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Neue Liebe: Wie lernt man wieder zu vertrauen?

Ich hätte gedacht ich kann das: Vertrauen. Vertrauen schenken. Jemandem vertrauen. Mir selbst vertrauen. Jetzt stoße ich an meine Grenzen. Grenzen, deren ich mir nicht bewusst war.

 

Liebe tut weh 

Es ist passiert. Ich habe jemanden kennengelernt. Jemanden, der mir, um es auf Wienerisch zu sagen, „nicht egal ist”. Um es etwas schöner zu formulieren: Jemanden, der mich bewegt. Jemanden, der mich berührt. Jemanden der mich fühlen lässt. Das erste Mal seit mir Anfang diesen Jahres das Herz herausgerissen wurde. Und das ist schon etwas Besonderes für mich. „Man verliebt sich doch immer wieder mal aufs Neue, das ist doch nichts Weltbewegendes”, denken nun vielleicht einige. Stimmt. Für mich aber gilt das nicht.

Denn, ich bin 32 und habe die letzten Jahre niemanden an mein Herz herangelassen. Ich hatte lange Zeit Angst, mich zu öffnen. Erst vor etwas über einem Jahr habe ich mir selber eingestanden, dass es wohl nicht zwangsläufig ein Mann sein muss, der mich als Lebenspartner begleiten wird, sondern einfach eine Frau. Im konkreten Fall: eine ganz besondere Frau. Für mich die erste Frau. Ich dachte damals, dass sie tatsächlich die eine Person sein wird, mit der es einen gemeinsamen Weg zu gehen geben wird. 

Vielleicht nicht für immer, man muss ja nicht gleich übertreiben. Aber zumindest für eine gewisse Zeit. Naiv? Ja. Blauäugig? Ja. Was soll ich sagen. Ich war verliebt. Nun hat es mit ihr aber einfach nicht sein sollen. Zu viele Zweifel. Zu viele Ängste. Ihrerseits. Sie hat mich von einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben verbannt. Noch Monate danach habe ich auf diesen einen Anruf gewartet. Auf diese eine Nachricht. Auf eine Entschuldigung. Auf ein „Es tut mir leid, ich habe einen Fehler begangen, lass uns wieder Kontakt haben. Lass uns dort weitermachen, wo wir aufgehört haben.” Das kam nie. 

Und plötzlich ist da jemand neues 

Und mittlerweile warte ich nicht mehr darauf. Ich habe damit abgeschlossen. Mit viel harter Arbeit. An mir selbst. Mit viel Reflexion. Mit vielen Tränen. Und Wehmut. Aber ich habe damit abgeschlossen. Und dann, aus dem nichts, ist da eine neue Frau aufgetaucht. Und was soll ich sagen, jetzt ist da erstmal einfach nur ein riesiges Gefühlschaos. Ich sammle mich. Und versuche es in Worte zu verpacken. Wie es sich mit ihr anfühlt.

Gemeinsam dem Alltag entfliehen. Sich gegenseitig Geschichten erzählen. Kind sein. Träumen. Fliegen. Wunden heilen. Nähe. Nähe leben. Viel davon. Wärme. Die Welt ausblenden. Berühren. Genießen. Lachen. Von ganzem Herzen. Aus tiefster Seele. Tränen lachen. Tränen weinen.

Es ist zu früh, um über „uns” zu sprechen 

Ja, auch Tränen weinen. Teilweise gemeinsam, teilweise aber auch ganz für mich alleine. Ganz intim. Denn das, was mich gerade beschäftigt, ist nicht die Zeit, die wir miteinander verbringen. Das, was mir Angst macht, ist die Zeit, in der wir uns nicht sehen. Wir leben nicht in derselben Stadt. Ich in Wien, sie in Berlin. Wenn wir uns hören, telefonieren, Nachrichten schreiben, dann sind wir uns so nahe, dass die räumliche Distanz egal ist. Ihre Worte, ihr Lachen, ihre unfassbare Schönheit, Innen und Außen. Die sind dann zum Greifen nahe. 

