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Warum ich im Alltag nicht immer eine Superheldin bin

Kennt ihr das? Jemand braucht eure Hilfe und statt gleich loszulegen, zögert ihr – und fragt euch dann: Was stimmt eigentlich nicht mit mir? Genauso geht es auch Communityautorin Diana Ringelsiep.

 

Was stimmt nicht mit mir?

Es gibt diese Momente des Zögerns, in denen ich mich selbst nicht leiden kann. Zum Beispiel wenn eine Person Marke „schwangere Omi mit Gipsbein“ in der Bahn zusteigt und ich gerade lange genug innehalte bis jemand anders für sie aufspringt. Nicht, dass ich sie tatsächlich stehen lassen würde, wenn es hart auf hart käme. Doch insgeheim bin ich froh, wenn ich noch mal davon komme. Zumindest für drei Sekunden – und dann frage ich mich den restlichen Tag, was mit mir nicht stimmt.

Neulich in der U-Bahn ist es wieder passiert. Ein Junge mit Schulrucksack
stand auf und ich sah sie sofort: Schwarze Handschuhe, die auf seinem Platz
liegen blieben. Ich holte Luft, wollte etwas sagen, doch dann passierte es
wieder: Ich zögerte. Gehörten sie vielleicht dem Mann, der daneben saß? Ein
schneller Blick auf die Handschuhe, ein weiterer auf die Pranken des Mannes.
Ausgeschlossen, sie mussten dem Kleinen gehören. Doch der hatte sich
mittlerweile schon fast bis zur Tür durchgekämpft. Meine Gedanken überschlugen
sich: Wie laut musste ich rufen, um bis
zu ihm durchzudringen? Würde er sich überhaupt angesprochen fühlen?

Ich war
gerade dabei, mir auszurechnen, wie gut die Chancen standen, dass er es in dem
vollen Waggon noch einmal zurück an seinen Platz und dann wieder zur Tür schaffte,
als sich die Türen bereits öffneten. Er stieg aus. „Hey Junge, sind das deine?“ Der Mann neben mir schien weniger
nachzudenken als ich. Dann ging alles ganz schnell. Der Junge hastete zurück,
schnappte sich die Handschuhe, bedankte sich im Vorbeigehen und sprang in
letzter Sekunde durch die hupenden Türen nach draußen. Ich Idiotin.

Von den Gewissensbissen, wenn ich es nicht schaffe gleich zu reagieren

Was ist der Grund für diese immer wiederkehrende Schockstarre in
banalen Situationen wie dieser? Ich bin doch eigentlich nicht schüchtern und
gut erzogen wurde ich auch. Am ehesten ist es wohl zu vergleichen mit einem
plötzlichen Anfall von Lampenfieber. Oft nur ein paar Sekunden lang, doch die
reichen aus, dass ein anderer handelt und dann fühle ich mich schlecht. Vor der
Sicherheitskontrolle am Flughafen Tegel stand vor Jahren einmal Heike Makatsch
vor mir in der Schlange. Sie war wunderschön und aß ein üppig belegtes
Sandwich. Dann wurde sie ausgerufen:
„Dies
ist der letzte Aufruf für die Passagierin Heike Makatsch. Bitte begeben Sie
sich umgehend zu Gate A3.“

Doch Heike hatte offenbar nicht zugehört, denn sie
kämpfte gerade mit einer herausrutschenden Tomate. Mein Puls beschleunigte sich.
Ich musste sie ansprechen. Eins, zwei…
„Entschuldigung,
ich glaube Sie sind gerade ausgerufen worden“, wurde sie über meine
Schulter hinweg angetippt. Heike verlor prompt die Tomate, lachte, dankte der
Frau hinter mir für den Hinweis und schlängelte sich auf ihre charmante Art bis
zur Kontrolle vor.
Ich Lusche.

Wie schön es ist, die Superheldin zu sein

Natürlich habe auch ich meine hellen Momente, in denen ich zu
Affekthandlungen fähig bin. Ich hebe heruntergefallene Mützen auf, lasse
Menschen mit drei Teilen an der Kasse vor und mache auf offene Rucksäcke
aufmerksam. Besonders immer dann, wenn sonst kein Robin Hood in der Nähe ist,
der einspringen kann. Und manchmal geschehen sogar noch Zeichen und Wunder. So
bin letztes Wochenende, erschöpft vom Record Store Day, in der vollen Tram
Richtung Friedrichshain gefahren, als der Typ neben mir verkündete: „
Schönen guten Tag, die Fahrausweise bitte!“
Während ich mein Monatsticket herauskramte, glaubte ich, ein genervtes
Augenrollen bei meinem Gegenüber wahrzunehmen.
Hatte er etwa kein Ticket? Oder war er bloß genervt, es herausholen zu
müssen? Hatte er die Augen überhaupt verdreht oder vielleicht bloß aus dem
Fenster gesehen?

Meine Gedanken begaben sich auf die übliche Reise ins Land
der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich reichte dem Kontrolleur meinen Fahrschein. Der
Mann gegenüber machte hingegen noch immer keine Anstalten, nach seinem zu
suchen und sah nun richtig schlecht gelaunt aus. „
Wir gehören zusammen“, sagte ich plötzlich und deutete auf mein
Ticket, mit dem ich am Wochenende jemanden mitnehmen kann. Irritierte Blicke
von beiden Seiten. Stirnrunzelnd musterte uns der Kontrolleur, der sich
wahrscheinlich bereits auf die Personalien-Aufnahme gefreut hatte. Dann machte er
sich mit einem gleichgültigen Schulterzucken auf den Weg in den nächsten
Waggon. Mein Gegenüber strahlte. „
Ich
weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben mir den Tag, ach, mein
ganzes Wochenende gerettet!“ „Nichts
zu danken“, antwortete ich, „ist doch
selbstverständlich.“ Zwei Stationen später verabschiedeten wir uns. Ich Superheldin.

Wäre eigentlich schön, wenn ich das öfter sein würde.

Der Artikel erschien zuerst auf urbanlifestyletrash.com. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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