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Liebe Studenten, vergleicht euch nicht zu viel mit anderen

Ein Job am Goethe-Institut ist für viele Geisteswissenschaftler wie ein Sechser im Lotto. Wie Sophia es bereits nach ihrem Bachelorstudium geschafft hat, dort eine Festanstellung zu bekommen, erzählt sie uns im Interview.

 

„Vergleiche sind die größte Selbstsabotage
an der eigenen Person“

Wer Geisteswissenschaften studiert und sich zur sogenannten Generation Praktikum zählt, neigt oft zu pessimistischen Vergleichen mit jenen, die bereits ein Volontariat oder einen richtigen Job ergattert haben. Selbstmitdleid und Zweifel haben bekanntlich jedoch selten zum Erfolg geführt. 

Sophia Karimi hat sich deshalb bewusst dagegen entschieden, sich den ermüdenden Vergleichen mit ihrem Umfeld auszusetzen, als sie sich für ihren Bachelor in Germanistik und Kulturanthropologie einschrieb. Heute hat sie mit bereits 25 Jahren einen festen Job in der Programm-Abteilung des Goethe-Instituts in Amsterdam. In einem gemeinsamen Gespräch erzählt sie, wie es dazu kam.

Bild: Sophia Karimi

Was wolltest du als
Kind werden?

„Ich wollte ganz lange Schauspielerin werden. Seit wir in
der dritten Klasse zu Weihnachten das Stück ‚Hilfe die Herdmanns kommen’ spielten,
in dem ich die Rolle der Eugenia hatte. Mit zehn Jahren habe ich schließlich begonnen
Schauspielunterricht an einem Kinder- und Jugendtheater in Lüneburg zu nehmen und erst nach elf
Jahren wieder aufgehört, als ich für mein Studium nach Göttingen gezogen bin.“

Eine
Schauspiel-Ausbildung kam aber nicht in Frage?

„Einige meiner Freunde, mit denen ich zusammen Theater
gespielt habe, wurden später tatsächlich an renommierten Schauspielschulen
genommen. Ich selbst habe mich aber dagegen entschieden, an Vorsprechen
teilzunehmen, weil ich es mir letztlich doch nicht wirklich zugetraut habe.

 Im Nachhinein
bin ich froh darum. Mir hat die Zeit am Theater wirklich großen Spaß gemacht, aber
im Grunde lagen schon damals meine Stärken mehr in der Textarbeit und in der
Organisation unserer Vorstellungen, als in der Schauspielerei.“

„Ich
musste mich ganz offiziell auf diese Stelle bewerben und  im
Vorstellungsgespräch überzeugen. Niemand bietet dir dort einfach so
einen Job an.“

Wie hast du die Wahl deiner
Studienfächer getroffen?

„Ich habe mich für die Fächerkombination Germanistik und
Kulturanthropologie entschieden, weil ich wusste, dass es auf jeden Fall etwas
Geisteswissenschaftliches
sein sollte. Zudem komme ich aus einem
Literatur-affinen Haushalt und habe immer super viel gelesen.

Ganz so einfach
war es dann aber auch nicht. Anglistik und Theaterwissenschaften hörten sich
auch spannend an und unter Kulturanthropologie konnte ich mir eigentlich gar
nicht so viel vorstellen. Am Ende hat es sich dann einfach so gefügt, weil ich in
Göttingen für diese beiden Fächer angenommen wurde.“

Wieso sollte es auf
jeden Fall etwas Geisteswissenschaftliches sein und nichts „Vernünftiges“ wie
zum Beispiel Jura?

„Jura zu studieren hätte mich tatsächlich gereizt, weil ich
finde, dass man daraus einen unglaublich ehrenwerten Beruf machen kann. Das finde
ich generell sehr wichtig. Nach allem, was man so hört, hatte ich allerdings
keine Lust auf das nervenaufreibende Jura-Studium. Für mich stand immer fest,
dass das Studium eine Zeit des Ausprobierens sein sollte, in der ich mich
selbst und die Dinge, die mich schon immer interessiert haben, besser kennen
lernen wollte. Deshalb hat es auch vorerst keine große Rolle gespielt, ob das
Wissen, dass ich mir im Studium aneigne, später zu einem konkreten Beruf
führt.“

Hat es dich dennoch
irgendwann gestört, dass du mit deinem Studium keinen zielgerichteten Weg vor
dir hattest?

