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Frauen sehen in anderen Frauen vor allem Rivalinnen: Was ist dran am Mythos?

Eine These, die sich hartnäckig hält: Frauen sehen andere Frauen vor allem als Konkurrenz – und handeln auch so. Aber was ist da dran und geht es hier tatsächlich um Urinstinkte?

 

Frauen: Die unentspannten, ewig neidenden Kratzbürsten?

Wir Frauen, die Kratzbürsten, die sich gegenseitig keinen
Erfolg gönnen
, sondern lieber auf der Treppe nach oben noch einmal den
Ellenbogen gepflegt in die Seite der vermeintlichen Konkurrentin rammen. Ja,
genau das hört man ja immer wieder. Aber auch im privaten ist das Bild der stets mit anderen konkurrierenden Frau weit verbreitet –
so pflegt mich etwa mein Bruder in regelmäßigen Abständen immer mal wieder darauf
hinzuweisen, dass er froh ist, keine Frau zu sein, die Frauenfreundschaften
pflegen muss – das sei ja wesentlich anstrengender, als unter Männern. Und ich,
ich weiß dann gar nicht so recht, was er meint – und ein wenig weiß ich es eben
doch.

Dabei habe ich das Glück, schon immer viele tolle Frauen um
mich gehabt zu haben, mit und bei denen ich
sein kann wie ich will. Das war auch schon während meiner Schulzeit so, in der meine
wichtigsten sechs bis acht Mädchen und ich wohl eine kuriose Zusammenstellung
für alle Außenstehende darstellten. Denn eigentlich, passten wir so gar nicht
zueinander. Wir interessierten uns für vollkommen unterschiedliche Musik,
hatten jeder andere Freunde, mit denen die anderen nichts anfangen konnten und
während die einen Baggypants trugen oder sich die Haare abrasierten, stopften
sich die nächsten den BH aus und übten fleißig am perfekten Lidstrich. Aber so
unterschiedlich wir waren, so sehr waren wir auch eins, wenn wir zusammen
waren. Dann konnte uns die Welt gar nichts, weil niemand diese Kette zu
sprengen vermochte, die wir gemeinsam bildeten.

Wenn der Blick auf einmal skeptischer wird

So war das, und so war es auch
nicht. Denn mit dem Älterwerden wurde auch der Blick aufeinander skeptischer: Was macht die da, kann die das, darf das sein? Teilweise ging es dabei um Jungs,
teilweise auch einfach nur darum, dass der individuelle Weg den gemeinsamen
möglicherweise gefährden würde.

In einem spannender Kommentar für die New York Times hat
Emily V. Gordon eben genau dieses Thema auch angepackt. Und während sie der Sache versucht auf den Grund zu gehen, zitiert sie unter anderem Noam Shpancer der in einem Beitrag für
Psychology Today den Grund dafür vor allem in den Urinstinkten, also die Konkurrenz um den Mann sieht. Oder vielmehr darin, dass wir es durch diesen zulassen, dass wir unsere eigenen Wert als Frau davon abhängig machen, wie Männer uns sehen.

Und so ungern man
hier abnicken will, ist das bestimmt ein Faktor – den wir aber mit Sicherheit
mit den Männern teilen. Denn wer andere
als Rivalen behandelt, versucht letztlich immer, sich hervorzutun und den
anderen klein zu machen oder zu halten. Da braucht man keine
Geschlechterunterschiede vermuten, denn sollte an den viel erwähnten Urinstinkten etwas dran sein, dann plagen sich
wohl alle Menschen auf diesem Planeten damit herum.

Was bringt uns an der anderen so auf die Palme?

Viel interessanter wird die Geschichte an dem Punkt, an dem
Gordon davon erzählt, wie sie irgendwann keine Lust mehr auf das Konkurrieren
mit Freundinnen und Frauen im allgemeinen hatte, sich nur noch mit männlichen
Kumpeln traf, bewusst unspektakuläre Kleidung trug und fortan Frauen, die sich gegenseitig die Augen ausstechen nur
noch bemitleidete. Bis ihr irgendwann klar wurde, dass das, was sie da
veranstaltete, das gleiche in einer anderen Farbnuance ist.

‚Poor her, I’d cluck at parties, wanting attention so badly. I wonder who hurt her. Let’s discuss this art rock
band I saw last week. Self-promotion: check. Degradation of rivals: check.‘

Und ja, auch hier scheinen wir wieder
an dem Punkt zu sein, dass es wir es mit dem ewigen Kampf, um das genetische
Material zu tun. Aber, und diesen Gedanken will ich von Gordon aufgreifen,
vielleicht liegt das, warum wir dauernd oder so leidenschaftlich gerne mit anderen Frauen konkurrieren, weniger
in unseren Urinstinkten begründet, als daran, das was uns an ihnen besonders stört, das ist, was
wir an uns selbst am wenigsten leiden können.

Kämpfen wir am Ende gegen uns selbst?

Die andere Frau ist überambitioniert? Furchtbar! Sie liebt die
Aufmerksamkeit anderer ? Schrecklich! Sie nimmt ihre Aufgabe viel zu lässig?
Alarm! Und genau an diesem Punkt ist für mich etwas dran. Kennt ihr den Satz,
den viele gerne über ihre Mutter sagen? „Wir sind uns einfach zu ähnlich, bei
uns knallt es schnell.“ Und ja, ich kenne den auch nur zu gut.

Und hier geht es
nicht zwingend um die Situation, dass zwei Dickköpfe aufeinanderprallen, sondern
dass man die Spiegelung dessen, was man selber gerne unter den Tisch kehren
möchte, nicht ertragen kann. Und diese Spiegelung liegt bei gleichem Geschlecht
eben meist näher.

Statt dass wir andere Frauen angehen und mit ihnen wegen ihrendwelcher Urinstinkte den Konkurrenzkampf bis aufs Blut ausfechten, handelt sich hier also vielleicht eher um eine Privatfehde,
die man mit sich selbst führt. Die wir dann anderen auf den Leib kleistern,
weil das einfacher ist, als sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Erschwerend hinzu kommt, dass wir an uns selbst und auch oft anderen Frauen gegenüber, die Erwartungen dermaßen hoch hängen, dass wir und sie einfach nur verlieren können. Nur um dann hinterherzuschießen: Hab ich ja gesagt!

Natürlich gilt das nicht für jede Frau, für alle aber, die sich hier wiedererkennen, sei hier die gute Nachricht:
Wenn der Drang miteinander zu konkurrieren nicht in unseren Genen liegt – dann muss das ja alles nicht sein. Am Ende geht es darum, entspannter und liebevoller mit uns selbst sein, denn dann können wir das sicher auch mit unserem Umfeld so
handhaben. Ganz gleich, ob Mann oder Frau.

‚When we each focus on being the
dominant force in our own universe, rather than invading other universes, we
all win.‘

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