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„Über meine Fehlgeburt zu sprechen, hat mir ungemein geholfen!”

Fehlgeburten sind weiterhin ein Tabuthema. Doch immer mehr unserer Community-Autorinnen brechen ihr Schweigen, um das zu ändern. Nun erzählt auch Sophie ihre Geschichte.

 

Plötzlich waren wir bereit für ein Kind

Alles begann damit, als wir (mein Freund und ich) auf der Rückreise vom ersten Besuch bei meiner neugeborenen Nichte waren. Es war wunderschön gewesen und da dachten wir uns, wieso eigentlich nicht auch wir? Ich setzte die Pille ab und wir beschlossen sechs Monate vergehen zu lassen, damit sich mein Körper wieder hormonell normalisieren konnte. Und da es im Leben immer anders kommt, fiel drei Monate später meine Regel aus. Nach den üblichen Schwangerschaftstests und dem Besuch bei der Frauenärztin war es offiziell: wir bekamen ein Baby. Ich hatte definitiv nicht so früh damit gerechnet, wir freuten uns beide sehr. 

Nun hieß es, sich mit dem Gedanken anzufreunden, Eltern zu werden. Was bedeutet das? Welche Werte will ich weitergeben? Auf welchen Erziehungsstil einigen wir uns? Was für Eltern wollen wir sein? Welche Art der Kinderbetreuung, wenn ich wieder arbeiten gehe? Es gingen uns eine Menge Sachen durch den Kopf, es war eine sehr aufregende Zeit. 

Super gespannt beobachtete ich bei mir die Veränderungen, physisch und psychisch. Wir hatten uns auch die klassischen Ratgeber gekauft und lasen abends die neusten Entwicklungen von unserem Baby nach. Mit der Zeit erzählten wir auch unserer Familie und engen Freunden von dem freudigen Ereignis, alle freuten sich mit uns. Nach etwa zwei Monaten ließen die unangenehmen Symptome der Schwangerschaft (Übelkeit und großer Hunger) deutlich nach, was ich in dem Moment als positiv bewertete.

Dann kam alles anders

Dann stand der erste Ultraschalltermin an und viele hatten mir schon gesagt, dass das der schönste Moment der Schwangerschaft ist. Man sieht und hört das Baby zum ersten Mal. Die Frauenärztin meinte scherzhaft, dass wir ja gar nicht wüssten, wie viele Babys im Bauch seien: 1, 2, 3… Sie platzierte das Ultraschallgerät auf meinem Bauch und – es war gar kein Baby da. Null. Die Fruchtblase war vorhanden, aber leer. Einfach leer.

Es war der totale Schock, ich verstand es nicht. „So etwas gibt es nicht!”, schrie es in meinem Kopf. Die Ärztin war ziemlich betroffen und erklärte mir die Situation. Bei einer Schwangerschaft kann sich im frühen Stadion das bereits befruchtete und anfängliche Ei entwickeln und dann aber aufgrund von Fehlbildungen wieder zurückbilden. Zurück bleiben nur die Plazenta und die Fruchtblase, die dann nach einer gewissen Zeit natürlich abgehen (eine klassische Fehlgeburt).

Wir waren beide unendlich enttäuscht, traurig und verständnislos. Ich stand weinend in der Praxis, mein Freund hielt mich fest im Arm und hielt für mich seine Tränen zurück. Von dem sogenannten Windei oder Molenei hatte ich noch nie gehört. Waren wir denn die einzigen, denen das passiert? Ist mein Körper nicht normal? Was habe ich falsch gemacht?

Die Zeit nach der Diagnose war sehr schmerzhaft

Nach den ersten Tränen bot mir die Gynäkologin drei Optionen an: Abwarten, bis alles von alleine abgeht (manchmal muss man bis zu vier Wochen warten), medikamentös ausleiten oder unter Vollnarkose absaugen lassen. Ich entschied mich für die Medikamente. Sie gab mir zwei Tabletten, die ich am nächsten Tag einnahm. Nach einiger Zeit lösten sehr, sehr schmerzhafte Krämpfe eine starke Blutung aus und alles wurde ausgeschwemmt. Seelisch trauerte ich um das verlorene Kind. Es folgten noch viele, viele Tränen. An diesen Tagen hatte sich mein Freund freigenommen und alles mit mir durchgemacht.

Als der erste Schock verdaut war, informierten wir alle, dass es einen Schwangerschaftsabbruch gab. Die Reaktionen von Familie und Freunden: Unterstützung. Meine Familie kam umgehend angeflogen, meine Freunde kamen mit Mittagessen (und Wein) und viele schickten mir mitfühlende Nachrichten. Selbst mein Chef hat mir angeboten, mehr Urlaub zu nehmen, als ich zu dem Zeitpunkt eigentlich konnte. 

Was mich am meisten verblüfft hat, waren all die Frauen in meinem Umfeld, die auch eine Fehlgeburt erlitten hatten, aber nie darüber gesprochen haben. Plötzlich hatte gefühlt jedes Paar in meiner Umgebung so eine Erfahrung gemacht und es einfach nie erzählt. Es ist tatsächlich noch heute ein Tabu-Thema, obwohl ein Drittel aller Fehlgeburten Windeier sind. 

Im Nachhinein habe ich meine Entscheidung, die Tablette zu nehmen, angezweifelt, weil es so schmerzhaft war. Abwarten wäre natürlicher gewesen und Absaugen wäre schmerzloser gewesen. Aber ich habe mich in dem Moment intuitiv für das Medikament entschieden und das wird seinen Grund gehabt haben. Im Nachhinein habe ich auch verstanden, warum die Übelkeit und der Hunger nachließen: es war der Moment, als sich das befruchtete Ei zurückgebildet hatte.

Was ich in dieser Zeit gelernt habe:

  • Ich kann mich voll und ganz auf meinen Partner verlassen, er steht an meiner Seite, auch an den schlimmen Tagen. Das mag selbstverständlich erscheinen, ist es aber nicht immer. Dieses Vertrauen ist ein wunderbares Gefühl für ein späteres Kind.
  • Obwohl ich mich im ersten Moment geschämt habe, dass mir so etwas komisches passiert, hat es mir sehr geholfen, darüber zu sprechen. Es ist immer noch ein Tabu-Thema, obwohl es das heute nicht mehr sein muss. Das Tabu persönlich zu brechen hat dazu geführt, dass ich unheimlich viel Unterstützung erfahren habe, privat und beruflich.
  • Ich kann meinem Körper und meiner Intuition vertrauen. Trotz der schmerzhaften Erfahrung war es der richtige Weg für mich, medikamentös abzutreiben. Es hat mir die Zeit gelassen, um das Sternenkind zu trauern und dennoch nicht all zu lange auf das Ausleiten zu warten. Mein Körper hat auch das Nötige getan, als es gemerkt hat, dass das Ei nicht lebensfähig war.

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