Foto: Eva von Schirach

Als junges Mädchen lässt sich Feminismus ganz easy in den Alltag integrieren

Wusstet ihr mit 16 schon, was Feminismus bedeutet? Diese sechs Schülerinnen haben es sich mit ihrem Mädchenjahreskalender zur Aufgabe gemacht, anderen Gleichaltrigen gesellschaftliche und feministische Themen auf eine ziemlich kreative Weise näher zu bringen. Wir haben die Mädels zum Interview getroffen.

 

Mit 16 ist es eine sehr romantische Vorstellung, gemeinsam für eine Sache einzustehen

Womit beschäftigen sich junge Mädchen heutzutage? Snapchat, Jungs und Schminktutorials? Von wegen! Die Berliner Schülerinnen Nina, Marthe, Judith, Luisa, Coco und Helene haben mit dem Mädchenjahreskalender bereits ihr drittes Buch voller Essays, Interviews und Collagen rund ums Thema Feminismus rausgebracht. Wir haben sie zum Interview getroffen und uns über politisches Interesse, inspirierende Frauen und die Vereinbarkeit von Schule und der Arbeit an ihrem Projekt gesprochen.

Wie seid ihr auf die
Idee gekommen, euren eigenen Taschen-Kalender zu entwerfen?

Marthe: Auf die
ursprüngliche Idee sind Judith und Luisa gekommen. Luisas Mutter hatte in ihrer
Studentenzeit selbst einen eigenen Ringkalender mit feministischen Zitaten
gestaltet, den die beiden so toll fanden, dass sie die Idee hatten, etwas Ähnliches
auch für Jugendliche in unserem Alter zu entwickeln.

Judith: Als wir dann
den Förderantrag des Jugend-Demokratie-Fonds ‚Stark gemacht‘ entdeckten, der im
Speziellen Kinder- und Jugendprojekte fördert, haben wir nicht lange
nachgedacht und unser Konzept einfach eingereicht. Von 100 Einsendungen wurden am
Ende 14 Projekte genommen und der Mädchenjahreskalender war mit darunter.

Wart ihr schon vorher
eine Freundinnen-Clique oder wie habt ihr entschieden, wer Teil des Teams wird?

Judith: Coco, Nina und
ich haben schon vorher zusammen die Schülerzeitung an unserer Schule
herausgebracht und uns dann für den Kalender überlegt, wen es in unserem Freundeskreis
gibt, die Lust auf ein kreatives Projekt hätten. Ein paar von uns
kannten sich allerdings vorher gar nicht, weil wir auf zwei verschiedene
Schulen gehen.

Seid ihr über die Jahre alle Freundinnen geworden oder seht ihr euch mehr als „Arbeits-Kolleginnen?

Marthe: Mittlerweile
haben wir bereits unseren dritten Kalender herausgebracht und kennen uns untereinander
ziemlich gut, was die Arbeit insgesamt angenehmer macht. Bei unseren Treffen sind wir
immer bei einer von uns Zuhause – meistens bei der, die gerade aufgeräumt hat –
trinken Tee, reden über Dinge, die uns gerade beschäftigen und arbeiten anschließend
am Kalender. Manchmal kann es aber auch problematisch sein, so gut befreundet
zu sein, weil man sich auch schnell auf die Nerven geht und im Umgang
miteinander nicht so professionell ist, wie man es eigentlich gerne wäre. Wenn
man dann auch noch weiß, dass eine von uns gerade Liebeskummer hat, obwohl sie
dringend eine Deadline einhalten muss, weiß man oft nicht, wie man sich am
besten verhält.

Bild: Mädchenjahreskalender 2016

Wie seid ihr darauf
gekommen, den Kalender durch feministische Inhalte zu ergänzen? Wenn ich
ehrlich bin, wusste ich mit 16 noch nicht genau, was das eigentlich genau
bedeutet.

Judith: Bis wir
den Kalender mit den Feminismus-Zitaten von Luisas Mutter sahen, hatten wir
auch noch keine konkrete Vorstellung davon, was Feminismus genau bedeutet. Wir
fanden die Aussagen aber auf Anhieb so schlüssig, dass wir den feministischen
Schwerpunkt mit in unser Konzept für den Förderantrag aufnahmen. Im Nachhinein
denke ich, dass wir total naiv an das ganze Projekt herangegangen sind. Wir
hatten weder eine Ahnung, was es alles braucht, um ein Buch zu veröffentlichen,
noch wussten wir, welche verschiedenen Ansätze, Ideen und Persönlichkeiten sich
hinter dem Wort Feminismus verbergen
. Das Projekt hat uns somit nicht nur
praktische Erfahrungen gelehrt, sondern auch politisiert.

