Foto: Quin Stevenson | Unsplash

Was verunsichert den modernen Mann und was macht ihn glücklich?

Was unterscheidet die Männer heute von ihren Vätern, mit welchen Problemen und Herausforderungen sehen sie sich konfrontiert? Darüber haben wir mit Christoph Amend, Chefredakteur des Zeitmagazins, gesprochen.

 

Mann, was treibt dich um?

Wann ist ein Mann ein Mann? Die von Herbert Grönemeyer wunderbar vertonte Frage hat man vor nicht allzu langer Zeit gerne mit gepflanzten Bäumen, gezeugten Kindern, gebauten Häusern, Motoröl und Muskelpaketen beantwortet. Aber wie sieht das heute aus? Heute hört man immer wieder, dass Männer es schwer haben – schließlich wüssten sie aufgrund der wilden Rollenbildverschiebungen kaum noch, was von ihnen erwartet wird und was sie eigentlich von sich selbst erwarten sollen.

Aber stimmt das denn – unterscheiden sich die Männer heute wirklich so sehr von ihren Vätern, und welche Herausforderungen sowie Probleme treiben sie dabei um? Darüber haben wir mit Christoph Amend (42), Chefredakteur des Zeitmagazins und des „Zeitmagazins Mann“, dessen erste Ausgabe im September veröffentlich worden ist, gesprochen.

Lass uns über den „neuen Mann“ reden. Was macht ihn denn grundsätzlich aus? Und wenn wir ihre Väter miteinbeziehen – was grenzt sie von dieser Männergeneration ab?

„Ich bin vorsichtig mit dem Etikett der ‚neuen Männer’, nicht weil ich glaube, dass es sie gar nicht gibt, sondern weil sie nicht unbedingt nur in einer Generation zu finden sind. Ich kenne Männer von Mitte 20 bis weit über 70, die sich heute den großen Fragen stellen: Wie will ich leben? Mit wem? Und welche Entscheidungen muss ich für mich treffen, um ein glücklicherer Mensch zu sein?“

Der Begriff ist also weniger vom Alter, sondern vom Lebensgefühl und veränderten Bedürfnissen abhängig?

„Ich glaube schon, dass man ein paar Jahre gelebt, Erfahrungen gesammelt und auch Fehler gemacht haben muss, um sich diesen großen und kleinen Fragen des Lebens stellen zu wollen. Andererseits erinnere ich mich auch noch gut daran, dass ich mit Anfang 20 immer von Älteren wissen wollte, wie sie ihr Leben hinbekommen. In der ,jetzt-Redaktion in München, wo ich damals gearbeitet habe, bin ich deshalb auf die Idee zu einer Interviewreihe gekommen: ‚Lernen von den Alten’.“

Aus Männersicht: Worin besteht heute die Männlichkeit eines Mannes?

„Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.“

Aber schaut man sich bei Dating-Apps die Bilder von Männern an, dann scheint die eigene Vorstellung eines attraktiven Mannes immer noch sehr von Anzügen und Muskeln geprägt. Wahr?

„Die ewigen Disco-Muskeln! Ja, wir Männer scheinen bei der Selbstdarstellung auf Fotos noch in der Findungsphase zu sein. Sascha Chaimowicz hat für das erste „Zeitmagazin Mann“ darüber einen sehr unterhaltsamen persönlichen Text geschrieben. Ihr Frauen habt auf dem Gebiet einfach mehr Erfahrung. Wir lernen auch noch, dass subtil manchmal besser ist, versprochen!“

Was verunsichert Männer heute besonders? Ist es wirklich die Veränderung des eigenen Rollenbildes oder ist es nicht vielmehr das veränderte Rollenbild der Frau?

