Foto: unsplash – Ben Waardenburg

MS zu haben, ist echt das Letzte – aber die Krankheit gehört zu mir

„MS ist ’ne Bitch!“ Dieses Zitat von einem Bekannten trifft es sehr gut. Da diese Krankheit einfach macht was sie will. Aber sie spiegelt trotzdem mein Leben und meine Psyche wieder. Gleichzeitig scheint sie (m)eine Antwort auf das gehetzte und stressige Leben zu sein, das viele von uns führen.

 

MS ist unberechenbar

„MS“ hast du sicherlich schon einmal gehört, doch was verbirgt sich hinter diesem Wort eigentlich? Die Abkürzung steht für „Multiple Sklerose“ und ist eine Autoimmunkrankheit, bei der das eigene Immunsystem den Körper angreift. Das Nervige: Man weiß nie, wann und in welcher Form. Daher nennt man sie auch die „Krankheit der tausend Gesichter“. Sie tritt meist in Schüben auf, wird in meinem Fall bisher (noch) nicht kontinuierlich schlechter, ist jedoch zur Zeit sehr aktiv.  

Die MS ist deshalb auch so anstrengend, da der Körper im Falle eines Schubes einfach nicht mehr so funktioniert, wie er sollte (oder wie man das selbst gern hätte). Entzündungen im Hirn, im Rückenmark oder Sehnerven rufen mitunter seltsame Ausfallerscheinungen hervor. Die Krankheit bricht meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr aus und ist unheilbar – aber beeinflussbar. Frauen sind in etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. In Deutschland leben etwa 200.000 Menschen mit der Diagnose.

Ich will hier jedoch keinen Text über diese Krankheit schreiben, sondern darüber, wie ich kontinuierlich lerne, dass sie ein Teil meines Lebens ist und mir hilft, alles etwas ruhiger und mit Bedacht anzugehen. Man hört einfach etwas mehr auf sich und entwickelt Antennen für seinen Körper. Ich habe meine Ernährung modifiziert (ich esse vorwiegend vegetarisch und habe mittlerweile einen Hang zu veganem Essen), versuche mehr Sport an der frischen Luft zu treiben und trinke möglichst keinen Alkohol. Ich versuche vor allem Stress zu vermeiden und mir Ruhepausen zu gönnen. Man darf aber auch nicht zu sensibel und achtsam sein, denn sonst grenzt und bremst man sich selbst aus, ohne, dass man es will. Man muss seine Mitte finden und das fällt mir mitunter echt schwer.

Ein Freak unter Freaks sein dürfen

Ich stamme aus einer Familie, in der alle in ihren jeweiligen Berufen erfolgreich waren und sind. Das vorgelebt zu bekommen, hat eine Menge Druck auf mich ausgeübt. Zahlen und Formeln gehörten nie zu meinem Interessengebiet, ich bin ein Freigeist und ein Schreiberling, allerdings aus der Provinz. Ich habe immer wieder für die Lokalpresse gearbeitet, aber natürlich irgendwann gemerkt,
dass dort keine Entwicklung stattfindet. Nach dem Studium kam nach einiger Zeit endlich eine tolle Chance – ich habe mich in einem großen Magazinverlag beworben und durfte für ein Praktikum und einen Job in die große 450 Kilometer entfernte Stadt ziehen, von der ich schon immer geträumt hatte. 

Nach meinem Eintreffen dort hatte ich ein Gefühl von „endlich angekommen“. Ich kam mir vor, wie das kleine Mädchen im Bienenkostüm in „No Rain“ von Blind Melon – endlich ein Freak unter Freaks sein dürfen und es war toll! In „meiner“ neuen Stadt habe ich frische, spontane und schöne Dinge gesehen, die ich aus meiner Heimat nicht kannte. Ich habe es geliebt. Und tue es noch.

