Foto: Stück „Petite mort“ von Jiří Kylián

„Immer vor dem Spiegel zu tanzen, ist hart“ – Luciana Voltolini über ihr Leben als Ballerina

Täglich sieben Stunden zu trainieren, gehört für Luciana Voltolini zum Alltag. Sie tanzte bereits für das Ballett in Boston, in New York und seit August 2015 nun in Berlin. Wir haben die 30-Jährige getroffen und mit ihr über Selbstzweifel, Heimweh und Disziplin gesprochen.

 

Unglücklich? Dann verändere etwas

Luciana Voltolini war sechs Jahre alt, als sie mit dem Ballett begann. In Joinville in Brasilien, ihrem Geburtsort, tanzte sie von 2000 bis 2004 an der Bolshoi Theater School. Mit 19 Jahren bekam sie ein Stipendium für das Boston Ballett, bei dem sie insgesamt sieben Jahre blieb. 2011 wechselte sie für viereinhalb Jahre nach New York, seit August 2015 ist sie nun beim Staatsballett Berlin

Ziemlich viele Umzüge mit weiten Entfernungen – doch sie geschahen alle aus eigenen Stücken, erzählt sie mir im Interview. Ab und an brauche sie die Veränderung: „Wenn ich unglücklich bin, gehe ich eben woanders hin.“ Man müsse sich trauen, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu zeigen, was man kann. Dann würde man schon merken, ob man gut ankomme oder eben nicht. 

Wir haben die Ballerina getroffen und mit ihr über das Tanzen, ihre Disziplin und Heimweh gesprochen.

„Disziplin und mentale Stärke sind unabdingbar.“                              Quelle: Fernando Marcos

Du hast mit sechs Jahren angefangen, Ballett zu tanzen. Wann ist dir bewusst geworden, dass aus deinem Hobby ein Beruf werden könnte?

„Richtig bewusst geworden ist mir das mit 16 Jahren, als ich 15 Tage lang an der Bolshoi School in Russland die ,Companies‘ kennenlernen, Shows anschauen und den Unterricht besuchen durfte. Dort habe ich gesehen, wer diese Personen, die man sonst nur von der Bühne kennt, wirklich sind, also vom Inneren. Das war für mich der Auslöser, Ballett weiterhin so stark zu verfolgen. 

Ich hatte nur eine einzige Möglichkeit, daraus wirklich etwas zu machen, und wir haben all unser Geld auf diese eine Chance gesetzt: ein Wettbewerb in New York. Das hat zum Glück geklappt – denn dadurch habe ich ein Stipendium für die Ballettschule in Boston bekommen, welche mich dann später auch angestellt hat.“

Wenn du schon so früh einen starken Willen gezeigt hast – hattest du neben dem Training überhaupt noch Zeit, Freunde zu treffen oder feiern zu gehen?

„Ich hatte jeden Tag Training von 10 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, mit einer Stunde Mittagspause. Die meisten Freunde waren auch bei mir im Ballett. Da hatte man – das ist auch heute noch so – gar nicht so viel Zeit für anderes. Das Training ist meist sehr anstrengend und ermüdend, dass ich nur noch schlafen und mich erholen will. Es ist sehr intensiv.“ 

Hattest du damals, oder hast du auch heute noch Schwierigkeiten, motiviert zu bleiben?

„Ab und an. Es ist manchmal ein sehr frustrierender Prozess. Wir müssen einen wirklich starken Willen haben, dieser Lebensstil verlangt uns viel ab. Ich meine, wir tanzen täglich sieben Stunden vor dem Spiegel, das ist viel.“

Hast du Selbstzweifel?

„Manchmal. Im Ballett ist es sehr leicht, zu dem Punkt zu kommen, dass man meint, man könne gar nichts.“

Erzähl doch mal, wie sieht ein typischer Tag in deinem Leben aus?

„Morgens bin ich immer spät dran, die Morgen sind nicht leicht für mich. Der Unterricht fängt um 10 Uhr an. Um 14 Uhr haben wir Mittagspause, essen etwas und dann haben wir wieder Training bis 18 Uhr. Abends esse ich entweder mit Freunden oder mit meinem Freund, dann gehe ich nach Hause und am nächsten Tag fängt das Ganze wieder von vorne an. Viel anderes ist da nicht.“

Habt ihr jeden Tag Training?

„Der Zeitplan ändert sich eigentlich immer wöchentlich. Normalerweise haben wir alle sieben bis acht Tage einen freien Tag. Schließlich braucht der Körper auch irgendwann mal einen Tag Pause. Wir tanzen jedenfalls so viel, dass ich pro Woche vier Paar Ballettschuhe ,vertanze‘.“

Musst du einen bestimmten Essensplan verfolgen? Was darfst du wiegen?

„Nein, einen bestimmten Essensplan gibt es nicht. Im Ballett geht es mehr ums Aussehen als ums Gewicht. Natürlich solltest du nicht schwer sein, weil dich dein Partner die ganze Zeit heben muss, aber in Anbetracht dessen, wie viel wir trainieren, ist es eigentlich unmöglich, dick zu werden. 

Ich persönlich kriege nie Hunger während des Trainings im Studio. Zu Mittag esse ich dann aber, was ich will, da bin ich nicht wählerisch. Ich versuche, gesund zu leben – nicht nur wegen des Balletts, einfach, weil es wichtig ist.

