Foto: Demetrios Pogkas for startupboat

Flüchtlinge an Griechenlands Stränden: „Warum zwingt ihr uns auf diese lebensgefährliche Reise?“

Eine Gruppe Unternehmerinnen und Investoren aus Berlin reiste auf die griechische Insel Samos, um sich vor Ort über die Lage der Flüchtlinge zu informieren – eine Reportage.

 

Vor Ort über die Lage der Flüchtlinge informieren

Eine Gruppe Unternehmer und Unternehmerinnen und Investoren aus Berlin reiste auf die griechische Insel Samos, um sich vor Ort über die Lage der Flüchtlinge zu
informieren, für bessere Aufklärung in der Bevölkerung zu sorgen,
Lösungsansätze für die Integration von Geflüchteten zu entwicklen und
diese umzusetzen. Zurück in Berlin berichtet Katharina Dermühl bei unserem Partner The Changer von
ihren Erfahrungen.

Katharina Dermühl baut beim Company Builder Found Fair
gerade ein Medizintechnik-Startup auf, das Blutentnahme und Bluttests
insbesondere in Entwicklungsländern mit geringer medizinischer
Infrastruktur vereinfachen soll. Aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Technik dem Menschen dienen soll
und nicht umgekehrt, entwickelt sie in interdisziplinären Teams mit
Hilfe von Human Centered Design Methodiken Lösungen für die drängenden
Probleme unserer Zeit.

Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein

„Kommst du mit nach Samos, um gemeinsam mit  20 anderen
Entrepreneur-Menschen aus Deutschland, Griechenland und Südafrika
Lösungen für die Flüchtlingsthematik zu erarbeiten?“ Als Paula mich
anruft, bin ich gerade auf dem Weg nach London, um mit meinen besten
Freundinnen ein Festival zu besuchen – etwas, das wohl viele in diesem
Sommer getan haben. Genauso haben sich viele mit der
Flüchtlingskatastrophe beschäftigt, mit Freunden darüber diskutiert oder
sich sogar engagiert
. Ich selbst habe mich bis zu diesem Zeitpunkt nur
theoretisch mit der Thematik auseinandergesetzt, immer mit dem latent
schlechten Gewissen, mehr tun zu wollen. Ich checke kurz meine Termine
und sage zu.

In Griechenland angekommen, fahren wir als Vorbereitung für die vier
Workshop-Tage auf dem Boot nach Karlovassi, eine der zwei Hafenstädte
von Samos. Hier werden viele Flüchtlinge von den Behörden registriert,
bevor sie auf die Fähren nach Athen steigen. Es ist das erste Mal, dass
ich Flüchtlingen begegne – und ich bin überfordert. Überfordert von der
Anzahl an Menschen, überfordert davon, dass sie in der prallen Sonne
liegen und sitzen und warten, überfordert von der Erschöpfung, die sie
ausstrahlen, überfordert vom Umgangston der Hafenpolizisten. Eine Frau
eilt an mir vorbei, eine Pappschachtel tragend. Ich vermute, sie
transportiere darin ihre Habseligkeiten, aber es liegt ein Neugeborenes
darin.

Engagierte Touristen begleiten uns bei der Erstversorgung in Vathi

Kein Geld für Wasser, Nahrung, Unterkunft, Toiletten

Wir beschließen, erst einmal nicht mit den Flüchtlingen zu sprechen,
weil wir gar nicht wissen, was wir sagen sollen, und sehen zwei junge
Frauen Milch und Kekse austeilen. Sie erzählen uns, dass sie jeden Tag
herkommen, um die Menschen zu versorgen, sie gehören zu keiner
Organisation. Warum Einheimische und auch Touristen die Flüchtlinge
versorgen, erfahren wir später, als wir mit Aktivisten, Polizisten und
dem Bürgermeister sprechen: Die griechischen Behörden haben nicht einmal
genug Geld, um die grundlegenden Bedürfnisse wie Wasser und Nahrung zu
erfüllen, sie sind auf Spenden angewiesen.

In Karlovassi hat die
Hafenpolizei ein kleines Häuschen von vielleicht 30 Quadratmetern
Grundfläche mit Teppichen ausgelegt, in dem sich die Flüchtlinge
ausruhen und der Hitze entfliehen können. Die einzige Toilette ist
letzte Woche kaputtgegangen. In Vathi, der Hauptstadt von Samos, gibt
es keinerlei sanitäre Anlagen, keinen einzigen öffentlichen Wasserhahn,
und außer vier Bäumen vor dem Gebäude der Hafenpolizei auch keinen
Schatten.

