Foto: Yennifer Dallmann-Villa

„Ich möchte die Mütter wieder sichtbar machen, die bei einer Adoption zurückgelassen werden“

Die Geschichte einer Adoption wird in der Regel nicht aus Sicht der leiblichen Mütter erzählt. Genau das möchte die Fotografin und Aktivistin Yennifer Dallmann-Villa ändern, indem sie den Frauen mit einer Wanderausstellung ein Gesicht und eine Stimme gibt.

 

„Jeder Mensch hat das Recht zu wissen, wer seine Eltern sind“

Die Geschichte einer Adoption wird in der Regel nicht aus Sicht der leiblichen Mütter erzählt. Genau das möchte die Fotografin und Aktivistin Yennifer Dallmann-Villa ändern, indem sie den Frauen mit einer Wanderausstellung ein Gesicht und eine Stimme gibt.

Das Bild von einer Adoption wird in der Regel sehr einseitig gezeichnet, sagt die Fotografin und Aktivistin Yennifer Dallmann-Villa. Welche Beweggründe die leiblichen Mütter hatten, ihre Kinder zur Adoption freizugeben, ob sie überhaupt eine Chance hatten, anders zu handeln und wie das ihre eigenen Biografien beeinflusst, bleibt im Verborgenen. 

Die 29-Jährige, die selbst als Kleinkind in Kolumbien adoptiert worden ist und sich seit zehn Jahren zum Thema engagiert, möchte die Frauen mit der Wanderausstellung „No mother, No child“ aus der Anonymität holen. Deshalb hat die Kölnerin eine Kickstarter-Kampagne gestartet, um in ihrem Geburtsland Kolumbien ein Foto-Projekt durchführen zu können. Anschließend wird sie damit die Geschichten der Frauen an den Ort bringen, wo viele der international Adoptierte leben – hier in Europa. 

Wir haben mit ihr über ihre eigene Geschichte, die Erfahrung der Adoption und darüber geprochen, warum es auch für Adoptierte so wichtig ist, diesen Frauen eine Stimme zu geben. 

Yennifer, du bist selbst in den 90ern in Kolumbien adoptiert worden – wann hast du davon erfahren? 

„Ich wusste immer davon. Meine Eltern haben mir von klein auf die Geschichte erzählt, wie sie mich in Kolumbien abgeholt haben. Es gab, wie typisch in den 90ern, ein Homevideo auf VHS mit der Reise meiner Eltern nach Kolumbien und wie wir gemeinsam in Deutschland angekommen sind.“ 

Hättest du gerne früher davon gewusst – oder ganz im Gegenteil, lieber nicht erfahren, dass du adoptiert bist? 

„Ich habe zu dem Zeitpunkt von der Adoption erfahren, als sie mir widerfahren ist. Ich war ein Kleinkind, konnte schon laufen und habe einige Wörter Spanisch gesprochen. Mir muss schon ganz genau klar gewesen sein, dass ich jetzt mit Fremden mitgehe, die meine Eltern werden sollen. Ich bin froh, dass meine Eltern nicht versucht haben, mir diese Wahrheit vorzuenthalten. Ich finde, jeder Mensch hat das Recht zu wissen, wer seine Eltern sind. Geheimnisse und Lügen, gerade in dieser Größenordnung, wirken sich negativ auf die Beziehung zwischen Menschen aus. Wenn ich eine schlechte Nachricht erhalte und in Bestürzung darüber bin, denke ich vielleicht kurz: ‚Hätte ich das mal besser nie gewusst!’ Aber am Ende bin ich immer froh, nicht mehr länger getäuscht zu werden.“ 

Die Identitäten der Frauen, deren Kinder international adoptiert werden, werden häufig verschleiert. Auch du kennst deine Mutter bis heute nicht – hast du versucht sie zu finden? 

