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Ich will mich politisch engagieren! Aber wie?

Vielen von uns geht die gegenwärtige politische Situation in Deutschland gegen den Strich. Aber was kann man fernab von Facebook-Posts und Tweets tun? Und wie geht man das dann an?

 

Politisch engagieren? So geht das!

Nach Jahren im politischen Wachkoma wurden wir Deutschen mit dem
drohenden Grexit, spätestens aber mit den ankommenden Geflüchteten aus Syrien,
den Maghreb-Staaten und Serbien und natürlich dem Terror des sogenannten IS wieder politisiert. Und auch mir persönlich, die ich mich zwar auch schon zuvor als schwer politisch interessierten Menschen beschreiben würde, geht es da ja nicht anders – auf einmal nimmt die politische Debatte richtig viel Raum im Leben ein: Am Küchentisch, im Büro, in der Bar, im Park und auch im Zwiegespräch mit sich selbst.

Es wird viel diskutiert, über Haltungen, Probleme und Lösungsansätze gesprochen – und über allem schwebt eine kollektive Sorge vor dem, was uns noch bevorstehen mag. Nur dass wir uns nicht alle vor den gleichen Szenarien fürchten. Es findet sich kaum noch, der sagt:
„Politik? Das geht mich gar nichts an.“

Politisches Interesse reicht nicht mehr aus

Alles schön und gut. Aber was bringt uns dieses (neu entfachte) Interesse an
Politik? Nun, in den meisten Fällen viel Frustration. Gerade weil wir uns in
der Regel mit Menschen umgeben, die ähnlich denken wie wir, drehen sich
Diskussionen schnell im Kreis, beziehungsweise kommen wir schnell an den
Punkt, an dem wir uns zunicken und sagen: „Genau, so müsste das sein. So ist
das richtig.“  Und was ändert sich davon?
Richtig, gar nichts.

Ebenso wenig wie von leidenschaftlichen Facebook-Posts und
Tweets, die wir in unsere Filterblase schießen, um sie dort verpuffen zu
lassen. Und wenn man sich das bewusst macht, dann kommt man schnell an den
Punkt, das Interesse einfach nicht ausreicht. Was jetzt zählt, ist echtes
Engagement.

Aber was kann man genau tun und wie geht man das dann an?

So könnt ihr euch politisch engagieren

1. Petitionen

Ja, Petitionen werden gerne mal belächelt, weil Hinz und Kunz
das auch dafür nutzen, um langhaarige Kaninchen im Tierzüchter e.V.
verbieten zu lassen. Aber wenn man von diesen Ausreißern absieht, dann sind
Petitionen ein großartige Sache, um unkompliziert politisch aktiv zu werden, auf ein Thema aufmerksam zu machen,
Hintergründe zu erklären und Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam für eine
Sache kämpfen wollen.

Worauf es dabei ankommt ist wirklich ein klares Anliegen und Ziel zu formulieren und die
Petition nicht einfach nur online zu stellen, sondern sich Aufmerksamkeit dafür zu verschaffen. Das kann im Freundes- und Familienkreis
anfangen und dann auch über klassische Medien laufen, denen man das Thema
anbietet. Bleibt dran und macht euch bemerkbar! Wo ihr eine solche Petition
starten könnt? Etwa bei Avaaz, Campact oder Change.org. Welche Tipps es für
Petitionen ganz konkret noch gibt, hat uns Jeannette Gusko von Change.org im
Interview erzählt. Für mehr Infos, hier entlang.

2. In eine Partei eintreten

Ihr habt grundsätzlich eine Partei, die euch zusagt und bei
der ihr selbst mitwirken wollt? Ist ja gar kein Problem – bei den meisten
Parteien kann man sich mittlerweile schon online anmelden, um sich dann im
Kreisverband engagieren zu können. Dieser wiederum, trifft sich in der Regel bei
einem regelmäßigen Stammtisch – und dort heißt es dann die ersten Male: Nicht
schüchtern sein, anquatschen und sich einbringen. Der monatliche Mitgliedsbeitrag
 bemisst sich am Gehalt und bewegt sich
etwa zwischen fünf und 250 Euro. Wer sich noch unsicher ist, kann oftmals auch erst einmal Gastmitglied werden und Treffen in der Region besuchen, um ein Gespür dafür zu
bekommen, was dort passiert und ob die Strukturen zu einem passen.