„Ich glaube nicht, dass es DIE Männer gibt, die alle gleich ticken, aber allgemein gesprochen sind Männer wohl etwas hintendran. Durch ihre Rolle in einer männerdominierten Welt waren Frauen viel früher gezwungen, über ihre eigenen Wünsche und Träume nachzudenken. Männer holen das gerade nach – was man auch daran erkennen kann, dass erst seit kurzem in Krankenversicherungsstatistiken abzulesen ist: Männer gehen mittlerweile öfter zum Therapeuten.“

In einem Text auf Zeit Online von Daniel Erk heißt es: „Wenn ich als Mann sowieso und immer ein Schwein bin, wieso dann überhaupt noch die Mühen?“ Ist das tatsächlich ein Gefühl, das den Mann heute umtreibt? Aus meiner Sicht ist ihre Position immer noch recht bequem.

„Erst einmal finde ich es erfrischend, wenn beim Thema Frauen – Männer alles gesagt und geschrieben wird, was gefühlt und gedacht wird. Wenn ich Daniel richtig verstanden habe, meinte er das eher als eine Art Hilferuf: Er versucht alles richtig zu machen, als Mann, Vater, Kollege und fühlt sich immer noch gedisst. Ich weiß gar nicht, ob es allen jungen Vätern so geht, aber bequem hörte sich das für mich nicht an.

Kürzlich war in der SZ zu lesen, dass Emanzipation die Erotik zerstört, sexuelle Anziehungskraft (bei heterosexuellen Paaren) also immer noch aus traditionellen Rollenbildern entsteht. Was denkst du über diese These?

„Ich kenne den Text nicht, aus dem du zitierst, aber in dieser Kurzform halte ich die These für Quatsch. Emanzipation ist sexy.“

Wenn ich Gespräche mit Männern zwischen Mitte 20 und Mitte 40 führe, kommt es tatsächlich immer wieder zu dem Punkt, dass sie nicht genau wissen, was von ihnen – insbesondere von Frauen – nun als Mann oder genauer als (potentieller) Partner erwartet wird. Glaubst du, hier haben sich tatsächlich Vorstellungen oder Wünsche an den Mann verändert?

„Oh, mir scheint, du kannst die Frage viel besser selbst beantworten! Was denkst du?“

Nun ich würde es in Frage stellen – und mir hier und da noch mehr von der Veränderung wünschen, über die wir heute in Bezug auf Mann und Frau so oft als etwas sprechen, das bereits passiert ist. Meist stehen wir dabei aber noch in Verhandlungen, nicht wahr? Spreche ich nämlich mit Frauen meines Alters um die 30 oder aber mit Frauen aus der Generation meiner Mutter, habe ich nicht das Gefühl, dass sich die Vorstellungen von einem potentiellen Partner grundlegend unterscheiden. Am Ende landen alle schnell bei dem Klassiker: gefühlvoller, humorvoller Mann, der seine Ziele verfolgt. Woher also die Unsicherheit?

„Über die eigene Rolle nachzudenken, sind Frauen seit Jahrzehnten gewohnt, Männer erst seit einiger Zeit. Das spielt natürlich eine Rolle. Aus eigener Beobachtung kann ich aber auch sagen: dieses lahme Alltags-Machotum, hier ein doofer Spruch, da ein platter Witz, das es ja immer noch gibt, wirkt mittlerweile unendlich altbacken. Und wird deswegen auch verschwinden. Wenn manche Männer durch diese Veränderung verunsichert sind: fine with me.“

Gerade erst ist wieder eine repräsentative Langzeitstudie der University of Connecticut erschienen, die über 15 Jahre geführt wurde und die zeigt, dass sich viele Männer von der Versorgerrolle erdrückt gefühlt haben. Liegt hier eine ganz neue Freiheit, die auch Angst machen kann?

„Ja. Wenn scheinbar alles möglich ist, steigt der Druck, auch alles möglich zu machen, bei Frauen wie bei Männern. Dabei geht es ja eher darum, herauszufinden, welche von den vielen Möglichkeiten zu leben, dich glücklich macht. Dafür musst du ab und zu Entscheidungen treffen, davon erzählen wir im ‚Zeitmagazin Mann.’ Das kann ein 96-Jähriger sein, der in diesem Alter anfängt Wein anzubauen – oder ein Endzwanziger, der ein paar Millionen in den Wind schießt, weil er unglücklich in seinem Job ist. Beide porträtieren wir in der ersten Ausgabe.“

Wenn die Generation Golf noch mit dem richtigen Auto glücklich war, welche Statussymbole sind für Männer dann heute erstrebenswert? Und gibt es die überhaupt noch im materiellen Sinne?

