Foto: Igor Ovsyannykov

Entspannt euch mal – wie mich meine Weltreise verändert hat

Was ich mir nach meiner Weltreise bewahren will: Entspannter zu sein, das Leben mehr zu genießen und Momente intensiver zu erleben. Aber geht das in Deutschland überhaupt?

 

Die harte Arbeitsrealität nach einer Weltreise 

Nach zwei Jahren Weltreise und ein paar Monaten Jobsuche habe ich mich vor Kurzem wieder in das deutsche Arbeitsleben gestürzt. Ich bin gerade noch in der Einarbeitungsphase und weiterhin sehr gespannt auf alles, was mich
erwartet. Gearbeitet habe ich im vergangenen Jahr zwar auch in Australien, aber das war doch irgendwie etwas anderes. Es war zeitlich begrenzt. Ich war in einem anderen Land. Es war ein Abenteuer. 

Ich habe dort übrigens einen extrem stressigen Job gehabt – trotzdem gibt es sehr viele Momente, an die ich heute noch wahnsinnig gerne zurückdenke. Ich habe intensive Erfahrungen mit Menschen, die ich für immer in mein Herz geschlossen habe, aus Down Under mitgebracht. Diese Erinnerungen hüte ich wie einen Schatz. Stress schweißt schließlich auch zusammen. Nur zum Dauerzustand sollte er nicht werden.

Dass ich vor genau einem Jahr in Perth, Westaustralien gelebt und gearbeitet habe, kommt mir jetzt total surreal vor. Seit dem habe ich so viel erlebt und gesehen. Seit dem ist so viel passiert. Und jetzt bin ich wieder hier. In Deutschland. Auf dem besten Weg mir einen Alltag aufzubauen. Es ist verrückt. Und aufregend. Und unwirklich.

Ich freue mich, endlich wieder ein Zuhause zu haben 

Ein Rucksack-Leben führe ich trotzdem noch. Denn ein Teil meiner Sachen liegt in Taschen und Koffern, ein Teil hängt im Schrank und ein großer Teil ist immer noch in Kisten bei meiner Familie verstaut. Die Vorfreude auf einen eigenen (und vor allem großen) Kleiderschrank, einen eigenen Kühlschrank und ein Leben in den eigenen vier Wänden ist groß. Ich kann es kaum erwarten nach der frustrierenden Wohnungssuche in einem Monat – das sind dann sieben Monate nach meiner Rückkehr – in meine eigenen Wohnung zu ziehen.

Meine Weltreise hat mich gelehrt, die kleinen Dinge zu schätzen. Die ganz alltäglichen Dinge, über die ich mir früher nie große Gedanken gemacht habe. Wie etwa einen eigenen Kleiderschrank zu besitzen. Oder meine Wäsche wieder selber waschen und aufhängen zu können. Meine Weltreise hat mir auch gezeigt, mit wie wenig ich auskommen und glücklich sein kann. Zwei Jahre lang waren ein großer und ein kleiner Rucksack meine ständigen Begleiter. Mehr hatte ich nicht – und das war auch gar nicht schlimm. Weniger ist mehr. Nach diesem Motto will ich auch in meiner künftigen Wohnung leben. Dinge, die mir jeden Tag ein Lächeln auf die Lippen zaubern, dürfen bleiben, der andere „Ballast” wird aussortiert bzw. gar nicht erst angeschafft.

Meine zwei-jährige Weltreise hat so viele Eindrücke in meinem Kopf hinterlassen, auch was das Leben an sich betrifft: den Alltag und wie ich ihn künftig gestalten möchte. Früher war es zum Beispiel mal mein Traum, in New York zu leben. In der Stadt, die niemals schläft. Natürlich ist New York sehr aufregend und bietet extrem viel, aber trotzdem möchte ich in Manhattan auf gar keinen Fall mehr wohnen.