„Mit den wenigen und fragwürdigen Informationen die ich habe, ist es von Deutschland aus nicht  möglich, meine Mutter zu finden. Das Jugendamt in Kolumbien antwortet auf meine Anfragen nicht. Sie müssen im Besitz meiner vollständigen Adoptionsakte sein und auch meine originale Geburtsurkunde vorliegen haben. Sie sind unter den Adoptierten jedoch dafür bekannt, Akten zurückzuhalten, zu vernichten oder zu fälschen. Für die meisten international Adoptierten wird es niemals möglich sein, ihre Mutter zu finden.“ 

Weißt du, ob es sich bei dir um eine freiwillige oder eine Zwangsadoption handelt?

„Ich weiß es nicht. Wichtig ist jedoch, sich erstmal zu fragen: ‚Was sind freiwillige Adoptionen?’ Eine freie Entscheidung ist eine Entscheidung in Freiheit. Wenn ich mein Kind zur Adoption freigebe, weil ich noch eine Ausbildung machen will oder studieren möchte, weil meine Familie mich sonst verstößt, weil der Vater mir nicht beistehen will, weil ich Vollzeit arbeiten gehen muss, oder ich nicht weiß, womit ich mein Kind einmal füttern und kleiden soll, ist das dann schon eine freie Entscheidung für eine Adoption? Wenn wir die Perspektive auf Adoption verschieben und uns die leiblichen Mütter und ihre Situationen anschauen, wird Adoption auf einmal eine Frage der Gleichberechtigung und Unabhängigkeit, eine grundfeministische Frage. 

Was viele nicht wissen, ist, dass bei Auslandsadoptionen oft gar nicht die Einverständnisse von Mutter oder Vater erforderlich sind, sondern nur die reine Abwesenheit der Eltern über einen gewissen Zeitraum. Etwa ein Drittel aller Familien versuchen ihre Kinder wieder aus den Heimen zu holen, wenn sich die finanzielle und familiäre Lage verbessert, aber die Kinder sind dann schon ins Ausland adoptiert worden, besagt eine koreanische Studie. Handelt es sich dabei dann auch um eine Zwangsadoption?“ 

Welche Gründe kann es denn generell für eine Zwangsadoption geben? Wer ordnet das warum an – und warum haben die Frauen hier keine Rechte?

„Adoption wird national geregelt. Jedes Land hat seine eigenen Gesetze und Behörden dafür. Ich wurde international adoptiert, kenne mich mit Inlandsadoptionen gar nicht aus. Es ist sehr schwierig, zu dieser Frage eine treffende Aussage zu machen. Kinder, die durch Mitarbeiter von Behörden von ihren Müttern getrennt werden, sind ja nicht gleich adoptiert. Sie gehen erst einmal in die staatliche Obhut über, in Heimen oder Pflegefamilien. Gründe Kinder aus Familien zu entfernen gibt es einige. Häusliche Gewalt, Suchtkrankheiten der Eltern, aber auch Rassismus, in welcher gesellschaftlichen Schicht sich die betroffene Frau bewegt oder ihr Alter, können zu Gründen werden. 

Ich kann nicht sagen, warum die Frauen an der Stelle ihre Rechte nicht einfordern können. Ich denke, es hat etwas mit Privilegien zu tun. Aber wir können gern einmal darüber reden, was wir dafür tun können, um schwangere Frauen und Mütter zu schützen und zu unterstützen, dass sie nicht mehr für eine Ausbildung, für ihre Familien oder aus finanziellen Gründen ihre Kinder aufgeben müssen und dann noch nicht einmal etwas von ihnen hören dürfen. Wenn Paare 30.000 Euro für eine internationale Adoption ausgeben, wie vielen Müttern könnte man mit diesem Geld helfen, nicht von ihren Kindern getrennt zu werden und über das schwerste erste Jahr zu kommen? ‚Safe our Sisters’ rettet junge Frauen davor, ihr Kind aus unfreien Gründen zur Adoption frei zu geben. Die Lumos Foundation von Joanne K. Rowling basiert auf Familien-Unterstützung. 90 Prozent aller Kinder in Waisenhäuser sind keine Waisen, sondern werden nur in Pflege in die Kinderheime gegeben. Sie könnten alle mit der richtigen Unterstützung in ihre Gemeinde, ihre Familien oder zu ihren Eltern zurückkehren.“ 

Du sagst, deine Mutter sei eine Art „Sagengestalt“ für dich geworden, eine Fantasie. Ist diese Fantasie ein Weg, damit umzugehen, die leibliche Mutter nicht zu kennen?