3. Eine Partei gründen

Was macht man, wenn es für einen nicht die passende Partei
gibt? Richtig, man gründet einfach selber eine. Dass man damit relativ weit kommt kann, zeigen ja zwei Beispiele aus jüngster Zeit: die Piratenpartei und die AFD. Wie man das
macht?

Zunächst braucht es mindestens drei Personen, die den Vorstand bilden. Bei der
Namensgebung sollte man sich nicht zu sehr an bereits vergebenen Parteinamen
orientieren und ein griffiger Slogan, der die Idee der Partei beschreibt, ist
auch nicht schlecht. Dann braucht es noch eine Satzung, in der der Name, der
Sitz der Partei und das Tätigkeitsfeld angegeben ist, ebenso wie ein Organigram,
die Struktur der Partei und ganz grundlegende Infos, wie etwa neue Mitglieder bei der Partei anheuern können. Um eure Anliegen und Ziele klar zu machen,
braucht es dann noch ein Parteiprogramm, über das in einer
Mitgliederversammlung abgestimmt wird. Ist das erledigt, solltet ihr auf
mindestens sieben Mitglieder angewachsen sein, um euch ins Vereinsregister
eintragen zu lassen und die Partei so rechtskräftig zu machen. Herzlichen
Glückwunsch, nun habt ihr die Partei gegründet!

Im nächsten Schritt müsst ihr dem Bundeswahlleiter, aktuell
ist das Dieter Sarreither, eure Satzung, das Parteiprogramm und die Namen des
Vorstandes sowie der Landesverbände und ein Gründungsprotokoll zusenden. Das
soll zeigen, dass der Vorstand geheim und demokratisch gewählt worden ist. Hier
wird alles geprüft und wenn ihr keine Fehler gemacht habt, könnt ihr auch schon
loslegen. Nun heißt es: Macht auf euch aufmerksam, sonst wird das nichts mit
der politischen Arbeit.

4. Panels, Demos und Vereine….

Wenn euch die Gründung einer eigenen Partei eine Nummer zu groß sein sollte, dann engagiert euch einfach und unbürokratisch in Vereinen.
In jedem Kiez, Stadtteil oder Dorf gibt es unterschiedlichste Vereine, die in diversen politischen Bereichen, von Bildung bis zur Arbeit mit Geflüchtete einsetzen – und wo man in kurzer Zeit ehrenamtlich viel bewegen kann. Zieht einen Blog hoch oder bietet eure Texte an, klinkt euch in Netzwerke ein oder geht auf Demos und zeigt dort Flagge. Welche aktuell
stattfinden kann man für Berlin etwa jeden Morgen ganz bequem im Newsletter des
Tagesspiegels
erfahren. Eine andere Möglichkeit ist es, Panels zu besuchen, als
Speakerin oder aber in offenen Diskussionsrunden aktiv zu werden. Auch in der Uni gibt es
politische Hochschulgruppen oder Initiativen und selbst in der Schule ist
politische Arbeit möglich. Und ja, auch Geld durch Spenden ist eine gute Möglichkeit, sich einzubringen. Denn das, fehlt den meisten Vereinen.

5. Das Private

Auch wenn wir hier wieder in der Filterblase feststecken, bleibt das Private wichtig. Diskutiert, hört zu, überlegt Lösungen und
versucht auch mal über den Tellerrand zu schauen. Denn auch wenn man
grundsätzlich in seiner Haltung übereinstimmt, wird man auch hier neue
Perspektiven finden, die einen bereichern. Und wenn man nur einen Freund oder
Freundin, die kein politisches Interesse haben überzeugen kann oder jemanden,
der fragwürdigen Parolen verfallen ist, doch noch einmal zum Nachdenken bringt, hat man auch schon wahnsinnig viel getan.

In dem Sinne: Lasst uns uns mehr ins politisches Engagement
verlieben – es gibt noch so viel zu tun.

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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