Marthe: Es hat
auch einfach total gutgetan, sich mal so intensiv mit einer Sache zu
beschäftigen. Die Vorstellung, gemeinsam für etwas einzustehen, ist ja auch irgendwo
sehr romantisch. Zudem ist man mit 16,
wie wir alle wissen, noch stark auf der Suche nach sich selbst und dankbar,
wenn man sich an bestimmten Vorbilder orientieren und die Dinge besser
einordnen kann: Es gibt Simone de Beauvoir, aber auch Clara Zetkin – was
verbindet diese beiden Frauen? Welche anderen Feministinnen gibt es? Womit
könnte man sich als nächstes beschäftigen?

Wenn man dem gegenüber
aufgeschlossen ist, kann Feminismus für junge Leute ein sehr attraktives Konzept
sein und genauso, wie man den Kalender in seinem täglichen Alltag benutzt, finden wir, dass sich  Feminismus ganz einfach, Schritt für Schritt, in den Alltag integrieren lässt.

Luisa: Wir als Herausgeberinnen sind schließlich auch immer nur so alt, wie wir gerade sind. Wir gehen zur Schule, haben noch kein Studium begonnen oder uns Jahrelang
mit Judith Butler auseinandergesetzt, aber darum geht es auch nicht. Der
Kalender sollte von Mädchen für Mädchen sein und kein Produkt, bei dem
Erwachsene versuchen etwas zu kreieren, was Jugendlichen möglicherweise
interessieren könnte
oder bei dem man ein anspruchsvolleres Thema vereinfacht
erklären will. Wir schreiben einfach über genau die Themen, die uns selbst
beschäftigen und geben die Tipps, die uns geholfen in bestimmten Situationen
geholfen haben.

Bild: Mädchenjahreskalender 2016

Würdet ihr sagen,
dass das politische Interesse in eurer Generation im Allgemeinen recht groß ist?

Judith: Die
politischen Themen
, um die es bei uns im Kalender geht, haben uns definitiv auch
schon im Vorfeld länger beschäftigt. Vielleicht kommt unsere Aufgeschlossenheit
daher, dass wir alle sechs aus sehr liberalen Elternhäusern kommen und schon
immer gerne untereinander oder auch auf Partys mit anderen Gleichaltrigen Gespräche
und Diskussionen über gesellschaftliche Themen geführt haben. So kommen wir
auch meistens auf unsere Ideen für die Essays und Interviews, die auf einen
jeden Monat im Kalender folgen.

Marthe: Aber auch
wenn wir relativ gut über politische Vorgänge Bescheid wissen, denke ich, dass
es in unserer Generation oft keine richtige politische Aktivität gibt.
Vielleicht, weil es uns die unmittelbaren Ereignisse fehlen, wie zum Beispiel in
unserer Eltern-Generation die Wende. In meinem Freundeskreis ist selbst das Flüchtlings-Thema
noch immer weit weg, auch wenn es super aktuell ist. Im Gegensatz zu anderen
Jugendlichen, die in kleineren Städten groß werden, bekommen wir hier in Berlin
einiges mit, allein schon durch die vielen Demos, aber in unserem Schulalltag
spüren wir nur selten einen Bezug zu den politischen Vorgängen, die um uns
herum passieren.

Wie waren die
Reaktionen in eurem Umfeld, als ihr anderen von eurem Vorhaben erzählt habt?

Luisa: Die
meisten unserer Mitschüler und Freunde dachten, wir würden die ganze Zeit von einem Wandkalender
reden und nicht von einem richtigen Buch mit eigenen Inhalten.

Judith: Uns hat
einfach niemand etwas derart Großes zugetraut.

Marthe: Oft hat
man uns aber auch nicht richtig zugehört. Meine Eltern haben zwar immer gesagt,
dass sie die Idee gut finden, aber so richtig gewusst, woran wir die ganze Zeit
arbeiten, haben sie erst gemerkt, als der Kalender fertig war und tatsächlich
in den Buchhandlungen verkauft wurde.

Gab es manchmal
Momente, in denen es euch zu viel wurde und ihr daran gedacht habt, alles
hinzuschmeißen?

