der mindestens eine  Operation im Säuglingsalter nötig macht, sehr wahrscheinlich sogar eine direkt nach der Geburt, und er in jedem Fall sein Leben lang herzkrank und damit schwerbehindert sein wird. Die Szene, in der die beiden von zwei Fachärzten beraten werden, zeigt ihre enorme Hilflosigkeit und die Angst in Anbetracht einer Diagnose, die man nicht begreifen kann. Hierbei macht es sich bezahlt, dass die beiden beratenden Ärzte genau solche Gespräche in ihrem realen beruflichen Alltag führen. Dadurch wird die Beklemmung um so realer. 

Die Entscheidung über Leben und Tod

Von da an ändert sich die Richtung des Films, während bis dahin die gemeinsame Entscheidung des Paares im Vordergrund stand, wird nun
immer deutlicher, dass Astrid eine erneute Entscheidung alleine treffen
muss – das ist gesetzlich so festgelegt. Und das ist auch die persönliche
Sicht, die die werdende Mutter entwickelt. Während ihr Partner immer weiter darauf behaart, dass die beiden sich gemeinsam entscheiden müssen, lernt Astrid, dass es am Ende sie ist, die über Tod oder Leben entscheidet. 

Mittlerweile ist Astrid in der 24. Woche. Das bedeutet, dass der Fötus außerhalb des Mutterleibs überlebensfähig sein könnte, weshalb er im Falle einer Abtreibung vorgeburtlich durch eine Kaliumchlorid-Spritze getötet werden muss. Vor dieser Entscheidung steht sie nun. Und dabei sagt Astrids Hebamme den vielleicht wichtigsten Satz des Filmes zu ihr, als diese sie fragt, was sie tun würde: „Diese Entscheidung können wir nur treffen, wenn wir sie treffen müssen.“

Der Film begleitet Astrid bis zum Ende – und scheut sich dabei nicht, auch das Procedere der Spätabtreibung zu zeigen. Das ist gut so. Denn nur so wird dem Zuschauer klar, dass es in diesem Fall kein richtig oder falsch gibt, viel mehr ein bisschen von beidem, wie Astrid es am Ende selbst formuliert.

Astrid (Julia Jentsch) muss eine Entscheidung treffen, die niemand treffen will. © Friede Clausz

Wir müssen über Spätabtreibungen sprechen

„24 Wochen“ schafft es, für das Thema Spätabtreibungen zu
sensibilisieren, ohne dabei ein moralisches Urteil zu fällen. Der Film appelliert
an die Notwendigkeit, vor dem Thema nicht zurückzuschrecken und eine
Öffentlichkeit zu schaffen, in der Frauen keine Angst haben müssen, moralisch
verurteilt zu werden, egal, wie sich in dieser Situation entschieden haben. Während des Filmes schaut Julia Jentsch als Astrid den Zuschauer ein paar Mal direkt an, in ihrem Blick liegt die flehende Frage: „Was würdest du tun?“ Nach dem Film ist klar, auf diese Frage gibt es keine Antwort. Von außen über Frauen zu urteilen, die diese Entscheidung, egal in welche Richtung, getroffen haben, ist nicht möglich.

Viel mehr muss das Hilfs- und Beratungsangebot für sie verbessert werden, Wissen über die Situation vermittelt und eine Öffentlichkeit geschaffen werden. Vor allem aber müssen wir Frauen zuhören, die sich für oder gegen eine Spätabtreibung entschieden haben, die eine Entscheidung über Leben und Tod getroffen haben, die sich nicht mehr rückgängig machen lässt, und die jeden Tag mit den Konsequenzen leben müssen, die ein behindertes Kind aufziehen, die vielleicht manchmal zweifeln, die kämpfen, mit sich selbst und gegen die Außenwelt. 

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