Foto: Mark Borthwick

Jina Khayyer: Es ist wichtig, dass wir jetzt erwachsen werden

Jetzt bist du älter als Jesus – so hieß es auf einer Geburtstagskarte, die die Journalistin Jina Khayyer zu ihrem 33. Geburtstag bekam. Was bedeutet das? Weder jung noch alt, was ist überhaupt die Mitte des Lebens? Fragen, denen sie in ihrem Buch auf den Grund geht.

 

„Extremer als in Paris geht’s nicht“

Den Namen Jina Khayyer kennen wir aus der ZEIT, den Magazinen „The Gentlewoman“, „Fantastic Man“, „Monopol“ oder „Neon“, aus Kurzgeschichten und nun auch: aus ihrem ersten Buch. In „Älter als Jesus oder Mein Leben als Frau:“ zeichnet sie ein Bild von sich und ihrer Generation: Wie sie als Iranerin in Deutschland aufwächst, als Journalistin Karriere macht, die Liebe zu einer Frau entdeckt, sich in der Glamourwelt zwischen Extremen bewegt und um ihre Freiheit kämpft. Ein Wert, der für sie unabdingbar ist, und dessen Wichtigkeit ihr immer wieder vor Augen geführt wird. Wie zum Beispiel bei dem Terroranschlag am Freitag, den 13. November 2015 in Paris, ihrer Wahlheimat. „Extremer geht es nicht“, sagt Jina. Wir haben mit ihr über Heimat, Freiheit und Herausforderungen gesprochen. 

Wo fühlst du dich
Zuhause?

„Diese Frage habe ich mir selbst erst vor ein paar Jahren
gestellt, als ich kein zu Hause mehr hatte. Ich lebte zwar in Paris, aber ich
konnte mir meine Wohnung nicht mehr leisten und habe sie untervermietet.
Ich habe zwar wunderbare Freunde, die mir ihre Couch anboten, und zu der Zeit
hatte ich auch eine Partnerin, aber ich hatte kein eigenes zu Hause mehr. Da
merkte ich: Da wo ich bin, dort ist es. Seitdem ist mein zu Hause überall
dort, wo ich bin. Es ist in mir.“

Du
hast erst als Journalistin gearbeitet, anschließend
Kurzgeschichten geschrieben und nun dein erstes Buch veröffentlicht. Wie kam es
dazu, dass du mehr und mehr nicht über andere Dinge, sondern über dich selbst
schreiben wolltest?

„Bei meinem Buch ,Älter als Jesus‘ geht es
nicht darum, dass ich über mich schreiben wollte. Es geht um ein Portrait
meiner Generation. Ich bin da nur eine Stimme. Jeder Künstler arbeitet
autobiographisch. Das Persönliche ist politisch. Bevor ich meine Generation
portraitiere, wollte ich bei mir anfangen, mich portraitieren – denn nur, wenn ich
mich begreife und mit mir selbst ehrlich und schonungslos umgehe, kann ich auch
andere fühlen und verstehen.“

Was möchtest du
den Leser/innen mit auf den Weg geben?

„,Älter als Jesus‘ ist im Grunde ein Essay. Eine Reflexion.
Ein Versuch, das Leben zu greifen. Auf dieser Reise stelle ich mir universelle
Fragen. Fragen, die so klar scheinen, und auch immer im Raum stehen. Und
doch ist es schwer diese einfachen Fragen zu beantworten: Wer bin
ich? Wo komme ich her? Wo möchte ich hin? Was ist
Glück? Was ist Liebe? Und was kommt als Nächstes?

Mit dem Buch möchte ich jedem die Gelegenheit geben, sich auch diese Fragen zu
stellen. Denn auch, wenn es universelle Fragen gibt, gibt es doch keine
universellen Antworten. Ich habe dazu auch ein Kartenspiel entwickelt. Truth or Dare, „The Khayyer Questionnaire“.
Es basiert eben auf den Fragen die ich mir jetzt, wo ich
in der Mitte angekommen bin, stelle.“

Wie kam es zu dem
Titel deines Buches „Älter als Jesus oder mein Leben als Frau“?

