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Was kostet Freundlichkeit? Nix. Oder?

Unsere Community-Autorin Silke Wöhrmann beschleicht schon länger das Gefühl: Immer weniger Menschen können oder wollen freundlich sein – wird unsere Gesellschaft wirklich immer rücksichtsloser?

 

Wer freundlich ist, zeigt Schwäche?

Die Situation: Vor der Waschanlage. Die Waschanlage selbst: leer. Vor der Anlage besagter Herr mit einem 60.000 Euro-Schlitten. Dahinter: ich. In Seelenruhe putzte er liebevoll sein Auto. (Verstehe ich nie: Warum putzt man sein Auto, wenn man es sowieso anschließend in die Waschanlage fährt?). Hier noch ein bisschen schrubben, da noch ein bisschen bohnern. Ich warte. Er säubert die Felgen. Ich warte. Die Hoffnung auf eine Entscheidung des Herrn, endlich in die Waschanlage zu fahren, zerrann bei seinem Griff zur Sprühpistole des Hochdruckreinigers. Ich fragte ihn daher freundlich, ob es nicht möglich wäre, dass er mich kurz durchfahren ließe, es dauere sicher noch beim ihm eine Weile. Er bellt „Wie denn?“ und ich schlug vor: „Sie fahren etwas zurück, ich fahre vor.“

Tatsächlich – er macht es! („Ich muss eine Respektsperson sein“, freue ich mich innerlich). Dann der fatale Fehler von mir: Ich bedanke mich! Denn während ich auf das glückliche Ende in Form eines sauberen PKWs wartete, sprühte er eifrig weiter – und fluchte. Dann stellte er sich zu mir. Schaute in eine andere Richtung und sagte „Meine Freundlichkeit hat mich einen Euro (!!!!) gekostet.“ Erst schaute ich fragend, dann verstand ich: Durch das Tauschmanöver lief die Zeit des Hochdruckreinigers weiter und er musste dann einen Euro nachwerfen, um die Reinigung seines PKWs zufriedenstellend zu Ende zu bringen. Jetzt habe ich meine Antwort. Freundlichkeit kostet einen Euro.

Und jetzt weiß ich auch, warum ich das Gefühl nicht loswerde, dass man als Schwächling gilt, wenn man freundlich ist. Das Motto, jetzt wird mir Einiges klar, ist: Spare an der Freundlichkeit, dann hast du in der Not. Ich rechne nach: Zehnmal „Danke“ sagen an einem Tag kosten mich ca. 75 Sekunden meines Lebens. Himmel, über eine Minute! Bei einem deutschen Durchschnittsgehalt von 2.300 Euro sind das immerhin mehr als 0,26 Euro! Hochgerechnet auf ein Leben, sagen wir mal, ich hoffe bei mir so auf 80,81, sind das um und bei 7.592 Euro!

Zählt nur noch ich, ich, ich?

Zeit ist Geld, und schließlich sind beides gefühlt knappe Güter vieler Deutschen, uns geht es ja auch wirklich nicht gut, da muss man schon schauen, dass man was vom Kuchen abbekommt. Also kann man doch dem Vordermann bei Aldi ruhig schon mal mit dem Einkaufswagen in die Hacken fahren, damit es etwas schneller geht. Oder auf der Straße den Vordermann zusammenhupen, weil er nicht sofort beim Wechsel von Gelb auf Grün das Gaspedal durchtritt. Tür aufhalten? Das dauert doch, bis die alte Frau da endlich durch ist, also lässt man sie direkt vor ihrer Nase zuklatschen, man muss schließlich noch den Bus erreichen.

Wer richtig sparen will, geht in die Firma. Warum grüßen, warum noch die Hand geben, man klopft auf den Tisch und ruft „Ich mach mal so!“. Benutz in Emails keine Anrede mehr, schreibt einfach los. Raunzt durch die Gegend, damit keiner auf die Idee kommt, man sei so etwas wie freundlich! Macht die Mitarbeiter zur Schnecke, sonst spuren sie nicht! Nachher kommen sie auf komische Ideen und wollen alle etwas von der Freundlichkeit abhaben, und wo bleibt dann das Ich? Schließlich sind die anderen nur dazu da, dass das Ich seine Ziele erreicht. Und wenn die anderen ihren Zweck nicht erfüllen, stören sie. Und wenn sie stören, müssen sie weg. Also, Platz da für das Ich! Blöd nur, wenn diese Menschen auch mal Hilfe brauchen, soll ja vorkommen. Hoffentlich haben sie dann einen Euro dabei.


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