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Echte und falsche Träume – und wie du sie unterscheiden lernst

Auswandern, einen Hund anschaffen oder im Wohnwagen um die Welt? Träume sind schön – manche blockieren uns aber auch.

 

Der Traum vom Auswandern

Viele Jahre lang dachte ich: Ich will raus aus Berlin. Auswandern. Nach
New York, irgendwo in die Südsee, Thailand, Sardinien (OK, letzteres ist
noch aktuell). Nun brauche ich in der Tat ab und zu eine Pause von
Dog Shit City, wie ich meine Heimatstadt liebevoll nenne. Sie ist groß,
laut, stinkt und ist voll mit Menschen, „an denen die Zivilisation
vorbeigegangen ist“ (Zitat belgische Nachbarin). Deshalb habe ich es mal
mit Hamburg und München probiert. In dieser Zeit habe ich viel gelernt.
Zum Beispiel, dass ich nach Berlin gehöre. 🙂

Genauso war es im Beruf: Ich wollte ausbrechen. Lange Zeit hatte ich
den Plan, ein Café oder Restaurant aufzumachen. Doch je mehr ich mich
mit der Materie beschäftigte, desto mehr wurde mir klar: Eigentlich bin
ich doch lieber Gast.

Ach Mensch, ich hab so viele von diesen
Träumen: Ich liebe die Idee, mit einem Wohnwagen um die Welt zu ziehen.
(Nicht, dass ich in meinem Leben auch nur eine einzige Nacht in einem
Wohnwagen zugebracht hätte. Ob ich es jemals machen werde? Keine Ahnung.
Je älter ich werde, desto schlechter werden die Aussichten. Stichwort:
gute Matratze.) Aber die Fantasie mag ich irgendwie. Oder nehm ich doch
ein Hausboot?

Welche Träume meinen wir wirklich ernst?

Ein plastisches Beispiel für solche falschen
Träume lieferte mir ein Freund: Er erzählte mir jahrelang, dass er sich
einen Hund wünsche. OK, dachte ich irgendwann, wenn das sein
sehnlichster Wunsch ist, schenk ich ihm einen zum Geburtstag. Wir fuhren
also zum Züchter. Er spielte mit den Welpen und war für ein paar
Stunden sehr glücklich. Aber einen kaufen? Wie? Jetzt, sofort? Das geht
doch nicht, weil…In dem Moment wurde mir klar: Er will gar keinen
Hund. Das Ganze ist jetzt ein paar Jahre her – er hat immer noch keinen.
Dabei liebt er Hunde wirklich. Noch mehr aber liebt er die Fantasie,
einen Hund zu haben. Ein klarer Fall von falschem Traum.

Sind ja ganz schön, diese falschen Träume. Deshalb schwelgen wir ja
auch so gern darin. Gleichzeitig produzieren sie einen Haufen
Schuldgefühle, weil wir sie immer noch nicht umgesetzt haben. Und
manchmal verstecken wir uns auch hinter Träumen und Wünschen, von denen
wir im Grunde gar nicht wollen, dass sie wahr werden. Astreiner
Selbstbetrug also.

Das lässt sich relativ einfach überprüfen,
indem man sich vorstellt, jetzt sofort würde die erträumte Veränderung
eintreten. Was bedeutet das? Auswandern: Container packen, Umzug übers
Meer, neue Sprache, neuer Job, neue Kultur. Einen Hund anschaffen: Gassi
gehen mit dem Hund, mindestens zweimal täglich. Hundepension, wenn man in
den Urlaub fährt, hohe Futter- und Tierarztkosten. Ein eigenes
Restaurant: Früh raus und 18-Stunden-Schichten schieben – und was, wenn
der Koch krank ist? Und so weiter, und so fort. Wie fühlt sich das an? Bin ich bereit,
diesen Preis zu zahlen und die Konsequenzen zu tragen? Wenn es sich gut
anfühlt – dann chakka, setz deinen Traum um!

Wenn es sich eher nach „Och nee, lass mal“ anfühlt, hast du gerade
einen falschen Traum entlarvt. Dann kannst du ihn loslassen. Das kann
sehr befreiend sein. Oder du lässt ihn halb los – und leihst dir ab und
an einen Hund aus.

Steht der falsche Traum für etwas anderes?

Es lohnt sich aber auch, genauer
hinzuschauen: Was wollen uns diese falschen Wünsche sagen? Sind sie
Anzeichen für Unzufriedenheit, für die Sehnsucht nach Veränderung? Dann
gilt es nur noch (haha!) herauszufinden, welche Veränderung gemeint ist.
Vielleicht steht der falsche Traum symbolisch für etwas ganz anderes:
Wohnwagen und Hausboot sind Hippie-Fantasien. Sich von allen Fesseln des
spießigen Lebens (inklusive horrender Mietzahlungen) zu befreien, das
einfache Leben, mobil zu sein, überhaupt mal wieder in Bewegung zu
kommen – das alles lässt sich vielleicht auch anders umsetzen.

Fakt ist (und jetzt kommt wieder meine Empfehlung des Buches Die Entscheidung liegt bei Dir
von Reinhard K. Sprenger, weil es bei mir entscheidend zu dieser
Erkenntnis beigetragen hat): Wenn wir etwas wirklich von Herzen wollten,
dann hätten wir es längst getan. Im Umkehrschluss heißt das: Jeder ist in jedem Moment genau in der Situation, in der er sein möchte.

Das
klingt jetzt hart und natürlich gibt es Umstände, die wir nicht
beeinflussen können. Aber die sind eher selten. Selbst Krankheiten
können unterbewusst durch Wollen (beziehungsweise Nicht-Wollen) ausgelöst werden –
ich spreche aus eigener Erfahrung. Unser Wille ist unglaublich mächtig,
deshalb sollten wir ihn bewusst einsetzen. Oder wie die Amis sagen: Be
careful what you wish for.

Für mich heißt das zum Beispiel: Thailand, New
York, Sardinien hin oder her. Ich bin in Berlin, weil ich hier sein
möchte. Und je mehr ich mir das vergegenwärtige, desto mehr wird mir
bewusst, dass es stimmt. Irgendwie lieb ick diese stinkende Stadt – so
wie man einen ausgeleierten Pulli liebt. Ich fühl mich hier frei. Die
als Toleranz getarnte Gleichgültigkeit ihrer Bewohner ist genau das, was
ich brauche. 😀 Und einfach rauszukotzen, wie man sich gerade fühlt –
warum eigentlich nicht? Ist vielleicht ganz gesund. Dauergrinser sind
mir schon immer auf die Nerven gegangen. Ich habe mich für diese Stadt
entschieden – trotz Nebenwirkungen. Und ich tue es immer wieder an jedem
Tag, an dem ich nicht meine Koffer packe. Genauso, wie ich mich jeden
Tag für genau dieses Leben, diese Arbeit und diese Menschen entscheide.
Das zu erkennen, macht zufrieden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Lydias Blog Büronymus. Wir freuen uns, dass sie ihn auch bei uns veröffentlicht.

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