„Als ich 33 wurde, bekam ich eine Geburtstagskarte. ,Willkommen, jetzt bist du Älter als Jesus‘ stand darauf. Ich
wusste nicht, wie alt Jesus wurde. Mir war zwar aufgefallen, dass er am Kreuz
immer sehr jung dargestellt wurde, aber wie alt? Zu der Zeit verbrachte ich viel
Zeit in Brasilien, wo ich an der Hochschule unterrichtete. Die Brasilianer sind
sehr spirituell und klärten mich bald auf, dass ich mich jetzt in der Mitte
meines Lebens befinde und, dass ab jetzt jede Entscheidung schwer wiegt. So fing
ich an, mich mit der Mitte zu beschäftigen.“

Du schreibst über die „Mitte des Lebens“. Warum spielt diese Zeit nach der Jugend, aber noch vor
dem Alter eine so große Rolle für dich? 

„Wir verbringen die längste Zeit unseres Lebens in der
Mitte. Und doch wird kaum über sie gesprochen oder geschrieben. Und wenn, dann
immer mit einem negativen Beigeschmack. Die Jugend wird verherrlicht und
gefeiert, das Alter gefürchtet, die Mitte ignoriert, oder als Krise aufgeführt.
Das ist doch absurd, denn wir verbingen fast 36 Jahre in dieser Mitte, also in
diesem Zwischenstadium, in dem wir nicht mehr jung sind, aber eben auch noch nicht
alt. Aber Erwachsen. ,Älter als Jesus‘ ist erst der Anfang meines neuen Arbeitszyklus, in dem ich mich mit meiner Generation beschäftige.“

Was macht die Mitte deiner Generation denn aus?

„Wir, die
Generation X, die Kinder der Baby Boomer, also alle, die zwischen 1961 und 1981
geboren sind, sind jetzt alle in der Mitte angekommen. Was bedeutet: Wir sind jetzt alle erwachsen. Gleichzeitig sind wir die Generation Freiheit, die
Generation MTV, die Generation DJ. Für uns wurde sogar ein Heft erfunden: Neon.
Lange stand sogar auf dem Titel die Unterzeile ,Wir wollen nicht
erwachsen werden‘.“ 

Warum ist es so wichtig, „die Mitte“ bewusst zu leben?

„Weil es wichtig ist, sich erwachsen zu fühlen und dazu zu
bekennen. Denn wir, also meine Generation, sind jetzt
am Zug: in der Politik, in der Kultur, in der Wirtschaft. Wir sind es, die
Entscheidungen treffen. Wenn sich jetzt aber diejenigen, die Entscheidungen
treffen sollen, verloren fühlen? Nicht erwachsen werden wollen? Und
die Mitte nicht anerkennen, was wird dann aus unserer Gesellschaft? Wer
gibt den Ton an?“

„Mein Leben als
Frau“ – eine Herausforderung für dich?

„Das Leben an sich ist eine ständige Herausforderung.“

Reichtum
vs. Armut. Freiheiten vs. Einschränkungen. Was sind die größten Extremen in
deinem Leben, denen du im Alltag begegnest?

„Ich lebe in Paris, im 10. Arrondissement,
wo vergangenen Freitag ein paar junge Männer, junge Männer und Frauen brutal
niedergeschossen haben. Extremer geht es nicht.“

Wie
sieht ein typischer Tag bei dir aus – Welcher Wert ist dir dabei am wichtigsten?

„Kein Tag ähnelt dem anderen. Ich versuche, jeden Tag etwas Neues dazu zu lernen. Und so gestalte ich auch meinen
Tagesablauf. Ich habe mich schon sehr jung für ein Leben in Freiheit
entschieden, damit meine ich, dass ich meinen Tag selbst bestimme. Und zwar
jeden Tag.“

Was war die größte
Herausforderung in deinem bisherigen Leben?

„Diese Freiheit zu verteidigen und zu leben, ist und bleibt
die größte Herausforderung, und zwar jeden Tag aufs Neue.“

Wenn
du dich selbst mittels dreier Sätze porträtieren müsstest, wie würden diese
lauten?

„Eine rationale Realistin, die für die Liebe lebt. Ich bin eine Freiheitskämpferin. Ich verehre und feiere die Sonne und den Mond.“

Wirst du weiterhin als Autorin schreiben?

„Ja, werde ich. Ihr könnt mit einem nächsten Buch rechnen.“

Wir sind gespannt! Wenn ihr neugierig geworden seid, könnte ihr hier das erste Buch kaufen. 

Jina Khayyer: Was ist die Mitte des Lebens?.  Quelle: Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin, New York

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