„Im ersten halben Jahr meines Studiums war ich schon froh,
wenn ich den richtigen Hörsaal gefunden habe. Irgendwann habe ich aber
natürlich begonnen mir Gedanken zu machen, wie meine
berufliche Zukunft aussehen könnte. Das Studium habe ich von dieser Entscheidung aber, nach wie vor, losgelöst gesehen.

 Um einen Ausgleich zum vielen Lesen und
Lernen zu schaffen, habe ich oft an Workshops teilgenommen oder Artikel über
Bücher und Veranstaltungen für das Uni-Magazin LitLog geschrieben. Diese
Erfahrungen und das Volontariat, welches ich während meines zweiten
Studienjahrs gemacht habe, sehe ich als wichtigen Teil meiner Ausbildung an.“

„Ich sehe die
Möglichkeit, die sich mir geboten hat, auf jeden Fall als großen Glückfall an.“

Was war das für ein
Volontariat, das du schon während deines Studiums machen konntest?

„Über einen Verteiler in der Germanistik bin ich auf die
Stellenausschreibung des Literarischen Zentrums gestoßen, in der es hieß, dass
man dort ein Jahr lang während seines Studiums praktische Erfahrungen in den Bereichen
Pressearbeit, Moderation und Programmgestaltung sammeln könnte. Das klang
absolut perfekt und es bedeutet mir auch heute noch viel, dass ich die Stelle
damals bekommen habe. Die Erfahrungen, die ich am Zentrum in Sachen PR und
Programm-Organisation gelernt habe, gehören mitunter zur wichtigsten
Vorbereitung auf meinen jetzigen Job.“

Wie bist du auf die
Idee gekommen, nach deinem Bachelor nach Amsterdam zu gehen? 

„Das war eine sehr unsichere Entscheidung. Ich war nach
meinem Bachelor zunächst noch für ein Erasmus-Semester in Kopenhagen und wollte
danach nicht zurück nach Göttingen gehen. Dort hat mich einfach nichts mehr gehalten. Und da ich
ohnehin ein großer Freund von spontanen Entscheidungen bin, habe ich
beschlossen nach Amsterdam zu gehen und dort mein Glück zu versuchen.

 Wie sich
gezeigt hat, hatte ich dort wirklich eine Menge Glück und bekam nach relativ kurzer
Zeit eine Praktikumsstelle im Programm-Bereich des Goethe-Instituts, wo ich
inzwischen fest angestellt bin.“

Hat man dir den Job direkt anschließend an dein Praktikum angeboten?

„Nein, so einfach war es nicht. Das Praktikum ging drei
Monate und danach habe ich noch eine Art externe Projektmitarbeit für das
Institut übernommen, bei der ich vor allem Konzeptpapiere anfertigen oder die
inhaltlichen Schwerpunkte für das Kulturprogramm der kommenden Jahre
mitausarbeiten sollte. Dass dann ausgerechnet
eine Stelle in der Programmabteilung frei wurde, war absoluter Zufall. Ich
musste mich aber trotzdem ganz offiziell auf diese Stelle bewerben und meinen
Chef im Vorstellungsgespräch überzeugen. 

Es bietet dir dort niemand einfach so einen Job an, zumal
meine Kollegen gar nicht wussten, dass ich vorhatte in Amsterdam zu bleiben. Ich
hatte ja nur einen Bachelor und es hätte somit gut sein können, dass ich erst
einmal noch meinen Master machen wollte.“

„Die meisten meiner Freunde studieren noch oder machen Praktika.“

Der Master kam für
dich aber nicht in Frage?

„Ich habe schon darüber nachgedacht. Nach dem Bachelor war
mir jedoch klar, dass ich eher eine Praktikerin bin und nicht unbedingt in den
Uni-Betrieb gehöre. Ich arbeite nicht gern allein im stillen Kämmerlein. Viel
lieber bin ich unter anderen Leuten, mit denen ich mich austauschen kann. 