Marthe: Ja, klar.
Solche Momente gab es – verglichen mit dem Anfang unseres Projekts 2014 waren die Zweifel in den vergangenen zwei Jahren sogar noch größer, weil wir nicht mehr das Geld aus der
Förderung besaßen.
Im Grunde war es ganz gut, dass wir anfangs nicht
durchblickt haben, was es alles mit sich ziehen würde, ein eigenes Buch zu
veröffentlichen
, weil uns dann wohlmöglich sehr vieles schwerer gefallen wäre. Dadurch,
dass wir damals immer schnell den nächsten Schritt bearbeiten mussten, ohne groß
nachzudenken, haben wir  einfach weitergemacht.

Wie habt ihr die
Sache mit der Finanzierung gelöst, als das Förder-Jahr vorbei war?

Luisa: Für den
ersten Mädchenjahreskalender wurden wir mit der Goldenen Göre ausgezeichnet und
konnten so mit dem Preisgeld einen zweiten Kalender realisieren. Und aus dem
Verkaufserlös des zweiten Kalenders entstand nun unser dritter Kalender, der noch einmal eine Spur
professioneller geworden ist, als der aller erste.

Bekommt ihr bei der
Gestaltung und euren Inhalten auch Hilfe von Außerhalb?

Judith: Für das
Layout haben wir eine eigene Grafikerin, der wir genaue Anweisungen geben,
welche Vorstellungen wir für das Design haben. Die Collagen innerhalb des Kalenders
stammen aber von uns selbst, indem wir sie per Hand basteln und
anschließend einscannen. Die Porträts von den verschiedenen Feministinnen, die
wir zwischendrin vorstellen, zeichnet eine andere Freundin von uns. Seit dem
zweiten Kalender haben wir zusätzlich zu unseren eigenen Essays auch noch eine
kleine Reihe von Interviews eingeführt, in denen wir uns mit inspirierenden
Frauen wie beispielsweise Kübra Gümüşay unterhalten. Ganz hinten gibt es dann immer
noch ein paar Mitmach-Sonderseiten zum Gestalten und einen Guide, wie in diesem
Jahr über Body-Image-Tipps und Gedanken für ein besseres Körpergefühl.

Bild: Mädchenjahreskalender 2016

War es schwer, Schule
und die Arbeit am Kalender unter einen Hut zu bekommen?

Marthe: Dadurch
dass wir uns immer erst nach der Schule um den Kalender kümmern konnten,
mussten wir viele Entscheidungen immer bis zum späten Nachmittag aufschieben. Zum
Leid unserer Lehrer und Eltern hatte der Kalender bei uns allerdings meistens
Vorrang vor den Mathe-Hausaufgaben.

Nina: Inzwischen hat
sich aber auch eine deutlichere Aufgabenverteilung unter uns sechs
herausgebildet, sodass sich nicht mehr alle um alles kümmern müssen. Judith und
Coco schreiben meistens die Essays, Helene ist mehr die Gestalterin, Marthe
übernimmt häufig Interviews

Marthe: und Nina
ist total gut, wenn es darum geht Anträge zu schreiben und mit der Druckerei zu
kommunizieren Dinge, bei denen ich total kapitulieren
würde.

Könnten ihr euch nach
diesen Erfahrungen vorstellen, auch beruflich in eine ähnliche Richtung zu
gehen?

Judith: Ein paar von uns sind schon mit der Schule fertig und die anderen machen gerade ihr Abitur. Wir alle wollen nun aber erst einmal 
für eine Zeit raus aus Berlin. Nina hat sich für eine Ausbildung als
Mediengestalterin beworben und ich würde gerne beruflich in die journalistische Richtung
gehen, mache aber vorher noch eine soziale Projektarbeit in Amsterdam.

Marthe: Ich
möchte Schauspielerin werden und auf jeden Fall weiterhin meine eigenen Texte
schreiben. Helene möchte wahrscheinlich Illustration in Dänemark studieren.
Wir orientieren uns also schon stark an den Aufgabenfeldern, die wir bei der
Arbeit am Kalender übernommen haben.

Nina: Als ich
mich für meine Ausbildung beworben habe, wurde mir zudem klar, dass in dem
Projekt des Mädchenjahreskalenders genau das kleine Extra an Erfahrungen liegt,
welches viele andere Bewerber noch nicht nach ihrer Schulzeit mitbringen.
Anders als wenn man sich für die Position des Klassensprechers bewirbt, hat es
für uns aber nie eine Rolle gespielt, wie gut sich das Projekt im Lebenslauf
macht. Es ist einfach eine echte Herzensangelegenheit – und
wohlmöglich gerade deshalb so erfolgreich.

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