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5 Dinge, die ich in meinem ersten Jahr im Lokaljournalismus gelernt habe

Fünfzehn Monate freie Mitarbeit in einer Lokalredaktion: Welche Erkenntnisse unsere Community-Autorin Shari aus ihren rund 100 Einsätzen mitgenommen hat, hat sie für uns aufgeschrieben.

 

Der Mythos vom Kaninchenzüchter

Seit fünfzehn Monaten arbeite ich frei für eine Zeitung in meinem Heimatkreis. In diesem Zeitraum bin ich inzwischen an die einhundert Mal unterwegs gewesen und habe es mit noch mehr Menschen zu tun gehabt. Dabei habe ich natürlich die obligatorischen Kaninchenzüchter besucht, aber auch PR-Artikel verfasst und Kollektive passend zum Auftrag auf die Beine gestellt. Neben etwas Geld auf dem Konto nahm ich aus dieser Zeit einige Erkenntnisse mit. 

1. Mäuschen sein? Vergiss es!

Mein erster Termin war der wortwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Drei Tage nach meinem Bewerbungsgespräch stand ich auf dem Firmenjubiläum eines bedeutenden Anzeigenkunden, mit Bürgermeister, Landrat sowie allerlei Branchengrößen und Verbandsrepräsentanten. Über hundert Gäste, kurz: Ich hätte am besten alle gekannt, mich kannte natürlich niemand. Allein die wichtigsten Firmengesichter und die Lokalpolitik waren meine Eckpunkte.

Die Panik, nicht liefern zu können, überwog recht schnell meine zurückhaltende Beobachterpersönlichkeit und brachte mich dazu, bei Ankunft des Landrats schnurstracks auf selbigen zuzugehen und so in etwa „Bitte recht freundlich!“, zu rufen. Puh, geschafft!

Seitdem schreckt mich kaum noch etwas. Für die klassische Runde älterer Herren oder die regelmäßigen Besuche beim Stadtmarketing entwickelt sich eine Routine im Umgang, mit der man es schafft, neben der Tagespresse und anderen größeren Medien, auch zum Zug zu kommen. Natürlich spielt es eine Rolle, dass das eigene Gesicht mittlerweile bekannt ist und man sich den Kontakt eventuell nicht mehr neu erarbeiten muss. Denn – hier bestätigt sich das Klischee –auf dem Land tanzen die meisten Akteure auf mehr als nur einer Hochzeit. 

2. Networking

Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt: Kennt man da nicht wen, der wen kennt? Klar, in einer Kleinstadt sind die Gelegenheiten zum Engagement jeder Art begrenzt, und so ist es recht wahrscheinlich, dass man weniger Personen, diesen dafür aber umso öfter begegnet.
Wer einmal dabei ist, mischt fast garantiert an mindestens einer weiteren Stelle ebenfalls mit. Am Anfang überwältigt einen die Flut an Persönlichkeiten, mit der Zeit bekommt man den Dreh aber raus und kann Gesichter Stück für Stück sicherer Namen zuordnen.

Neben weniger Schreibarbeit für die Bildunterzeile und Zitatzuordnung gibt es allerdings noch einen weiteren Vorteil: Bleibt ihr durch euer Auftreten und eure gute Arbeit im Gedächtnis, kann es schnell passieren, dass der Veranstalter euch bei eurem Auftraggeber für die nächste Veranstaltung explizit anfragt, oder ihr über den Umweg Verlag positives Feedback erhaltet.

Auch im direkten Gespräch habe ich so schon Hinweise aus erster Hand für zukünftige Ereignisse erhalten und konnte dadurch einen späteren Auftrag im Voraus für mich beanspruchen. Viel entspannter, als ausschließlich auf Vorschläge seitens der Redaktion zu hoffen. 

3. Nicht schon wieder eine Ratssitzung

Natürlich kann man Termine ausschließlich als Selbstzweck betrachten: an etwas teilnehmen, über das man dann schreiben kann. Mag sein, dass es an meiner jugendlich frischen Perspektive liegt, allerdings bin ich von Anfang an mit einer anderen Haltung an meine Aufträge herangetreten. 