Auf Samos kommen derzeit 400 bis 700 Flüchtlinge am Tag an. Es gibt
25 Hafenpolizisten, die neben der Registrierung der Flüchtlinge für die
gesamten Hafenanlagen zuständig sind. Bevor die Flüchtlinge registriert sind, dürfen sie sich nicht von dem Gelände wegbewegen. Der
Supermarkt, in dem sie sich Wasser und Essen kaufen könnten, ist nur
100 Meter entfernt. Doch es gilt in der Sonne auszuharren, bis man seine
Papiere hat. Die meisten versuchen, noch am Tag der Ankunft auf eine
Fähre nach Athen zu kommen. Samos ist nicht das Ziel ihrer Reise, sie
wollen weiter, nach Deutschland oder Schweden, wie sie uns berichten,
viele haben dort schon Freunde oder Familienangehörige, die auf sie
warten.

Die Fähre nach Athen bringt die Flüchtlinge ihrem Ziel Nordeuropa ein Stück näher. Auf sie wartet mit der Black Route über den Balkan aber noch ein gefährlicher Reiseabschnitt.

Warum zwingt ihr uns auf diese lebensgefährliche Reise?

„Ich will nur sicher sein, mir ist es egal, wo ich lande, ich bleibe
auch in Griechenland, Hauptsache es ist sicher“, erzählt uns ein
syrischer Ingenieur, den wir am nächsten Tag auf einer Landstraße in den
Bergen treffen. Der Mann stammt aus Aleppo, wurde bei einem der
Bombardements von Frau und Kind getrennt, er weiß, dass sie leben, aber
nicht, wo sie sind. „Warum lasst ihr uns nicht auf sicherem Weg nach
Europa kommen? Warum müssen wir diese lebensgefährliche Reise auf uns
nehmen?“ Wir schauen uns betreten an, keiner will antworten, ihm sagen,
dass wir hier in Europa die Flüchtlinge nicht haben wollen, dass wir
eine menschenverachtende Flüchtlingspolitik betreiben, dass die
Zivilbevölkerung sich dieser Politik nicht entgegenstellt. Wollen ihm
nicht die Zuversicht nehmen, dass wir hier in Europa einen
menschlicheren Umgang pflegen als die Machthaber in seinem Heimatland.
Er fragt weiter: „Warum interveniert ihr nicht militärisch, schafft
zumindest eine sichere Zone in Nordsyrien. Ich will doch gar nicht weg
aus meinem Heimatland, aber ich habe keine Wahl.“

Er und zwei andere Männer sind nur die Vorhut einer Gruppe von
ungefähr 40 weiteren Flüchtlingen, die sich langsam den Berg hinauf
kämpfen. „Es sind viele Frauen und Kinder dabei, wir sind vorangelaufen,
um Hilfe zu holen, wir wissen nicht, wohin wir müssen.“ Es wird nicht
das letzte Mal sein, dass wir außer nach Wasser und Essen auch nach
Informationen und Orientierung gefragt werden. Wir rufen bei den
Behörden an und sind erstaunt über das Resultat: Die Polizei schickt
einen großen Wagen, der die Flüchtlinge aufnimmt und zur Hafenpolizei
bringt. Das ist nicht immer so, oft marschieren sie bis zu 40 Kilometer
weit über die Insel.

Die Flüchtlinge werden aufgereiht und registriert. Der Ton der Beamten ist besonders den Männern gegenüber harsch

Orangefarbene Schwimmwesten auf dunklen Felsen

Denn: Die Flüchtlinge kommen nicht am Hafen an, sondern irgendwo auf
der Seite der Insel Samos, die der Türkei zugewandt ist. Wenn sie Glück
haben, landen sie an einem Strand und treffen bald auf eine Straße. Als
wir mit dem Boot die Insel umrunden, sehen wir aber, dass viele die
Felsen hinaufklettern und sich dabei oft verletzen. Man erkennt
die Stellen an den orangefarbenen Schwimmwesten, die sich von den schroffen
grauen Felsen abheben, es sind unzählige. Die Flüchtlinge streifen sie
ab, sobald sie Boden unter den Füßen haben, denn sie bedeuten
zusätzlichen Ballast für den anstehenden Marsch. Die nassen Kleider sind
schon schwer genug.

