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Es braucht Kraft, um Gefühle zu zeigen

Auch wenn wir es oft nicht zugeben wollen: Frauen fällt es immer noch schwer, Männern Gefühle zu zugestehen. Warum eigentlich?

 

Männertränen

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich das erste Mal einen Mann habe weinen sehen. Ich habe einen Film mit meinem ersten richtigen Freund gesehen, als ihm plötzlich die Tränen runterliefen.

Hier meine Gedankenabfolge:

1. „Oh nein, was soll ich jetzt tun?“

2. „Oh, wie peinlich, ein Mann weint doch nicht!“

3. „Aber das wollte ich doch immer – einen Mann, der Gefühle zeigen kann.“

Es gab also diesen Teil von mir, der den weinenden Mann toll fand. Aber es gab auch diesen anderen – weit größeren Teil – der wollte, dass er aufhört zu weinen und stark ist.

Das ist  lange, lange her, aber damals habe ich angefangen mich zu fragen: Warum ist das eigentlich so? Warum fühle ich mich so unbehaglich, wenn ein Mann weint? Obwohl ich es doch eigentlich will, dass er sich zeigt?

Beschützt werden wollen

Ich bin in dem Glauben aufgewachsen– und ich glaube, dass fast alle kleinen Mädchen so aufgewachsen sind und immer noch so aufwachsen – dass es immer einen Mann geben wird, der auf mich aufpasst. Dabei bin ich keine verwöhnte Prinzession. Ich bin auch aufgewachsen mit dem Wissen, dass es wichtig ist, sich anzustrengen und selbstständig zu agieren. Ich habe ein erfolgreiches Institut aufgebaut und bin dabei ein zweites zu gründen.

Und dennoch: ich hatte immer das Gefühl, dass, egal was ich tue, es immer einen Mann geben wird, der mich beschützt. Und damit ich mich sicher und beschützt fühlen kann, muss dieser Mann – oder alle Männer – stark sein. Und starke Männer weinen nicht.

Dieses diffuse Gefühl habe ich in mein Erwachsenenleben getragen und natürlich in meine Beziehungen. Obwohl ich nicht in der Lage gewesen wäre, diese Gefühl zu benennen oder überhaupt zuzugeben, dass es existiert.

Mit der Zeit kam eine andere Frage dazu. Zwei andere Fragen, um genau zu sein: Bin ich die einzige Frau, die dieses Gefühl hat? Oder haben andere Frauen es auch und wir reden nur nicht darüber, weil wir unabhängig erscheinen wollen?

Ich habe also angefangen mich auf die Suche zu machen und habe mich in verschiedenen Frauennetzwerken umgesehen. Keines dieser Netzwerke hat sich dieser Frage gestellt: Der Frage, warum es uns so schwer fällt Männern die gleichen Gefühle zuzustehen, wie wir uns selbst. Denn auch dieses Verständnis ist etwas, dass die Kommunikation mit dem anderen Geschlecht erschwert.

Viele von uns sind so damit beschäftigt zu beweisen, dass wir genauso viel wert sind wie Männer, dass wir uns die relevanten Fragen nach den Ursachen für Unterschiede und Missverständnisse gar nicht (mehr) stellen.

Nur der nächste Schritt oder ein ganzheitlicher Ansatz?

Eines Tages bin ich durch Zufall auf ein Training gestossen, dass mir die Augen geöffnet hat. Es war ein riesige Erleichterung: Endlich hatte ich Frauen gefunden, die zusammen kommen und sich die Fragen nach ihren wahren Stärken und ihrer Verantwortung als Frau stellen. Diese Diskussionsrunden waren viel mehr als der gefühlte Quick-Fix der anderen Zusammenkünfte. 

Diese Frauen haben sich die Mühe gemacht, herauszufinden, was es wirklich braucht um bessere Beziehungen zu führen – sowohl mit anderen Frauen als auch mit Männern. Diese Frauen haben sich bedingungslos unterstützt und einander geholfen, ihre Blockaden zu überwinden.

In einem dieser Treffen haben wir darüber gesprochen, wie gefangen wir uns manchmal fühlen. Und wie schwer es für uns ist, von dem uns anerzogenen Bild Abstand zu nehmen: dem Bild, dass der Mann der Beschützer und Versorger ist. Ich möchte nicht sagen, dass alle Frauen dieses Gefühl im gleichen Ausmaß haben. Aber diese Frauen, die sich in den Treffen dieses Netzwerks ausgetauscht haben, kamen aus allen möglichen Bereichen: Selbständige, Geschäftsführerinnen, Mütter …

Es war eine solche Erleichterung, meine Gedanken mit ihnen  zu teilen. Und es war so wunderbar zu sehen, wie diese Frauen sich gegenseitig unterstützt haben. Ich habe dadurch eine Kraft in mir gefunden, von der ich nicht wusste, dass ich sie habe.

Vor einigen Wochen habe ich ein Video gesehen. Es heisst „Man up“. Es zeigt, wie schwer es für Männer immer noch ist, Gefühle zuzulassen und zu zeigen. Ich glaube, wir Frauen machen es in unserer Erwartungshaltung den Männern dabei sehr schwer.

Und ich dachte: „Eine Frau muss in sich gestärkt und weise sein, damit sie den Schmerz des Mannes wirklich aushalten und akzeptieren kann.” Für mich heisst, meine eigenen Schwächen und Unsicherheiten und Verletzlichkeiten zu akzeptieren. Wir müssen alle bereit sein, ehrlich uns selbst gegenüber zu sein: Und unsere wahre weiblichen Stärken zu sehen und danach zu leben. Denn dann könne wir auch die Tränen und Gefühle anderer aushalten – zum Beispiel die von Männern.

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