Foto: Der Bachelor | RTL

Der Bachelor: Der Fleischmarkt hat wieder geöffnet

Eine neue Staffel von „Der Bachelor“ beglückt das Trash-TV-Herz. Und alle Jahre wieder die Frage: Ist das noch Unterhaltung oder sollte uns das Lachen im Halse stecken bleiben?

 

Der Bachelor: Endlich lernen wir wieder etwas über das deutsche Frauenbild

Ach ja, gerade ist die neue Staffel von „Der Bachelor“
gestartet und während ich mich schadenfroh darauf freue, wie sich
zwei Dutzend Menschen zum Hampelmann machen und man sich mit jeder Menge Leute
darüber gemeinsam vor dem TV oder virtuell bei Twitter aufregen kann, weiß ich
genauso, dass es eigentlich folgendermaßen ablaufen wird: Ein Mann, 22 Frauen
und ganz viel unkontrolliertes Augenzucken meinerseits, wodurch das Tippen auf dem Smartphone unmöglich wird. Und ich
werde nicht enttäuscht, das geht schon in den ersten Minuten los! Nämlich in
der Vorstellungsrunde der Frauen („Ich backe und ich shoppe gerne, ich habe 1.500
Nagellack-Flaschen!“), in der schon kräftig an Lollis und Erdbeeren geschleckt
wird – während wir alles über den beruflichen Weg inklusive diverser Abschlüsse des Bachelors erfahren. Ist es nicht…schön? So viele Klischees in so
kurzer Zeit! Aber nicht so schnell, RTL, es muss doch noch eine ganze Staffel
gefüllt werden!

Naja, und genau das ist das Problem, denn was man so
herrlich ironisch gucken kann oder gucken will, das hat eben auch eine wirklich
deprimierende Seite, die man nicht außen vor lassen sollte. Aber von vorn:

Zwischen Arztroman, MTV und strukturellem Sexismus

Alle suchen wieder die ganz ganz große Liebe – echt, sonst
wären sie ja nicht dabei! Ist doch klar. Sowohl der aufgepumpte Leonard, als
auch die Damen, die ganz sorgfältig einmal die Abiball-Kleid-Abteilung bei
C&A abgegrast haben, suchen die ganz großen Gefühle, die zuvor so oft
enttäuscht wurden. Ein Kasperltheater zwischen Arztroman und dem MTV der
beginnenden Nuller Jahre, dem wir uns doch ganz gerne mal hingeben. Denn das
ist ja nicht echt. Es ist ja nicht wichtig, dass sich 22 Frauen anbiedern,
anbieten und darauf hoffen, einmal die eine unter den vielen zu sein, die sich
an ihn schmiegen dürfen. Es ist ja nicht wichtig, dass es dort gar nicht ums
Kennenlernen, sondern um das knappeste Kleid und die offensichtlichste Offensive
geht. Dass Frauen, die ihm dann doch zu nah kommen, von den anderen als
Schlampe abgestempelt werden und er als der große Aufreißer, der das ja gar
nicht schnallt – weil, er will doch am Ende nur seine Familie erweitern,
schließlich ist er schon stolzer Papa einer Tochter.

Oder ist es das am Ende eben doch wichtig? Was bringt man
jungen Mädchen und Jungs damit bei? Ich bin ja wie so oft froh, dass es das
Format noch nicht gab, als ich jung war. Denn bitte, genauso wenig, wie wir uns
vorstellen können, dass Jugendliche ihre Sexfantasien und -Vorstellungen tatsächlich über Youporn beziehen und es eben doch genauso ist, so ist es eine
furchtbare Vorstellung, dass ein Format wie „Der Bachelor“ ihre Idee vom Flirten
und eines Frauen- und Männerbildes prägen könnten. Und wahrscheinlich wird das
eben doch so sein.

Denn diese Jugendlichen schauen diese Formate nicht mit
Ironiebrille auf, sie können schlicht noch nicht abstrahieren. Und freuen sich
dann sicherlich über die heißen Tipps des Bachelors, der nach gefühlt jedem
Hallo-Küsschen-Küsschen sagt: Jetzt geh mal rein, trink mal was, das macht dich
locker. Super! Über diesen Hinweis freuen sich sicher auch die Zukünftigen
seiner Tochter, wenn die beim ersten Date mal nicht gleich ganz locker ist.
Kipp der erst mal drei Gläser Sekt rein, dann flutscht’s schon.! Schön, dass
man dem in Deutschland herrschenden strukturellen Sexismus damit neues Futter
gibt. Denn daran wollen wir doch nicht wirklich was ändern, oder?

Nicht alles ist schlecht, oder?

Hach ja, aber ich will hier nicht alles schlecht reden.
Schließlich hat der Bachelor in diesem Jahr einen Silberblick UND lispelt! Und
während ich diese kleinen „Makel“ in der Plastikwelt feiern will, deren
Überkompensation mit riesigen Muskelbergen wunderbarer Weise so gar nicht
funktioniert, da frag ich mich schon wieder, ob das wohl auch bei einer Bachelorette
ginge? Und, nennt mich pessimistisch: Never. Never ever. Aber auch das kennen
wir ja schon: graue Schläfen, die sexy sind, Falten, die ein Lebemann hat, ein
kleiner Bauch, der niedlich ist – und das weibliche Pendant: ungepflegt, alt,
fett. Ach bitte.

Aber es gibt Hoffnung! Nachdem dem Bachelor neben Komplimenten
und dem obligatorischen „Ich bin soooo aufgeregt“ eine Kandidatin einen niedlichen
Poesie-Spruch ins Gesicht haucht, da ist er hin und weg. Damit hatte er jetzt
nicht gerechnet. Tja, lieber Leonard, die Erkenntnis, dass Frauen, die sprechen
können, auch ganz schön sexy sind, ist ja schon mal ein Anfang. Vielleicht dürfen sie dann nächstes Mal auch noch etwas Spannenderes erzählen.

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