Neben den Schwimmwesten überall Dinghis, teilweise gekentert,
teilweise noch intakt. Das sind die Schlauchboote, die für die Überfahrt
von der Türkei genutzt werden. Wir lernen, die grauen sind die
sichereren, werden primär von Syrern genutzt, die sich die höheren
Preise der Schlepper leisten können. In den schwarzen Booten kommen
meist die Afghanen an. Dies sind die beiden größten Flüchtlingsgruppen,
wir treffen aber auch Iraker und Iraner. Syrische Flüchtlinge dürfen
nach ihrer Registrierung sofort weiterreisen, während die übrigen,
insbesondere Afghanen und Iraker, in ein Flüchtlingscamp gebracht
werden.

Baracken hinter Stacheldraht

Mittlerweile ist die ganze Startup-Boatcrew unterwegs, der Kofferraum
voll mit Wasser, Milch und Keksen. Wir sind auf der Suche nach diesem
Flüchtlingslager, das versteckt in den Bergen oberhalb von Vathi liegt.
Doch wir fahren nur vorbei, denn Paula wurde bei einem früheren Besuch
bereits in Gewahrsam genommen, weil sie Fotos machte. Das für 280
Flüchtlinge ausgelegte Lager – es halten sich weitaus mehr dort auf –
besteht aus grauen Baracken, umgeben von zwei Reihen Stacheldrahtzaun.
Vor einem Monat gab es Tumulte im Lager, als das Cateringunternehmen
kein Essen mehr lieferte, weil seine Rechnungen nicht bezahlt wurden.
Mittlerweile kommen nicht mehr alle Flüchtlinge ins Camp, auch auf
anderen Inseln ist es Praxis geworden, die meisten weiterreisen zu
lassen, es sind einfach zu viele Menschen.

Man wird pragmatisch, das zeigt auch die Änderung der Gesetzgebung
hinsichtlich des Transports von Flüchtlingen. Bis vor kurzem machte man
sich strafbar
, wenn man unregistrierte Flüchtlinge im Auto mitnahm:
Menschenschmuggel. Wir wissen nicht, dass das jetzt nicht mehr gilt, und nehmen die drei
Syrer trotzdem mit. Wir merken, man kann nicht anders als zu helfen –
wie könnte man wegschauen? In dem Moment, in dem ich mit dem Menschen spreche, wird aus dem
Flüchtling Rahimidad aus Afghanistan ein Mensch, zu dem ich nun eine
Beziehung habe und dessen weiteres Schicksal mich nicht loslässt.

Wenigstens gibt es jetzt ein bisschen mehr Schatten in Vathi.

Unterstützung – mal untersagt, mal erwünscht

Wir fahren weiter nach Vathi, erneut fragt uns eine Flüchtlingsgruppe
nach dem Weg. Wir notieren, dass Information und Orientierung eines der
Probleme sein wird, an denen wir arbeiten müssen. In Vathi am Hafen
angekommen werden wir von zwei Hafenpolizisten zurückgepfiffen, als wir
anfangen, Lebensmittel an die Menschen zu verteilen. Wir würden ihre
Arbeit durcheinanderbringen, wir sollten die Lebensmittel bei ihnen
abgeben, sie würden sie verteilen. Da sie aber mit der Registrierung
beschäftigt sind, kommt es nicht dazu. Wir sind verunsichert,
beschließen, in die andere Hafenstadt Karlovassi zu fahren. Es wird das
letzte Mal gewesen sein, dass wir daran haben hindern lassen, zu helfen.

In Karlovassi ist kurz vorher die Fähre nach Athen abgefahren,
weshalb wir nur eine syrische Familie antreffen – zwei Brüder, einer mit
Ehefrau und drei Kindern, und die Mutter der beiden. Eine Frau kniet
bei ihnen und erklärt etwas, auf Zettel deutend. Sie ist hier im Urlaub
und kommt jeden Tag her, um den Flüchtlingen zu erklären, wie es nach
ihrer Ankunft in Athen weitergeht: welche Metro sie nehmen müssen, wo
sie rasten können – einer der großen Parks in Athen ist inoffizielles
Flüchtlingslager – und  wo sie Hilfe bekommen. Wieder geht es um
Information und Orientierung.

Als wir uns zu der Familie setzen, stößt ein Hafenpolizist zu uns.
Wir erwarten, erneut weggeschickt zu werden, doch er bittet uns um
Hilfe: Die Familie müsse nach Vathi, um Originale der
Registrierungspapiere zu erhalten, ob wir sie fahren könnten, der
öffentliche Bus würde keine Flüchtlinge mitnehmen. Es wird zwei Stunden
dauern, bis wir die Syrer überzeugt haben. Den Aussagen fremder Menschen
zu trauen, haben sie sich auf dem Weg hierher abgewöhnt. Wir sprechen
mit dem Polizisten über seine Erfahrungen: Er hat eine
17-Stunden-Schicht hinter sich, gibt aber bereitwillig Auskunft, wohl
wissend, dass er, die Behörden, ganz Griechenland und die anderen
Ankunftsländer auf zivilgesellschaftliches Engagement angewiesen sind.