„Ich halte es nicht so sehr für einen Mechanismus, mit dem ich versuche ohne meine leibliche Mutter zu leben. Es sind viel mehr die Umstände, die sie für mich mystifiziert haben. Dokumente ,die gefälscht werden und in fremder Sprache verfasst sind, die mein Leben lang schon gelb verblichen und zerknittert waren. Das sind die einzigen Orte, in denen mir meine leibliche Mutter begegnet ist. Da kam mir diese Akte vor wie ein Märchenbuch was ich aufschlage. 

Es gibt Wege mit dem Verlust der Mutter und der Herkunftsfamilie und allem, was daran damit zusammenhängt, umzugehen. Mein Weg ist Liebe, Offenheit und Akzeptanz. Es wäre schön, von nicht Adoptierten und Adoptivfamilien im Besonderen, den Adoptierten einmal zu zuhören. Zu gestatten, dass dieser Verlust und diese Trauer existiert und auch existieren darf. Und das ohne diese Trauer auf sich selbst zu beziehen. Auch versucht man uns Betroffenen oft zu erklären, wie wir Adoption zu verstehen haben und wie wir uns damit fühlen sollten. Viele denken an Adoption und daran, dass jemand der keine Familie hat, eine neue bekommt. Dann kann das Kind wieder glücklich sein und ist nicht mehr alleine. Aber kein Mensch kann einen anderen Mensch ersetzen. Und das kann auch nicht das Ziel sein. Als Adoptierte habe ich eben zwei Mütter, wie manche Menschen zwei Kinder haben und lieben.

„Ich bin auf der Suche nach den wahren Gesichtern, den persönlichen Geschichten und der anderen Seite der Adoption. Und die finde ich nur bei den Müttern selbst.“

 

Deine geplante Bilderserie „No mother no child“ wird ihren Fokus auf Müttern haben, die ihre Kinder zur Adoption freigegeben haben oder freigeben mussten. Warum ist es dir wichtig, ihre Geschichte zu erzählen und nicht etwa die der Kinder, also auch deine eigene Erfahrung?

„Die Narration von Adoption wurde lange Zeit von den Adoptionsagenturen, von den staatlichen Institutionen und von den Adoptiveltern bestimmt. Also von denjenigen, die von dem System profitieren. Entsprechend einseitig ist das Bild von Adoption heute in der Gesellschaft. Ich möchte das ändern. Für mich sind die Frauen wichtig. Weil sie der vergessene Beginn von unseren Adoptionen sind. Ich möchte die Mütter wieder sichtbar machen, die zurückgelassen werden, die weit von uns weg sind, die eine andere Sprache sprechen und deren Erfahrungen marginalisiert werden. Mit meinen Fotografien und meinen Pop-Up-Ausstellungen, kann ich die Frauen da sichtbar machen, wo wir Adoptierten heute leben, zum Beispiel in Europa. 

Meine eigene Erfahrung als Adoptierte hilft mir dabei. Ich habe eine große Einsicht in das Leben mit Adoption, aus der Perspektive des Kindes und ich bewege mich seit zehn Jahren in der Debatte um Adoption und arbeite künstlerisch medial mit dem Thema, leiste Bildungsarbeit. Ich kenne viele verschiedene Perspektiven. Subjektive Erfahrungen und auch wissenschaftliche Texte. Ich kann nicht nur als Fotografin oder Adoptionsspezialistin mit den Müttern in Kontakt treten, mir ihre Geschichten anhören, sondern ich möchte vor allem als eines ihrer verlorenen Kinder mit ihnen sprechen und ihnen auf Augenhöhe begegnen.“ 

Du möchtest den Frauen ein Gesicht und eine Stimme zu geben, um eine Brücke zwischen ihnen und den Adoptierte sowie ihren neuen Familien schlagen. Glaubst du, selbst wenn es sich nicht um die eigene Mutter handelt, die Geschichten können für andere Adoptierte heilsam sein? 