Eine gewisse Grundentspanntheit schadet niemanden

Die Stadt ist einfach so geschäftig, die meisten Menschen sind extrem gestresst und haben eine extrem kurze Zündschnur und beleidigen einander gerne mal mitten auf der Straße. Außerdem spürt man in der Stadt immer eine gewisse Hektik. Kaum einer schlendert die Straßen entlang. Die Meisten laufen im Schnellschritt und die geringste Verzögerung führt zu Ärger.

Einen ganz anderen Eindruck habe ich zum Beispiel in Brasilien oder auch der Karibik gewonnen. Die meisten Menschen dort scheinen das Wort Stress gar nicht zu kennen. Und das ist ja auch eigentlich gut so, denn dauerhafter Stress ist ungesund. Zwar kamen mir die Brasilianer und Inselbewohner teilweise etwas zu entspannt vor, aber was ist so schlecht daran? Vor allem, wenn man im Urlaub ist. Wie oft stand ich in Brasilien an der Supermarkt-Kasse und habe ungeduldig gewartet, weil die Kassierer extrem (wirklich extrem) langsam die Waren übers Band ziehen, Zeitlupentempo wäre noch übertrieben. Auf der karibischen Insel Aruba fahren kleine Busse. Einen Zeitplan gibt es jedoch nicht. Ich bin also einfach an der Straße entlanggelaufen und wenn ein Bus in Sichtweite kam, habe ich gewunken. Natürlich ist so etwas in Deutschland oder auch New York undenkbar, aber eine gewisse Grundentspanntheit und -gelassenheit würde uns allen nicht schaden.

Zum Beispiel im Supermarkt oder an der Bushaltestelle. Ob wir nun ein oder zwei Minuten länger warten ist doch nun wirklich nicht tragisch, oder? Die Kassierer hierzulande sind extrem schnell, sodass wir wirklich keinen Grund haben, uns zu beschweren oder genervt zu schauen. Und an einer Verspätung von Bus oder Bahn kann man am Ende sowieso nichts ändern, auch wenn es manchmal ärgerlich ist. Die Wartezeit kann man nutzen: für einen Kaffee oder ein kurzes Telefonat mit einem lieben Menschen.

Durchatmen und genießen

Und auch bei vielen anderen Dingen sollten wir uns einfach weniger aufregen. Leben und leben lassen. Ruhiger werden. Entspannter werden. Positiver sein. Auch im Job. Ich bin ein sehr ehrgeiziger und gewissenhafter Mensch, der immer alles richtig und vor allem beim Schreiben keine Fehler machen will. Schließlich werden meine Texte im Internet veröffentlicht und Rechtschreibfehler möchte ich natürlich vermeiden. Aber Fehler passieren. Und ich operiere ja nun wirklich nicht am offenen Herzen. Die meisten Menschen tun das nicht. Trotzdem stressen wir uns viel zu oft.

Wir alle sollten öfter mal durchatmen. Wir haben schließlich nur dieses eine Leben und das sollten wir genießen. Uns nach stressigen Tagen öfter mal belohnen. Das Handy weglegen und die wunderschöne Natur genießen (einen Trip in die Berge kann ich sehr empfehlen). Uns mit Freunden treffen, statt nur mit ihnen Whats-App-Nachrichten zu schreiben. Und verreisen. Um unseren Horizont zu erweitern, offener zu werden, unsere wunderschöne Welt besser kennen und somit auch schätzen zu lernen.

Wie ich das in meinem neuen Joballtag umsetze? Ich parke gut einen Kilometer vor dem Büro. So kann ich morgens und abends immer noch ein Stückchen zu Fuß gehen, die frische Luft genießen, die Natur bewundern (dass sich bei uns im Herbst die Blätter färben finde ich wundervoll, auch den Herbstduft einzuatmen, liebe ich – in Asien gibt es so etwas zum Beispiel nicht. Also, genießt mehr. Lebt bewusster. Freut euch über die kleinen Dinge. Macht die Augen auf. Lacht mehr. Entspannt mehr. Liebt mehr. Reist mehr.

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