Strom und Hotspots für den Kontakt nach Hause

Einer der syrischen Brüder spricht gut Englisch, er ist Jurastudent –
Vincent weist mich irgendwann leise darauf hin, auf seine Arme zu
achten: Er wurde gefoltert. Laetitia, die etwas Arabisch spricht, setzt
sich zu den Frauen. Zwischen uns turnt Judy herum, die mit ungefähr vier
Jahren jüngste Tochter der Familie. Ihre große Schwester liegt
erschöpft schlafend unter einem Baum, der große Bruder hält sich an
Vater und Onkel. Kika und ich malen mit Judy. Die beiden Bilder, die sie
uns gegeben hat, werden wir in Ehren halten, ebenso das Video und die
Selfies, die die Kleine mit Kikas Handy aufgenommen hat.

Dass die Flüchtlinge nach der Versorgung mit Wasser und Essen als
erstes nach SIM-Karten, WLAN und der Möglichkeit, ihre Telefone
aufzuladen, fragen, hatte uns schon Peter, unser Skipper, erzählt. Mit
Paulas Handy stellen wir einen Hotspot bereit, den die junge Frau nutzt,
um Whatsapp-Nachrichten an Familie und Freunde zu schicken. Mitteilen,
dass sie heil in Europa angekommen sind. Dies ist neben dem Suchen nach
Informationen zur Weiterfahrt das größte Anliegen: Kontakt zu den
Lieben.

Ich warte noch auf eine Email mit einem Lebenszeichen von Rahimidad, dem Familienvater. Sie sind auf dem Weg nach Hamburg, wo sein Bruder auf sie wartet

Konzeptentwicklung auf dem Startup-Boat

All diese Informationen nehmen wir an den nächsten Tagen mit auf das Startup-Boat
und arbeiten in zwei Gruppen an den Herausforderungen: Wie können wir
die Flüchtlinge mit Informationen und Orientierung sowie der nötigen
technischen Infrastruktur versorgen? Herausgekommen ist zum einen www.first-contact.org
und die dazugehörige Facebook-Gruppe, denn über Facebook wird sich
organisiert und ausgetauscht. First Contact, verfügbar in Englisch,
Arabisch, Farsisch und Paschtu, stellt kurz und knapp die Informationen
bereit, die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft auf Samos benötigen: Wohin sie
sich zur Registrierung begeben müssen, Abfahrtszeiten und Preise der
Fähren, Adressen und Telefonnummern von Behörden sowie eine kurze
Beschreibung des Prozesses, der auf sie zukommt. Außerdem Informationen
darüber, wie es in Athen weitergeht, und Links zu ausführlicheren
Artikeln.

Da wir bei den Gesprächen mit Beamten, Aktivisten, Anwohnern und
Touristen erfahren haben, dass viele gerne helfen wollen, aber nicht
wissen wie, haben wir diese Informationen in Guidelines
zusammengetragen: Was ist wann hilfreich? Wer aus welchen Gründen auch
immer nicht direkt mit den Flüchtlingen in Kontakt treten will, kann zum
Beispiel Lebensmittel bei der Hafenpolizei abgeben: Wir alle erinnern
uns gut an den ersten Tag, als wir überfordert und ohne Informationen
auf die ersten Flüchtlinge trafen und ohne aktiv zu helfen von dannen
zogen. „First Contact Samos“ ist als Blueprint gedacht, dessen Format
von anderen Ankunftsorten übernommen werden soll.

Doch wie werden die Ankommenden auf First Contact aufmerksam? Die
Distribution über soziale Netzwerke ist nur ein Ansatz. In Rücksprache
mit dem Bürgermeister werden wir Schilder an wichtigen Punkten auf der
Insel anbringen. Sie heißen die Flüchtlinge auf Samos und in
Griechenland willkommen – viele denken dank falscher Versprechungen der
Schlepper, sie wären in Italien – und weisen sie auf die Website hin.
Damit ist jedoch noch nicht das Problem der leeren Batterien und des
nicht vorhandenen Internetzugangs gelöst. Wir haben dafür Konzepte
entwickelt und suchen nun nach Partnern und Sponsoren, die mit uns
gemeinsam die Hard- und Software-Infrastruktur aufbauen. Samos soll auch
hier nur der Anfang sein. Interessierte melden sich bitte bei uns: info@first-contact.org