„Na klar gibt es die noch, sonst würde es den entsprechenden Industrien nicht so gut gehen. Und warum auch nicht? Männer wollen gut aussehen, gut angezogen sein, sie wollen sich nur nicht dabei erwischen lassen. Das richtige Küchenmesser, die perfekte Kaffeemaschine, ein cooles Rad, da kommt schnell viel zusammen, wenn wir alles aufzählen würden. Aber nicht jeder interessiert sich für alles, das wäre auch kaum auszuhalten, und tatsächlich funktioniert Status heute längst auch anders: Wieviel Zeit hast du, wie spontan kannst du leben, wie frei bist du? Aber auch ein traditionelles Statussymbol wie das Auto spielt immer noch eine Rolle, nur eben anders definiert: Bei uns schreibt die Zeit-Politikredakteurin Elisabeth Raether eine Autokolumne, ‚Die Fahrende Frau’, weil wir hier die üblichen Autotestklischees vermeiden wollen. Und sie wird nie Kleinwagen testen, nur die Spitzenmodelle.“

Apropos: Wo sucht der neue Mann eigentlich sein Glück?

„Vor ein paar Jahren habe ich einen englischen Unternehmensberater kennengelernt, der Topmanager berät. Er sagte: ‚Zum Geheimnis eines glücklichen Lebens gehört, dass du etwas regelmäßig ausschließlich für dich machst. Wichtig ist, dass es nichts mit deiner Familie und nichts mit deiner Arbeit zu tun hat.’ Ich habe ihn gefragt, was das in seinem Leben ist, und er hat eine sehr britische Antwort gegeben: ‚Ich gehe jeden Freitagabend mit meinen zwei besten Freunden in den Pub bei mir um die Ecke.’“

Und was ist es bei dir?

„Etwas ähnlich Banales: Ich schaue samstagnachmittags Bundesliga, das entspannt mich, weil ich einerseits Fußball als Spiel liebe, und andererseits das alles natürlich auch völlig unwichtig ist.“

Ich habe neulich einen Mann kennengelernt, der eine Männergruppe leitet. Dort werden gerade solche Probleme mit den veränderten Rollenbildern besprochen. Am Ende unseres Gespräches kristallisierte sich heraus, dass es häufig ein Problem ist, dass die heute jungen Männer von ihren Vätern nicht gelernt haben, so offen ihre Probleme und Sorgen zu kommunizieren, wie wir Frauen das seit jeher untereinander machen. Oder ist das wieder nur ein Klischee von vielen?

„Ich glaube schon, dass die Generation unserer Väter mehr mit uns gesprochen hat als deren Väter, die oft Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren. Das Nicht-Erzählen hat deshalb in Deutschland eine besondere, traurige Tradition, ich habe darüber mal ein Buch geschrieben. Diese Tradition lässt sich nicht einfach von heute auf morgen unterbrechen, aber wenn ich die jüngeren Väter um mich herum sehe, dann beobachte ich schon, dass sie oft ein noch engeres, offeneres Verhältnis zu ihren Söhnen haben.“

Von Moritz von Uslar…

„… das ist zum Beispiel einer von diesen Vätern, die ich meine…“

… ist im ersten „Zeitmagazin Mann“ zu lesen, dass Männer es irgendwann bereuen werden, nie wirklich getanzt, sondern nur an der Bar mitgewippt zu haben. Was glaubst du, werden die Männer von heute irgendwann bereuen?

„Wenn sie etwas nicht ausprobiert haben, was sie gerne ausprobiert hätten. Um es mit meinen alten Hip-Hop-Helden EPMD zu sagen, die schon vor dreißig Jahren über das Leben gerappt haben: ‚It’s like Lotto / You have to be in it / to win it.’“

Unser Gesprächspartner Christoph Amend, Chefredakteur des „Zeitmagazins“. Bild: Eckhard Farbe.

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