Foto: XING spielraum

Warum sprechen wir nie über unser Gehalt?

Wie verdienen wir eigentlich Geld? Und, wer bestimmt wie viel? Und warum spricht eigentlich keiner darüber? „Unruhestifterin“ Tina Egolf hat ihre eigene Sicht auf das Thema Gehalt und verrät, wie ein „Neues Einkommen“ aussehen könnte.

 

Karten auf den Tisch! 

Das Thema Gehalt soll zwar immer offen gelegt werden, aber die wenigsten tun es auch wirklich. Doch, warum ist das Einkommen immer noch ein „heikles“ Thema? Tina Egolf verrät uns im Interview mit unserem Kooperationspartner XING spielraum ihre Sicht auf das Thema Gehalt. Selbst 1984 geboren und damit ein Millennial, arbeitete sie bereits als Product Managerin für Podio, ist Botschafterin des Netzwerks „Hamburg Geekettes“, verfügt über Knowhow in den Bereichen zeitgenössische Kunst, Venture Capital, Sozial-Unternehmertun sowie Gründung eines eigenen Startups. Wie das diesjährige Jury-Mitglied des „New York-Awards“ wohl die Zukunft der Arbeit sieht?

Was sind für Dich aktuell die spannendsten Aspekte bzw. Themenfelder im Bereich „New Work“? 

„Auf jeden Fall nicht Work-Life-Balance, Home Office oder twitternde Recruiter. Nein, im Ernst: Ich finde es großartig, dass sich mehr und mehr Menschen und Organisationen Gedanken darüber machen, wie sie in Zukunft arbeiten und leben wollen. Aber leider führt so etwas gern auch dazu, dass ein Thema durch zu viel ,Symptom-Behandlung‘ statt ,Ursachenforschung‘ trivialisiert wird. Die spannendsten Themen sind meiner Meinung nach vor allem diejenigen, die Grundsätzliches in Frage stellen. All das, was wir gerne als selbstverständlich hinnehmen, nach dem Motto: ,Das war doch schon immer so.‘ Und allem voran steht für mich die Frage nach dem lieben Geld: Wie verdienen wir eigentlich Geld? Wie viel verdienen wir? Wer bestimmt das? Und wie könnte das auch anders gehen?

Im Englischen gibt es für ,Geld verdienen‘ den schönen Ausdruck ,to make a living‘. Das beschreibt sehr gut, welchen Stellenwert unser Einkommen für uns hat. Einkommen, Gehalt, Verdienst, alles was wir als Arbeit definieren – oder eben auch nicht definieren – fußt auf dessen Verhältnis zum Geld. Von Arbeitsverträgen und Arbeitszeit über Jobprofile und Status bis hin zu Verantwortung und Entscheidungsbefugnis – wenn wir über ,Neue Arbeit‘ sprechen wollen, müssen wir auf jeden Fall auch über ,Neues Einkommen‘ sprechen. Und darüber, warum eigentlich keiner über sein Einkommen spricht…“ 

Warum ist das Thema eigentlich so sensibel? Warum sprechen wir nicht über unser Gehalt?

„Ich bin keine Soziologin, aber ich würde die Hypothese wagen, dass Geld und Einkommen deutlich mehr sind als eine bloße Tauschwährung für unsere geleistete Arbeit. Einkommen definiert sowohl ein Abhängigkeitsverhältnis –gegenüber meinem Arbeitgeber oder meinen Kunden – als auch einen persönlichen Leistungs- und Wertmaßstab, im Vergleich zu meinen Kollegen und Freunden. Und ich glaube, wir sprechen nicht gerne über unser Gehalt, weil Information immer Einfluss bedeutet und unsere Kultur sich offensichtlich darauf geeinigt hat, dass dieser Einfluss nur demjenigen zusteht, der das Gehalt zahlt.“ 

Wie passt das mit dem Ruf nach mehr Transparenz und Mitbestimmung zusammen?

„Gar nicht. Wenn Informationen ungleich verteilt sind, besteht immer ein Machtunterschied. Wenn mein Arbeitgeber deutlich vor Augen hat, wie viel jeder in der Abteilung verdient, ich jedoch nicht, wer hat dann die besseren Karten, wenn es um die Frage geht: ,Verdiene ich eigentlich genug?‘ Aber es geht nicht nur um Transparenz. Wichtig ist vor allem auch zu hinterfragen, wie der Mechanismus des Geldverdienens funktioniert: Warum werde ich eigentlich für Arbeit bezahlt? Warum koppeln wir Arbeit an die eine Ressource, die wir benötigen, um Rechnungen zu zahlen und Lebensmittel zu kaufen? Natürlich klingt das jetzt viel zu abstrakt, aber man kann auch anders fragen: Könnte ich nicht auch für meine Verfügbarkeit, also da zu sein, wenn ich wirklich gebraucht werde, bezahlt werden – anstatt für 40 Stunden Anwesenheit im Büro? Oder für mein Potential? Oder dafür, dass ich jemand anderem die Möglichkeit gebe, einer bestimmten Arbeit nachzugehen – Stichwort Eltern?“ 

Wie werden wir in Zukunft Geld verdienen?

„Lohnarbeit ist ein vergleichsweise junges Konstrukt, das erst mit der Industrialisierung entstanden ist. Davor haben die Menschen natürlich auch Handel betrieben, aber Geld und Einkommen waren keine selbständigen abstrakten Größen. Wie wir in Zukunft Geld verdienen werden? Um ehrlich zu sein, weiß ich das (noch) nicht so genau. Aber stellen Sie sich vor, was für eine (disruptive) Energie es freisetzen würde, wenn vom Taxifahrer bis hin zum Investment-Banker die Frage danach, wie man sein Leben finanziert – ,how to make a living‘ – nicht 100 Prozent gleichzusetzen wäre mit dem Beruf, den man ausübt, oder dem Arbeitsvertrag, den man unterschrieben hat. Viele werden jetzt direkt an das bedingungslose Grundeinkommen denken, aber das ist nur eine von vielen möglichen Richtungen: Was würde es für Unternehmen sowie jeden Einzelnen von uns bedeuten, wenn unser Arbeitgeber nicht mehr darüber bestimmt, was wir verdienen? Hier beginnt für mich ,New Work‘.“

Du bist auch dieses Jahr wieder Jury-Mitglied beim New Work Award, der zukunftsweisende Arbeitsmodelle auszeichnet. Worauf achtest du bei Bewerbungen besonders? 

„Ich habe es eingangs schon kurz angeschnitten: Ich suche nach Ansätzen, die bestehende Strukturen neu denken anstatt eine ,etwas komfortablere‘ Lösung zu suchen. ,New Work‘ hat ja zwei Aspekte: einen prognostischen – wie werden wir wahrscheinlich arbeiten – und einen innovativen – wie wollen wir arbeiten. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir in Zukunft sehr viel flexibler arbeiten. Betriebskindergärten und Home Office, selbst agile Teams sind deshalb aber noch lange nicht innovativ, sondern – obwohl auf jeden Fall positiv – lediglich eine Reaktion auf diese Entwicklung. Spannend wird es jedoch, wenn jemand die Frage beantwortet, wie ,wollen‘ wir arbeiten? Und was können wir wirklich anders machen?“

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