Die Startaupboatcrew beim Konzepten

Ein Appell: selbst aktiv werden

Es ist offensichtlich geworden, dass Politik und Behörden von der
aktuellen Situation überfordert sind. Was ist also die Konsequenz? Aktiv
werden und anfangen, autonom zu handeln. Jeder kann etwas tun, dafür
muss man nicht, wie wir, nach Griechenland fahren. Spenden sind
hilfreich, wichtiger aber ist: Schaut hin! Geht in die Flüchtlingslager!
Sprecht mit den Menschen! Man kann auf so vielen Ebenen helfen! Und vor
allem, heißt die Menschen willkommen!

Leid und Freude liegen so nah beieinander, deshalb eine freudige
Geschichte zum Abschluss: Nachdem wir am letzten Tag die Flüchtlinge mit
Essen und Trinken versorgt hatten, setzte ich mich zu einer
afghanischen Familie mit vier kleinen Kindern, die auf einem Pappkarton
saßen. Ich hatte in meiner Tasche noch bunte Filzstifte von einer der
Brainstorming-Sessions, fing an zu malen und gab die Stifte den Kindern,
die fröhlich drauflos kritzelten. Während ich mich mit dem Vater
unterhielt, verteilte eine Helferin Feigen aus ihrem Garten. Plötzlich
hielt mir der jüngste Sohn die übrige Hälfte seiner Feige hin,
schüchtern grinsend, um sich dann sofort wieder dem Malen zu widmen. Wir
lachten alle miteinander, jegliche sprachliche Barrieren waren
überwunden.

Digitale Lösungen, um Hilfe effizienter zu gestalten 

20 engagierte und technologieaffine Menschen sind für vier Tage in
Samos zusammengekommen, die wenigsten hatten sich vorher mit
Flüchtlingen intensiv auseinandergesetzt. Wir sind an die Aufgabe
gegangen, wie wir auch unsere Startups aufbauen oder Investments
bewerten: Was braucht der User? Wie kann ich die beste Lösung designen?
Das kann man nur herausfinden, wenn man mit den Menschen spricht,
schnell Konzepte entwickelt, diese zurückspielt und basierend auf ihrem
Feedback verbessert. Wir testen unsere Hypothesen ständig, beanspruchen
nicht, die einzig wahre Antwort zu haben. Dass wir uns nicht immer einig
waren und die Emotionen nicht nur einmal hochgekocht sind, ist klar.
Doch wir haben ein gemeinsames Ziel nach vier Tagen im Startup Boat: Wir
wollen dabei helfen, die Organisation von Hilfe und von Spenden durch
digitale Lösungen effizienter und einfacher zu gestalten.

Als ich zurück in Berlin war und recherchierte, wo ich vor Ort helfen
kann, war ich nach wenigen Minuten frustriert angesichts des
Durcheinanders an Informationen. Der aktuelle Bedarf ist oft nicht auf
dem letzten Stand. Das muss nicht sein: In Zeiten von Tinder, Slack und
Co, die mit ausgefeilter User Experience Design und Usability aufwarten,
kann es nicht angehen, dass uns Helfen so schwer gemacht wird. Das
wollen wir ändern. Darin sind wir gut. Dort liegen unsere Fähigkeiten.
Hier setzen wir an. Setzt ihr dort an, wo ihr helfen wollt und könnt! Es
gibt genug zu tun! „Viele Tropfen machen auch einen Wasserfall“, sagt
Paula, als ich ihr frustriert von einer Rückmeldung auf unsere
Aktivitäten berichte, die vom Tropfen auf den heißen Stein spricht. Sie
hat so Recht.

Hier findet man ein paar Anlaufstellen in Berlin und tolle innovative Projekte, die sich hier um Flüchtlinge kümmern.

Wer sich für Berichte aus Samos interessiert, dem sei der Blog des
Aktivisten Sofianis
empfohlen, ein Mann, der sein Leben dem Helfen von
Flüchtlingen gewidmet hat. Es ist mir eine Ehre ihn getroffen zu haben.

Alle Fotos von Demetrios Pogkas for startupboat.

Dieser Artikel erschien zuerst bei unserem Partner THE CHANGER. The Changer ist ein Berliner Sozialunternehmen und bieten seit April 2014 Jobs, Events, News und Informationen, die ‘Gutes tun’ einfacher machen sollen.

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