„Wir Adoptierten wachsen bereit jetzt mit Geschichten über unsere Mütter auf. Auch mit Geschichten über unsere Mütter, die so weit von der Wahrheit entfernt sind, dass wir uns häufig fragen, wie man solche Vermutungen überhaupt aussprechen kann. ‚Deine Mutter ist bestimmt eine Prostituierte.’ ‚Du kommst aus Kolumbien? Deine Mutter war bestimmt drogenabhängig und ist wahrscheinlich tot.’ ‚Deine Mutter wollte dich nicht haben.’ ‚Deine Mutter hat dich so sehr geliebt, dass sie dich abgegeben hat.’, ‚Du kannst froh ein, dass deine Mutter dich nicht abgetrieben hat.’ All diese Geschichten gibt es schon rund um unsere Mütter. Sie werden von den Adoptionsagenturen erzählt, von den Adoptivfamilien und von der Gesellschaft wiederholt. All diese Geschichten wirken sich auf die Adoptierten aus. Auf das Selbstwertgefühl und darauf was wir glauben, was Liebe ist.

Es macht einen großen Unterschied, ob ich mich als Adoptierte für ein Findelkind halte, mit einer Mutter, die mich einfach in der Bäckerei stehen gelassen hat, oder ob ich glaube, dass man mich meiner Mutter gestohlen hat und sie seit 20 Jahren verzweifelt nach mir sucht, während ich mein europäisches Leben genieße und wo die Menschen nur Schlechtes über sie denken und man von mir verlangt, mich von meiner Vergangenheit zu lösen.

Ich bin auf der Suche nach den wahren Gesichtern, den persönlichen Geschichten und der anderen Seite der Adoption. Und die finde ich nur bei den Müttern selbst.“

Wie kommst du mit den Müttern in Kontakt?

„Ich habe bereits einige private Kontakte zu Müttern in Kolumbien knüpfen können. Meine größte Unterstützerin ist jedoch meine leibliche Cousine Marcia Engel, die Gründerin von Plan Angel. Sie bringt mit ihrer Arbeit und ihrem Netzwerk Familien wieder zusammen und steht in Kontakt mit mehr als 300 Familien in Kolumbien, die ihre international adoptierten Kinder suchen. Sie ist eine große Befürworterin meines Projektes und teilt mit mir ihre Kontakte. 

Ich habe sie Anfang diesen Jahres über eine internationale DNA-Datenbank kennen gelernt, namens ,Family Tree DNA‘. Viele Kolumbien-Adoptierte beginnen heute ihre Suche nach ihren Eltern mit einen DNA-Test, da wir mittlerweile wissen, dass man den eigenen Dokumenten und den Behörden nicht alleine vertrauen darf. Über diese Datenbank lernen wir viele entfernte Cousins und Cousinen kennen. Manche davon leisten so tolle Arbeit wie Marcia.“ 

Wo wird deine Ausstellung zu sehen sein?

„Ich werde die erste offizielle Ausstellung werde ich voraussichtlich im Juli in Köln organisieren. Es wird ein Pre-Opening geben, wo ich über meine Erfahrungen und das Projekt berichten kann. Danach möchte ich andere Städte in Angriff nehmen. Mit Hilfe von Kontakten innerhalb der Adoptierten Bewegung. Den Haag ist im Gespräch, wegen des ‚Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption’ von 1993, aber Amsterdam und auch Zürich wären interessante Ziele für meine Pop-Up-Ausstellung.“ 

Wer mehr über das Thema und die Ausstellung erfahren oder Jennifer unterstützen möchte, findet alle Infos in ihrer Kickstarter-Kampagne

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