Hauptsache, du gibst auf deinen Körper acht und pflegst ein gewisses Verantwortungsgefühl ihm gegenüber.“

Stichwort, Verantwortungsgefühl für den eigenen Körper. Gibt es etwas, das du aus Verantwortung gegenüber deinem eigenen Körper nicht tust?

„Ich bin allgemein einfach vorsichtig. Ich gehe beispielsweise nicht Ski fahren, um meinen Körper keinen Verletzungsgefahren auszusetzen. Selbst auf einem Motorroller habe ich Angst. Als ich angefangen habe, mit dem Rad zu fahren, war ich zu Beginn auch verängstigt, jetzt ist es in Ordnung. 

Ich meine, eigentlich ist es nur ein Job und du hast auch noch ein eigenes Leben. Solange du auf der Bühne ablieferst, was von dir verlangt wird, kannst du machen, was du willst. Niemand kontrolliert dich.“

Bereitest du dich speziell auf einen Auftritt vor, hast du eine Routine?

„Davor möchte ich eigentlich gar nicht viel machen, am liebsten bin ich dann alleine. Wenn wir abends eine Show haben, haben wir Training bis 14 Uhr und anschließend vier Stunden frei. Ich gehe dann nach Hause, mache ein Nickerchen – aber nicht zu lang – und esse etwas. Ich will dann einfach meine Ruhe haben. Zwei Stunden vor der Show fange ich an, mich aufzuwärmen und mich zu schminken.“

Bist du aufgeregt vor der Show?

„Ja, aber es fühlt sich gut an und ich brauche das auch. Würde ich dieses Kitzeln nicht spüren, wäre irgendwas falsch. Sobald ich auf der Bühne bin, ist alles weg. Man fühlt, dass das Publikum anwesend ist – es ist zu dunkel, um es zu sehen – und tanzt.“

Einfach nur tanzen – hier im Stück „Petite mort“ von Jiří Kylián.                       Quelle: Yan Revazov

Immer auf den Punkt funktionieren zu müssen, sich keine Fehler erlauben zu dürfen – der Druck muss ziemlich groß sein, emotional sowie physisch. Leidest du darunter?

„In der Show solltest du natürlich keine Fehler machen, da lastet schon viel Druck auf uns. Früher waren Fehler das Schlimmste, was hätte passieren können, doch jetzt, wo ich älter bin, tanze ich hauptsächlich für mich selbst – und nicht nur für unsere Trainer oder die Regie. Natürlich ist es blöd, wenn man die Choreographie durcheinander bringt, aber tanzen ist Lebenskunst und Fehler sind völlig menschlich.

In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, nicht so hart mir selbst zu sein, und die Dinge einfach laufen zu lassen. Ich gebe natürlich immer mein Bestes, um keine Fehler zu machen, aber wenn es passiert, dann passiert es halt.“

Seid ihr Tänzer/innen denn füreinander Konkurrenten?

„Es ist schon wetteifernd, aber eigentlich unterstützen wir uns gegenseitig. Wir sind nun mal eine Show und halten zusammen wie eine Familie, egal welchen Part man tanzt. Wenn man 70 Prozent der ganzen Zeit zusammen verbringt, ist es so am einfachsten.“ 

Verdienst du genug Geld? Und, was mich vor allem interessiert: Bekommen Frauen und Männer das Gleiche?

„Bisher konnte ich mit meinem monatlichen Gehalt immer gut leben, auch in New York. Das Gehalt ist abhängig von deinem Rang. Wenn du einen Solopart übernimmst, kriegst du einen Bonus. Ob Frauen und Männer gleich viel verdienen? Ich glaube ja. Obwohl wir Frauen eigentlich mehr verdienen sollten. Wir müssen schließlich Spitzenschuhe tragen, Männer nicht (lacht).“

Hattest du jemals das Gefühl, es einfach nicht mehr „zu packen“ und aufgeben zu müssen?

„Ja, auf jeden Fall, aber da muss man drüber stehen und weitermachen. Das ist nun meine dritte Company. Von Zeit zu Zeit brauche ich einfach die Veränderung. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich schon sehr früh aus Brasilien weggegangen bin und sich bisher kein Ort so richtig wie Zuhause angefühlt hat. Solange ich noch keine eigene Familie habe, ist es für mich einfach, zu wechseln, wenn ich unglücklich bin.“

Apropos Familie, wäre es denn überhaupt möglich, während deiner Karriere schwanger zu werden?

„Ja, viele werden schwanger und nehmen sich dann ein Jahr Auszeit, aber das werde ich wahrscheinlich nicht tun. Erst danach, denke ich.“ 

Was heißt denn „danach“? Wann ist die Karriere einer Ballerina vorbei?

„Mittlerweile bin ich 30 Jahre alt und ich denke, dass ich noch circa acht Jahre habe. Ich hadere ein wenig mit mir selbst, weil ich langsam darüber nachdenken muss, was ich mache, wenn es mit dem Ballett vorbei ist. Aber ich habe wirklich gar keine Ahnung.

Ich kann mich nicht daran erinnern, je etwas anderes getan zu haben. Und, ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, was ich sonst tun sollte.“

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