Stadt vs. Land

Aber nach einiger Zeit in der Stadt hat die MS mal wieder ihr Bitch-Face gezeigt: „Du hast dir unbemerkt und ungewollt zu viel zugemutet, Kindchen, jetzt lass mich mal das Ruder übernehmen!“ Ich habe immer etwas zu lange und zu viel gearbeitet, ich wollte irgendetwas beweisen. Vielleicht mir selbst, vielleicht meiner Familie, wahrscheinlich beiden. Ich wollte mich immer über meinen Job und meine Tätigkeiten, die ich kann und mag, definieren können und davon unabhängig leben. Ich habe mir nichts anderes zugetraut. Ich wollte auch nichts anderes tun und zeigen, dass ich es auch so kann. Darüber hinaus ist es heute unabdingbar, für einen Job mal eben umzuziehen. Und wie es auf einem weisen Teebeutel-Papieranhänger mal geschrieben stand: „Erfahrung ist nicht nur an einem Ort zu finden“. Das kann ich bestätigen.

Was aber ein ungeschriebenes Gesetz ist, bedeutet auch eine gewisse Art von Stress. Bei aller Freiheitsliebe bin ich ein Mensch, der von Natur aus recht sensibel ist und sehr viel aufnimmt, was um ihn herum passiert. Das in so einem Fall eine große Stadt als Wohnort nicht immer eine gute Idee ist – geschenkt. Dennoch habe ich bemerkt, dass ich von meiner alten Heimat auf dem Land einfach weg muss, um mich selbst zu verwirklichen und meine Kreativität zu schulen. Aber gleichzeitig waren und sind hier meine Stützen. Allen voran mein Freund, meine alten Freunde und meine Familie.

Die Krankheit hat den Stress und meine innere Zerrissenheit mit immer neuen Schüben quittiert, die mich sprichwörtlich gelähmt haben. Dank der MS und meiner vergeblichen Versuche, einen Job, geschweige denn eine Ausbildung vorzugsweise in „meiner“ Stadt zu bekommen, habe ich nach einem nochmaligen Hin- und Her zwischen Praktika und Nebenjobs in Stadt und Land gemerkt, dass es erst einmal nicht anders funktioniert, als dem Land zumindest für eine begrenzte Zeit – den Vorzug zu geben. Es scheint allein durch die Ruhe für meine Gesundheit besser zu sein. Und es gibt Natur. Wälder, die sich über Quadratkilometer erstrecken und in denen man oft stundenlang keiner Menschenseele begegnet. Fluch und Segen zugleich. Denn mein Kopf brauch neue kreative Anstöße von außen, die mir Bäume und mein Umfeld nicht geben können. Hier herrschen Gegebenheiten, die ich schon seit Jahren zu Genüge kenne, die entweder hinter mir (Vergangenheit) oder noch weit vor mir (Haus, Kinder, Hund) liegen. Dazwischen sind das Jetzt … und ich. 

Frieden schließen kostet viel Kraft

Ich habe in der Provinz nun endlich einen Job bekommen können und die Chance, Dinge zu ändern, alte Gewohnheiten aufzubrechen. Das allerdings an einem Ort, wo ich nie wieder hinwollte und einem Bereich, der unkreativer nicht sein könnte – Kulturschock inbegriffen. Der Input und Leute mit einer ähnlichen Einstellung zum Leben, die ich in der großen Stadt so mochte, sind hier kaum vorhanden, da die meisten natürlich wieder wegziehen, sobald sie ihr Studium oder ihre Ausbildung beendet haben. Schnell fällt einem die Decke auf den Kopf. Es gibt hier eben nicht sehr viel, oder sagen wir: Es gibt einfach andere Dinge. Mir ist bewusst, dass ich lernen sollte, Frieden zu schließen, aber diese Aufgabe fordert hin und wieder sehr viel Kraft. So lange bis die Krankheit wieder kommt und mich noch einmal ermahnt. Wer weiß, für was es gut ist.

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