Durch die Arbeit im Kulturprogramm habe ich zudem immer die
direkten Resultate meiner Planung vor Augen, was sehr hilfreich für die eigene
Motivation ist. Als sich mir also diese frühe Berufsmöglichkeit bot, habe ich
sie ergriffen. Ob ich den Master noch irgendwann nachhole, weiß ich nicht – man soll ja niemals nie sagen.“

Musst du als
Mitarbeiterin am Goethe-Institut auch alle paar Jahre deinen Standort wechseln?

„Diese
Regelung gilt nur für jene Mitarbeiter, die von der Zentrale des Goethe-Instituts in München
dafür eingesetzt werden. Wenn man diesen Weg geht, rotiert man alle fünf Jahre,
damit die internationalen Standorte regelmäßig neu besetzt werden.

Ich selbst
bin allerdings fest als Ortskraft am Goethe-Institut Amsterdam eingestellt. Die Ortskräfte bleiben, wie der Name schon sagt, vor Ort und bilden das feste
Kollegium der Institute. Sie kennen sich mit den Verhältnissen vor Ort sehr gut
aus und sprechen die Landessprache. Da ich inzwischen fließend Niederländisch spreche, konnte ich mich also auch auf die Stelle bewerben.“

Kannst du Beispiele
nennen, welche Aufgaben du in der Programm-Arbeit übernimmst? 

„Ich habe zwei Hauptaufgaben: Das eine ist die
Organisation und Durchführung kultureller Veranstaltungen für das
Goethe-Institut Amsterdam. Dabei geht es um die inhaltlichen Ausrichtung der
Veranstaltungen und darum diese mit den Standards und Kernzielen des Instituts
zu verbinden. Das zweite
ist die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für beide Standorte in den
Niederlanden, also auch Rotterdam. Dort kümmere ich mich entsprechend auch um die Außen-Kommunikation für Projekte, die ich nicht selbst inhaltlich plane.

Wichtig ist
außerdem, dass ich mich viel über unsere deutsche Partnerszene informiere, um die niederländische und deutsche
Kulturszene verbinden zu können. Dementsprechend gehört es manchmal auch zu
meinen Aufgaben, eine
Reise zu planen oder Konzeptpapiere
zu schreiben.“

Welche Arten von
Veranstaltungen sind das, die du organisierst?

„Das sind meistens
ganz verschiedene kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Diskursbeiträge
oder Filmvorführungen. Momentan
beschäftige ich mich unter anderem damit, eine neue Jazzreihe aufzusetzen. 

Seit kurzem habe ich außerdem die PR für das Goethe-Institut
in Amsterdam und in Rotterdam übernommen und darf in diesem Zusammenhang eine
Wanderausstellung mitbegleiten, bei der Schüler aus den Niederlanden interaktiv
etwas über deutsche Erfindungen lernen. Das macht besonders großen Spaß, da ich
hier auch mit dem Sprachen-Bereich des Goethe-Instituts zusammenarbeite und ich
merke, wie mein Aufgabenbereich immer breiter wird.“

„Seitdem ich den Job habe, bin ich mir meiner selbst auf
jeden Fall sicherer geworden und es ist ein super Gefühl, wenn man zum ersten
Mal seine eigene Miete bezahlen kann.“

Wie informierst du
dich darüber, was in der deutschen und der niederländischen Kulturszene gerade
angesagt ist?

„Meistens lese
ich morgens ganz klassisch den
‚Perlentaucher’

und die Tagesszeitungen und bin
ansonsten einfach auf sehr vielen Events wie Ausstellungseröffnungen, Konzerten
und Literaturfestivals unterwegs. Mit der Zeit habe ich mir darüber hinaus
natürlich ein gewisses Netzwerk aufgebaut, durch das ich vieles mitbekomme.“

Durch welche Dinge
unterscheidet sich deiner Meinung nach die deutsche Kulturszene von der
niederländischen?

