Foto: Ethan I flickr I CC BY 2.0

Chefredakteurin in Teilzeit, und noch dazu mit Baby? Das kann doch nur schiefgehen!

Heute sind wir über ein Beispiel für abwegige Geschlechterstereotype in der Berufswelt gestolpert, wie es im Lehrbuch nicht schöner stehen könnte – deswegen wollen wir es euch natürlich nicht vorenthalten!

 

Chefredakteurin mit Baby, in Teilzeit! Zu Hilfe!

Wir unterhalten uns hier in der Redaktion ja öfters darüber, dass wir fast schon müde davon sind, ständig darüber zu schreiben, wie absurd unterschiedlich Männer und Frauen bis heute in der Berufswelt wahrgenommen werden, wie viele Klischees und Vorurteile im Spiel sind, dass Frauen mit anderen Maßstäben gemessen werden. 

Und dann passieren immer wieder Texte wie dieser hier, die uns fast schon ein bisschen amüsieren könnten –  wäre es nicht so betrüblich, dass diese Art von Texten bis heute erscheinen: „Kann eine Kaufzeitschrift in Teilzeit geführt werden?“, fragt sich besorgt Bülend Ürük, Chefredakteur des Medien-Branchendienstes „Kress“. Und wir fragen uns: Ja, wie soll das denn bitte gehen? Und noch dazu von einer FRAU mit BABY?

Die Ausgangslage: Die Chefredakteurin der Frauenzeitschrift „Grazia“, Claudia ten Hoevel, hat ein Baby bekommen, war in Elternzeit, ist jetzt an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt – und möchte doch tatsächlich ihr Amt behalten, aber mehr Zeit mit ihrem Baby verbringen. Tsts. Bei „Kress“ fragt man sich weiter: „Oder braucht eine Redaktion doch eine Führungskraft, die mit ganzer Kraft an Bord ist?“ Klar, Teilzeit, zu Hause ein Baby und dann noch ganze Kraft, geht natürlich nicht.

Bei „Grazia“, das erfahren wir im Text ebenfalls, läufts nämlich zurzeit nicht so prima. Anfang 2010 mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren gestartet, waren es im ersten Quartal 2016 nur noch 140.000 verkaufte Hefte. Bei der Pressestelle von ten Hoevels Verlag hat sich Ürük erkundigt, und die Ansage bekommen, dass „Spekulationen über ihren Abschied von Grazia jeder Grundlage entbehren“ würden.

War sie etwa nicht in Schwung?

Krude wird es, wenn Ürük orakelt: „Wer in der Vorwoche die Berlin Fashion Week besuchte und Chefredakteurin ten Hoevel erlebte, kommt dagegen zu einem anderen Ergebnis als das, was die Pressestelle schreibt. Die Führungsetage von Gruner + Jahr stellt sich derzeit vor allem die Frage, wie sie wieder mehr Schwung in die ,Grazia’ bekommt.“

Könnten wir das bitte ein bisschen konkreter haben? Frau ten Hoevel war auf der Fashion Week etwa nicht in Schwung? Augenringe zu tief? Hat sie mal gegähnt? Ist während einer Show eingenickt? An sowas müssen wir nämlich denken, wenn wir diesen Text lesen, der einer Frau unterstellt, mit Baby und in Teilzeit für eine anspruchsvolle Aufgabe nicht mehr geeignet zu sein, ohne konkrete Anhaltspunkte dafür zu nennen.

Und stellen wir uns mal vor, der männliche Chefredakteur einer Frauenzeitschrift wäre soeben nach zwei Vätermonaten (Bravo!) aus der Elternzeit zurückgekehrt und hätte angekündigt, für sein Kind in Zukunft ein bisschen kürzerzutreten – wir vermuten fast, das hätte jede Menge Beifall und Respekt gegeben: Role Model!

In der Bildunterschrift unter dem Foto von ten Hoevel steht übrigens ganz im Ernst:  „Claudia ten Hoevel: Kann die ,Grazia-Chefredakteurin Familie und Beruf unter einen Hut bringen?“

Nachdem man sich darüber bei Kress ja offenbar ziemliche Sorgen macht, haben wir den Autor des Beitrags, nämlich den kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük, natürlich gefragt, ob er uns dafür mal ein paar Anhaltspunkte nennen könnte. Wir geben euch Bescheid, falls er sich meldet!

Bild: Ethan I flickr I CC BY 2.0

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