Aber wenn ich einmal nichts von ihr höre, dann verunsichert mich das. All das in einer Phase, in der nichts definiert ist zwischen uns. Weil es einfach zu früh wäre. Weil wir mit einem so ernsten Gespräch mehr kaputt machen würden, als dass es uns gut tun würde. Weil wir uns einfach zu wenig kennen. Weil eigentlich alles gerade nur einfach sein sollte. Weil wir beide eine Vergangenheit haben. Eine Vorgeschichte. Von der ich bei ihr nicht weiß, was davon Vergangenheit, und was davon Gegenwart ist. Oder noch schlimmer: Zukunft. Ich spreche hier von ihrer Vergangenheit. Von ihrem Erlebten. Von all den Menschen, die in ihrem Leben präsent waren. Sind. Ja, ich weiß es. Ich bin nicht die einzige Frau in ihrem Leben. Von ihrer Freiheitsliebe. Von dem Zweifel, ob sie das überhaupt kann, will, sich auf eine Person einzulassen. Auf eine einzige. Auf mich. Genau so kritisch spreche ich mit mir selber. Befrage mich. Im Kreuzverhör. Ich kenne jedoch meine Antworten auf all diese Fragen. Ich bin da. Ich bin offen. Für sie.

Zusammengefasst sind das alles Fragen, auf die ich noch keine Antworten bekomme. Weil ich sie nicht stelle, um sie eben nicht zu überrollen, einzuengen, in die Flucht zu treiben. Es ist es einfach zu früh, um über uns zu sprechen. 

Warum nicht einfach vertrauen?

Warum also nicht der Situation vertrauen? Einfach darauf vertrauen, dass wir eine Chance haben. Ohne, dass man es jetzt schon definieren muss. Dem Leben vertrauen. Vertrauen, dass sie nicht von einer Sekunde auf die andere aus meinem Leben verschwindet. Vertrauen, dass es ihr nicht sofort langweilig wird mit mir. Vertrauen. Und genießen. Mit Leichtigkeit.

Warum kann ich diesem Glück nicht vertrauen? Wie werde ich diese Angst los, dass es sofort wieder aus ist, ohne dass es jemals begonnen hat? Wie lernt man, einer Situation zu vertrauen? Wie wird man all diese Zweifel los? Zweifel, die an mir hängen wie lästiger Honig, den man unabsichtlich überall verteilt hat.

Und dann hört man Musik. Viel Musik. Also ich zumindest. Eigentlich jede freie Minute. Und dann stolpert man über Textzeilen, wie etwa:

”Und wer liebt wen mehr? Und wer liebt den anderen zuerst nicht mehr.” – 20.000 Meilen, Chuckamuck

Ich hab letztens zu einer engen Freundin gesagt: „Weißt du, diese Frau hat enormes Potential, dass sie mir so richtig das Herz bricht.” Und sie hat darauf geantwortet: „So, jetzt drücken wir es mal positiv aus: Diese Frau hat großes Potential, dass du dich so richtig in sie verlieben kannst.” Tja, schwierig zu sagen, ob das nicht schon längst passiert ist. Was bleibt ist Sorge. Angst. Zweifel. Wenn man sich jemandem öffnet, sich verletzbar macht, dann geht es wohl nie ganz ohne Angst. Wie schön wäre jetzt ein Hauch von Urvertrauen. Dass alles gut wird. Mit ihr gemeinsam. Dass es noch länger schön bleibt. Und einfach. Und irgendwann vielleicht auch mehr daraus wird. Oder eben nicht. Denn vielleicht soll es mit ihr auch nicht sein. Selbst dann. Wäre das Urvertrauen genau das Richtige – dass alles gut wird. Ob mit oder ohne sie. Ich kann es doch sowieso nicht beeinflussen.

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