Foto: Dawanda

Können wir mit Selbermachen, Teilen und sinnvollem Konsum wirklich die Welt verändern?

Do-it-yourself mag ein Aufstand gegen Massenproduktion und Ressourcenvernichtung sein – vor allem aber kann es ein Weg sein, die Welt zu einer Wir-Gesellschaft zu machen.

 

Claudia Helming ist Gründerin und Geschäftsführerin von Dawanda. Auf dem Online-Marktplatz werden selbstgemachte Produkte und Unikate gehandelt. Für unseren Partner Capital schreibt sie darüber, wie die Wir-Intelligenz unsere Gesellschaft verändert.

„Wer sich auf Informationen verlassen will, schlägt besser im Brockhaus nach“. Das sagte der damalige Brockhaus-Geschäftsführer Bernd Kreissig im Mai 2005. Er glaubte nicht an Wikipedia, nicht an das Wissen der vielen. Er ging davon aus, dass die Menschen auch künftig Experten und eine Fachredaktion wählen würden. Wikipedia, diese Laien-Plattform, so glaubte man beim Brockhaus, würde nie eine ernsthafte Konkurrenz für das altehrwürdige Lexikon. Sie sollten sich irren. Im Sommer 2014 erschien der letzte Brockhaus. Die gedruckte Enzyklopädie ist inzwischen Geschichte. Das Wissen der Vielen, die Wir-Intelligenz, die „Laien“-Plattform hatte sich durchgesetzt. Jeder kann seinen Teil an einem weltumspannenden Wissens-Netzwerk beitragen.

Und das war neu.

Das Ende des Brockhaus ist sicher das symbolträchtigste Beispiel für einen Wandel – und der eindrucksvollste Beweis wie stark das Wir-Denken und die globale Kollaboration ihren Siegeszug angetreten haben. Quer über den Erdball starten Menschen gemeinsame Unternehmen und Projekte. Jeder bringt sich und seine Fähigkeiten ein. Davon profitieren sowohl die Gemeinschaft als auch das Individuum. Und das Wir-Denken beschleunigt auch die Entwicklung von Innovationen. Das Prinzip ist simpel: Man bringt sein Wissen ein, ergänzt damit das Wissen der anderen und schließt selbst eigene Lücken. Aus den vorhandenen Informationen und Erfahrungen wird neues Wissen erzeugt und das Ergebnis ist immer mehr Wissen für alle.

Menschen teilen heute aber nicht nur Wissen und intellektuelle Fähigkeiten, sie teilen auch Produkte, Werkzeuge und Autos. Dass selbst Autokonzerne groß angelegte Car-Sharing-Angebote als Zukunft der Mobilität verkaufen, zeigt, welche Wucht das Wir-Denken entwickelt hat und wie wirksam die Kollaborationsfähigkeit eingesetzt werden kann.

Es war noch nie so einfach, Gutes zu tun

Der positive Neben-Effekt des Wir-Denkens: Es geht nicht immer nur um den ökonomischen Erfolg. Eine stetig wachsende Zahl an Social-Entrepreneuren gehen soziale Probleme auf der Welt mit ungewohnten, nämlich unternehmerischen Mitteln an. Jedes vierte in der EU neu gegründete Unternehmen folgt inzwischen dem Geschäftsmodell des „Social Entrepreneurship“. Nach EU-Angaben macht die Sozial- und Solidarwirtschaft heute zehn Prozent des durchschnittlichen Bruttoinlandprodukts (BIP) der EU aus, in Deutschland liegt der Anteil bei 6,3 Prozent. Was der Sozialstaat und Wohlfahrtsverbände oft nicht mehr leisten können, übernehmen die Social-Entrepreneure, die dank des technologischen Wandels in globalen Netzwerken kooperieren – und mit wenig Aufwand und viel Wirkung ganz einfach „Gutes tun“.

Überspitzt formuliert könnte man sagen: Es war noch nie so einfach, die Welt zu verbessern. Weil es noch nie so einfach war, Verantwortung für seine Mitmenschen und die Umwelt zu übernehmen. Man kann warten, bis die Politik etwas tut, bis neue Verordnungen greifen, und die Industrie endlich handelt – oder man packt eben selbst an, nutzt die eigene Kraft und die eigenen Ideen. Denn in Zeiten der globalen Vernetzung scheinen weder die Finanzierung noch die Organisation unüberwindbare Hürden. Mit den Mitteln des Crowdfunding können die Vielen mit geringen Mitteln auch das Gute ermöglichen.

Und: Es war noch nie so einfach, sich, seine Anliegen und vor allem auch seine Fähigkeiten sichtbar zu machen. Das Internet bietet die Möglichkeiten, nicht nur sein persönliches Profil, seine, sondern eben auch selbst hergestellte Gegenstände auf den Markt zu bringen. Waren die Produkte des Do-it-yourselfs (DIY), die selbstgestrickten Pullover und die handgefertigten Taschen, früher nur einem lokal begrenztem Markt (etwa dem Weihnachtsmarkt) vorbehalten, bietet das Internet heute mit seinen für jeden zugänglichen Marktplätzen nichts weniger als einen Weltmarkt, und nicht wenigen, vor allem auch für Frauen und Mütter den Einstieg in die erfolgreiche Selbständigkeit und das Unternehmertum – und das eben auch auf dem Wir-Weg.

Selbstverständlich tauschen sich die Macher oder „Maker“ auch aus, man gibt sich Tipps, berät sich, und Ideen finden sich auf  großen DIY- und Video-Portalen Man ergänzt sein eigenes Wissen und das der anderen. Man versteht sich als Community, die mit dem Engagement und Ideenaustausch ihrer Mitglieder wächst und den Austausch zu den verschiedenen Fragen des Selbermachens fördert. Es ist heute nichts Ungewöhnliches mehr, wenn Menschen online über Einmachrezepte und Schnittmuster diskutieren oder am Wochenende basteln, werkeln und gärtnern.

Kann ich das nicht selber machen? Diese Frage wird gerade in Großstädten immer häufiger mit einem „Ja“ beantwortet – und darin liegt nicht immer nur eine Absage an die seelenlose Massenproduktion begründet. Darin drückt sich eher der Wunsch aus, dem Konsum einen Sinn zu geben. Und für diejenigen, die mit ihren individuellen Produkten einen Markt erobern, ist das ein Weg ins Unternehmertum – vorbei an gigantischen, globalen Vermarktungsketten.

Weg in die Wir-Gesellschaft

In den vergangenen fünf Jahren, also von 2009 bis 2014, hat sich weltweit die Anzahl der Menschen mit Internetzugang in etwa verdoppelt, mehr als drei Milliarden Menschen sind heute online. Und wenn man berücksichtigt, dass mittlerweile rund zwei Drittel aller Internetnutzer in Entwicklungsländern leben, ergeben sich gerade für diese Menschen große Chancen, mit ihren Produkten den Weg zur eigenen Firma anzutreten. Das Do-it-yourself mag ein Aufstand gegen die Massenproduktion sein, ein Aufstand gegen ressourcenvernichtende Herstellungsverfahren, vor allem aber kann es ein Weg sein, die Welt zu einer besseren, zu einer Wir-Gesellschaft zu machen. 

HINWEIS: Die Veröffentlichung des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Capital – das Online-Portal des Wirtschaftsmagazins Capital mit Reportagen, Analysen, Kommentaren aus der Welt der Wirtschaft und der persönlichen Finanzen.


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