Foto: unsplash | Frank Park

Gibt es jetzt eine „Pflicht zum Haut zeigen” an europäischen Stränden?

Als ich die Berichte darüber las, dass gestern eine Frau an einem Strand bei Nizza „aufgefordert” wurde, sich Teile ihrer Kleidung zu entledigen, war meine erste Reaktion: Bestürzung. Und dann kam die Wut.

 

Bekleidet am Strand? Geht nicht!

So kritisch und patriarchalisch ich verschleiernde Mode betrachten mag – so unkritisch kann ich sagen: Jede Frau dieser Welt soll sich immer und überall ihren Wünschen, ihrer Kultur und ihrer Persönlichkeit entsprechend kleiden dürfen. DAS durchzusetzen muss Aufgabe von Gesellschaft und Politik sein. Leider ist es aber meist umgekehrt. Bilder auf Twitter zeigen Nonnen am Strand, eine Iranerin, die wegen eines nicht korrekt sitzenden Kopftuches ermahnt wird und Kontrollen von Badekleidung zu Beginn des letzten Jahrhunderts an einem europäischen Strand. Allein diese Mischung zeigt, wie absurd, wie rassistisch, wie sehr entgegen jeglichen Empowerments die aktuellen Entwicklung sind.

Würde ich, als blonde Europäerin an irgendeinem Strand dieser Welt, mit Kleidung und einem Tuch oder einem Hut auf dem Kopf, sitzen – niemand würde mich auffordern, mich zu entkleiden. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Wahrscheinlich würde angenommen, meine Haut würde besonders sensibel auf Sonne reagieren oder ähnliches. Und wenn ich es genau bedenke: Im Grunde würden wir – die wir besessen sind von Bräune – gut daran tun, am Strand, im Schwimmbad und im Alltag unsere Haut durch weitaus mehr zu schützen, als wir es bisher tun. Aber das sollte eben die Entscheidung jeder einzelnen sein.

Wie verhält es sich jetzt eigentlich mit Taucheranzügen? Mit Surfbekleidung? Und gibt es jetzt eine „Pflicht zum Haut zeigen” an europäischen Stränden? Ist das gekoppelt an eine bestimmte Temperatur? Oder sitzen wir zukünftig nicht mehr in dicker Winterjacke am winterlichen Nordseestrand und lassen uns den Kopf durchpusten?

Kleidungsvorschriften gegen Unterdrückung?

Genau das müssten wir viel öfter machen. Luft ins Gehirn lassen, politische Entscheidungen hinterfragen, Ansätze weiter denken. Und die Staatsgewalt sollte sich doch vielmehr um diejenigen kümmern, die genau das nicht machen. Die so voller Groll, Hass und dem Glauben an simple Zusammenhänge sind, dass sie annehmen, Kleidungsvorschriften würden etwas ändern. Würden Europa sicherer machen. Würden Frauen emanzipieren.

Ein Mangel an Vielfalt und Wahlfreiheit – das bringt uns nur eines mit Sicherheit: Konformität, Kontrolle und Misstrauen. Und das ist wirklich bedenklich für Frauenrechte, Demokratie und Meinungsfreiheit.

Was ist es denn die Konsequenz eines Burkini-Verbots? Die Konsequenz wird doch sein, dass Frauen aus der Öffentlichkeit ferngehalten werden, keinen Wassersport betreiben dürfen und im Zweifelsfall auch von Bildungsangeboten (Schwimmunterricht) abgehalten werden. Was ein Verbot hingegen nicht bringen wird: Integration. Denn wer möchte sich an „Werte anpassen”, die sich vor allem aus Abgrenzung speisen? Frei nach dem Motto „Wir sind, was wir NICHT sind.”

Und was am erschreckendsten ist: Offensichtlich gibt es unzählige Politiker*innen, die glauben, dass es genau so läuft und dass Zusammenhänge so simpel sind. Dass die „Unterdrückung der Frauen” passé ist, wenn „das Symbol dieser Unterdrückung” verboten wird.

Das ist so, als würde davon ausgegangen, dass sexualisierter Gewalt begegnet werden könnte, indem man Frauen auffordere, sich doch bitte einfach mehr anzuziehen.

Ach Moment – dieses „Victim Blaming” durchzieht ja noch immer jegliche öffentliche Diskussion über sexualisierte Gewalt. Also was jetzt? Wir sollen uns möglichst viel anziehen, um keine Übergriffe zu erfahren, aber gleichzeitig möglichst wenig, um damit als Symbol von Freiheit und Demokratie herzuhalten?

Hier kann etwas gewaltig nicht stimmen.

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