Die Leute, gerade aus dem Ehrenamt, haben oft viel Zeit und Mühe in das gesteckt, was sie mir an dem Tag stolz präsentieren. Da hat es für mich einfach mit Wertschätzung zu tun, aufmerksam zuzuhören und ein, zwei Fragen zu stellen, je nachdem wie umfangreich das Informationsangebot vorher war. In meiner Position als Berufsanfänger Anfang 20 hat es mir konkret jedoch auch schon viele Einblicke in das Stadtleben gebracht, die ich anders nie erhalten hätte – weil ich nicht auf die Idee gekommen wäre, derartige Veranstaltungen zu besuchen, oder weil sie tatsächlich gar nicht für die Allgemeinheit zugänglich waren. So werde ich teilweise gezwungen, mich mit Thematiken auseinander zu setzen, mit denen ich mich freiwillig und privat nicht beschäftigt hätte. Als Freie habe ich das Glück, zu jeder Anfrage auch „nein“ sagen zu können, ab und zu ist eine kleine Herausforderung aber nicht schlecht. 

Für mich bedeutet das, was ich durch meine Berichterstattung begleite, tatsächlich einen Beitrag zur geschichtlichen Dokumentation in meiner Heimat. Wer weiß zum Beispiel, was aus den kleinen Turnern im Sportverein später mal wird, im Kampfsport hatte ich sogar schon einmal Weltmeister vor der Linse. 

4. Zeit vs. Geld

Weil ich nicht fest angestellt bin und nach Bild- und Zeilenzahl mein Honorar ausgezahlt bekomme, stecke ich oft in einem Dilemma zwischen der Zeit, die ich auf einem Termin verbringe, dem Aufwand fürs Verschriftlichen und gegebenenfalls noch der Bildbearbeitung, und dem Geld, was ich dafür im nächsten Monat auf meinem Konto habe. Wenn dann, was nicht gerade selten der Fall ist, die Kollegen mit Stundenlohn (oder zumindest besserem Stücklohn) von Kulturveranstaltungen nach einer halben Stunde (ohne Anschlusstermin?) abhauen, frage ich mich schon manchmal, wo da die journalistische Qualität bleibt.

Nicht selten stoße ich beim Vergleich meiner Notizen mit dem Artikel in der Tageszeitung auf Namensfehler oder gar verdrehte Fakten. So wurde einmal aus Brustkrebspatientinnen, die für ein Klinikjubiläum spezielle Wäsche vorführten und nur in der Bademode in der Zeitung erscheinen wollten, in der Bezahlpresse professionelle Models (natürlich in BH und Slip abgelichtet). Wie das passieren konnte? Naja, indem man nicht mit dem Veranstalter redet und noch während der Präsentation abhaut, ohne dabei wenigstens die Ohren aufzumachen (das hätte man nämlich schon allein so erfahren können).

Auf der anderen Seite sehe ich mich, die ebenfalls nicht selten, wenn man Vor- und Nachbereitung mit einrechnet, aus einer Veranstaltung mit weniger als dem Mindestlohn pro Stunde rausgeht. Diese Termine überwiegen leider deutlich die Gelegenheiten, aus denen man mit dreistelligen Erlösen (Fotos, Fotos, Fotos) rausgeht. Das ist dann nämlich meistens gekaufte Werbung.

5. Als Einstieg sinnvoll

Nach fast 1,5 Jahren im Lokaljournalismus habe ich nahezu alle Ressorts abgedeckt: Kultur, Sport, Politik, Lokales. Und klar, irgendwie sind die erstgenannten vor allem von regionaler Bedeutung und immer „Lokales“. Tatsächlich sind bestimmte Fakten allerdings oft ebenso von weitergreifender Bedeutsamkeit, oder entsprechen einem deutschlandweiten Trend. 

Dabei erlebe ich Probleme, wie beispielsweise den Nachwuchsmangel bei kleinen Vereinen, hautnah mit und ärgere mich auch persönlich darüber, dass es nicht gelingt junge Menschen in meinem Alter wieder stärker in dauerhafte Verpflichtungen zu bringen – obwohl ich selbst neben meiner Ausbildung und der Arbeit kaum Zeit übrig hatte.

Anstatt eines unbezahlten Praktikums mit eingeschränkten Handlungsoptionen, hat mir die Arbeit als Freie sofort Verantwortung aufgetragen und dafür gesorgt, dass ich viele wichtige Learning-by-doing-Erfahrungen sammeln konnte. Das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt und ist etwas, das ich nur jedem empfehlen kann, bevor er zum Beispiel ein journalistisch orientiertes Studium aufnimmt. Selbstverständlich ist die Bezahlung am Anfang in kleineren Formaten nicht berauschend, längerfristig führt der eigene Weg einen allerdings wahrscheinlich auch auf neue Pfade.

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