„Generell würde ich sagen,
dass die Unterschiede zwischen den beiden Szenen deutlich geringer sind, als es
bei anderen internationalen Standorten des Goethe-Instituts der Fall ist. Was
mir allerdings immer wieder auffällt, ist, dass die Veranstaltungskonzeption in
Deutschland, besonders was das Format der Lesung angeht, viel ernster von Statten
geht. 

In Deutschland werden kulturelle Veranstaltungen gerne von
Moderatoren aus dem Wissenschaftsbereich begleitet, wodurch der Unterhaltungsaspekt
etwas in den Hintergrund gerät. In den Niederlanden wird hingegen einiges lockerer gesehen.“

Siehst du es selbst
als Besonderheit an, dass du bereits mit 25 einen so tollen Job bekommen hast?

„Ich sehe die
Möglichkeit, die sich mir geboten hat, auf jeden Fall als großen Glückfall an.
Mein Job macht mir unglaublich viel Spaß und dazu übe ich auch noch eine vielfältige
und ehrenwerte Tätigkeit aus. Natürlich bekomme ich aber auch häufig von Partnern
des Instituts oder Bekannten das Feedback, dass ich noch relativ jung bin. Für die Aufgaben innerhalb meines Jobs
spielt mein Alter allerdings keine große Rolle. 

Für mich persönlich überwiegt viel mehr das ungewohnte Gefühl, plötzlich einen
richtigen Job zu haben. Die meisten meiner Freunde studieren noch oder machen Praktika.

„Das einzige, was ich wirklich bereue, sind
die Selbstzweifel, die ich mich nachts wach gehalten haben, wenn ich um vier Uhr
morgens dalag und Dinge dachte, wie: ‚Oh Gott, ich studiere Germanistik und
Kulturanthropologie, was soll ich denn nur machen?! Hilfe!’“

Vergleichst du dich
in dieser Hinsicht stark mit deinen Freunden aus der
Uni-Zeit?

„Ich vergleiche mich schon ab und an mit anderen in meinem Alter
und registriere es, wenn jemand mit dem, was er oder sie macht, Erfolg hat.
Tatsächlich habe ich aber noch nie in die andere Richtung gedacht, nach dem
Motto: Ich bin schon hier und die sind noch da. 

Vergleiche sind meiner Meinung nach die größte Selbstsabotage
an der eigenen Person. Als für mich beruflich noch nichts Konkretes in Aussicht
war, habe ich für mich entschieden, mich nicht den Vergleichen mit anderen
auszusetzen.“ 

Bereust du
rückblickend Entscheidungen, die du während deines Studiums
getroffen hast?

„Wenn ich jetzt an die Zeit meines Studiums zurückdenke, würde
ich eigentlich nichts anders machen. Das einzige, was ich wirklich bereue, sind
die Selbstzweifel, die ich mich nachts wach gehalten haben, wenn ich um vier Uhr
morgens dalag und Dinge dachte, wie: ‚Oh Gott, ich studiere Germanistik und
Kulturanthropologie, was soll ich denn nur machen?! Hilfe!’ Solche Gedanken
haben mich nur Energie gekostet runtergezogen.“

Haben die Sorgen denn
jetzt ein Ende, seitdem du einen sicheren Job hast?

„Seitdem ich den Job habe, bin ich mir meiner selbst auf
jeden Fall sicherer geworden und es ist ein super Gefühl, wenn man zum ersten
Mal seine eigene Miete bezahlen kann. Der Berufseinstieg war aber wirklich eine
große Nummer für mich und gerade in den ersten Wochen meines neuen Berufslebens
habe ich hin und wieder daran gezweifelt, ob ich das alles schaffen kann.“  

Was würdest du
anderen raten, die bald mit ihrem ersten richtigen Job beginnen?

„Alles fügt sich Step
by Step. Obwohl ich mich inzwischen schon recht gut in meinem Arbeitsalltag
zurechtfinde, zögere ich nie, meinem Team und meinem Chef Fragen zu stellen.
Besser man fragt einmal zu viel als zu wenig. Ich denke das Wichtigste ist zudem
wirklich, an sich selbst zu glauben und sich nicht ständig mit anderen zu
vergleichen.“

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