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Warum wehren wir uns so verzweifelt gegen jedes Zeichen des Lebens in unserem Gesicht?

Es ist doch ein Wahnsinn, alles an uns glattbügeln zu wollen und gleichzeitig den Wunsch zu haben, so geliebt zu werden, wie wir sind! Unsere Community-Autorin Andrea hat endgültig genug von den hohlen Versprechungen der Schönheitsindustrie.

 

Anti-Aging, mir reicht es!

So, das war’s. Ich mache Schluss mit dir. Und diesmal endgültig. Wirklich!

Unsere Beziehung hat sich von vornherein komisch angefühlt. Oberflächlich schien es ok zu sein – aber irgendwie fehlte mir seit Beginn das Vertrauen in dich. Du hast mir viel versprochen, und die Aussicht auf eine falten- und damit sorgenfreie Zukunft hat sich so gut angefühlt. Der Traum ewiger Jugend schien plötzlich so greifbar nah…oder wäre es eher ein Albtraum?

Ich bin oft von dir enttäuscht worden und habe dir doch immer wieder eine Chance gegeben. Habe mich immer wieder blenden lassen von den schönen Bildern und den damit verbundenen Illusionen.

Aber nichts an dir ist echt. Meiner Meinung nach sollte sich eine Beziehung zumindest für einen Großteil der gemeinsamen Zeit gut anfühlen. Die Beziehung zu dir war geprägt von ständigem Druck, von einer immer vorhandenen Angst, nicht gut genug zu sein, so wie ich bin – und mich deshalb mit deiner Hilfe einem von außen vorgegebenen Diktat zu unterwerfen und genügen zu müssen.

Und letztlich willst du doch nur das Eine: Mein Geld. Dafür ist dir jedes Mittel
recht. Dafür lügst du, betrügst du und versuchst, mich und meine Bedürfnisse zu manipulieren, damit ich dich für unentbehrlich halte. Deine schönen
Hochglanzbilder haben meinen Blick für die Schönheit der Realität vorübergehend getrübt. Aber jetzt bin ich aus diesem vernebelten Zustand aufgewacht, und das fühlt sich gut an!

Glatt und gut?

Anti-Aging: Das Versprechen von ewiger Jugend und Glückseligkeit, von Erfolg, Attraktivität und ständig gutem Sex. Glattgespritzte, regungslose Masken als Zeichen zeitgemäßer, anpassungsfähiger Multioptions-Dynamik. Faltenfreie Zombies versus das echte Leben.

Was ist schiefgelaufen, dass wir uns gegen jedes Zeichen des Lebens in unserem Gesicht mit allen Mitteln wehren wollen? Dass wir uns von den Medien und irgendwelchen Style- und Modefuzzis mit ihren Botox-Horrormasken einreden lassen, dass wir uns jenseits der 18 nur noch mit Ganzkörpermaske aus dem Haus trauen zu dürfen, weil unsere Schönheit (was ist das eigentlich?) mit Erreichen der Volljährigkeit rasant verblühen wird?

Sicher, niemand will aussehen wie eine zerknitterte Zeitung, ich auch nicht! Aber ganz ehrlich: Wer tut das schon? Machen wir unser Empfinden von Schönheit wirklich von Fältchen abhängig, wenn wir jemanden attraktiv finden?

Oder ist es nicht die berühmte Chemie (und damit meine ich nicht die aus dem Crème-Tiegel), die uns zu einer Person hinzieht, das Lächeln, die Sympathie und das Gefühl, bei dieser Person am richtigen Platz zu sein?

Meine Geschichte – mein Gesicht

Jede von uns hat ihre eigene Geschichte, jede von uns hat geliebt, gelitten, Trauer und Freude erlebt, und jede ist ihren Weg gegangen – mit jedem Jahr ein Stück weiter. Und jedes Jahr hinterlässt Spuren bei uns – im Innen und im Außen. Ich denke, das ist es, was uns zu Menschen macht und uns von Robotern unterscheidet. Es gleicht doch an Wahnsinn, alles an uns glattbügeln zu wollen und gleichzeitig den Wunsch zu haben, so geliebt zu werden, wie wir sind!

Auch ich möchte schön sein – auf meine eigene natürliche Art und Weise – und auch ich benutze Kosmetikprodukte und habe (meistens) Spaß daran. Aber ich konnte mich befreien von dem gut vermarkteten Albtraum, dass Älterwerden ein schädlicher und hässlicher Prozess ist.

Das heißt nicht, dass ich keine Momente habe, in denen ich mir wünsche, meine
Oberschenkel wären noch so glatt wie mit 18 oder dass die Falten auf meiner Stirn etwas weniger „nachdenklich“ wären. Aber mit 18 hatte ich noch nicht viel
erlebt, mit 18 war ich noch nicht der Mensch, der ich heute bin. Und diesen
Menschen kann ich sehr gut im Spiegel ansehen und anlächeln.

Anti-Aging: Kiss my ass!

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