Foto: Kilian Krüll

„Bei rassistischen und hasserfüllten Kommentaren denke ich: Jetzt erst recht“

Seit großen Hashtags wie #metwo ist in der Öffentlichkeit wohl angekommen, welche Wirkmacht soziale Netzwerke auf das politische Zeitgeschehen und Journalismus haben. Aber auch einzelne Akteur*innen und Communitys tragen dazu bei, dass Plattformen wie Instagram unglaublich politisch werden. Yasmine M’Barek ist eine von ihnen.

 „Es ist ein Privileg politisch aktiv zu sein“

Muss man denn wirklich alles politisch betrachten? Yasmine M’Barek findet schon. Auf ihren Instagramaccount @ceremonialofsavage, kommentiert sie das tagespolitische Geschehen, kritisiert große Medienhäuser und empfiehlt Menschen und Bücher, die bessere Einblicke in diverse Themen bieten, als es dem Mainstream-Journalismus gelingt.

Wenn man ihre Stories auf Instagram sieht, hat man das Gefühl, dass Yasmine bitte vorher einmal über jeden Artikel, der online geht, lesen sollte, damit keine diskriminierenden Strukturen eben dort reproduziert werden, wo man eigentlich darauf aufmerksam machen wollte. Sei es mit einem pointierten Screenshot, einem kurzen Tweet oder kleinen Videos – Yasmine nimmt das Zeitgeschehen mal sensibel, mal humorvoll und immer pointiert auseinander.

Wir haben mir ihr darüber gesprochen, was sie eigentlich dazu motiviert, Netzaktivistin zu sein, und wie sie ihren Aktivismus auch in ihren Alltag einbindet.

Auf deinem Instagram-Account informierst du über diverse, politische Themen. Es ist leicht, ein „Like“ zu hinterlassen, nickend deine Stories zu lesen. Wie wirksam erlebst du Aktivismus auf sozialen Netzwerken?

„Netzaktivimus ist extrem wichtig. Meiner Meinung nach entwickelt er sich immer weiter. Auch außerhalb der Blase des Aufregens und Informierens. Denn das ist nicht alles. Ein aktuelles Beispiel ist die GoFundMe-Kampagne von Tarik Tesfu. Mit Hilfe von Online-Aktivist*innen wurden fast 12.000 Euro für Vereine, die antirassistische Arbeit leisten, gespendet. Ich bin täglich motiviert weiterzumachen, da man mit immer mehr Leuten in Kontakt tritt, sich gegenseitig Dinge beibringt, diskutiert und andere mobilisiert und stärkt. Die Communitys, die sich auf Twitter und Instagram gebildet haben, sind unglaublich motivierend.“

Und was motiviert dich außerdem?

„Oft, und ich weiß, dass das falsch ist, bestärken mich hasserfüllte sowie fremdenfeindliche und rechte Beiträge und Kommentare, da ich dann denke: Jetzt erst recht. Das führt dann auch oft dazu, dass ich mich nach Kommentar-Schlachten extrem ausgelaugt und leer fühle, gerade wenn man gefühlt nur gegen Wände rennt. Diese Hasskommentare sind gerade für mich im politischen Aktivismus eine Motivation, sie spornen nur noch mehr an. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Social-Media den Spielraum des Hasses erweitert hat, da man viel angreifbarer wird und die Angreifer*innen sich immer unter dem Deckmantel der Anonymität verstecken können. Allerdings ist man nicht immer stabil genug, um den Hass von sich zu schütteln. Manchmal ist es auch so, dass man 100 positive und empowernde Nachrichten bekommt, und zwei hasserfüllte, beleidigende, die dir die Energie rauben. Auch wenn man das gar nicht möchte. Aber dann kommt die Energie wieder. Es ist ein Kreislauf, und in diesem ist es sowohl erlaubt als auch notwendig, auf sich selbst zu achten und sich dem Ganzen mal kurz zu entziehen.“

„Es ist ein Privileg politisch aktiv sein zu können, denn wir haben hier die Möglichkeit auf die Straße zu gehen, zu sagen was wir denken und auf verschiedene Arten unseren politischen Standpunkt hervorzubringen.“

Fällt es dir leichter über soziale Netzwerke rassistische und sexistische Strukturen aufzuzeigen, als in deinem persönlichen Umfeld?

„Ich wurde schon immer von großen Teilen meines Umfeldes als ,temperamentvoll und laut‘ beschrieben. Das lag unter anderem daran, dass ich oft laut gesagt habe, was ich dachte. Auf sozialen Medien habe ich fast nie ein Problem damit, ich sage immer was ich denke. Manchmal merke ich jedoch, dass ich etwas nicht zum x-ten Mal in meinem Umfeld anspreche, da ich ein bestimmtes Abstempeln als ,polit-obsessive‘, also zwanghaft politisch, nicht ertragen kann. Meine Eltern haben das allerdings schon früh gefördert und sehen politisch vieles wie ich. Dafür bin ich sehr dankbar, dementsprechend schaffen wir es oft, gemeinsam politische Themen auf den Tisch zu bringen, weil wir von der Wichtigkeit dieser überzeugt sind. Unter Freund*innen ist es mir aber schon oft genug passiert, dass Leute gesagt haben ,nicht alles ist politisch, man muss es nicht übertreiben!‘ und ich schlucken musste, bevor ich weiterreden konnte. Mit Entpolitisiertheit kann ich schlecht umgehen, ich bin da wirklich sehr impulsiv. Es ist ein Privileg, politisch aktiv sein zu können, denn wir haben hier die Möglichkeit auf die Straße zu gehen, zu sagen was wir denken und auf verschiedene Arten unseren politischen Standpunkt hervorzubringen.“

Immer wieder fachen Ereignisse aus dem aktuellen Tagesgeschehen, die große mediale Präsenz erhalten, die Debatte um Rassismus an. Immer wieder ebbt das Interesse ab. Wie könnte sich daran etwas ändern?

„Diversität in den Medien ist dafür nötig. Die Themen dürfen nicht nur dann skizziert werden, wenn man damit gute Verkaufs- und Zuschauer*innenzahlen bekommt. Das spiegelt auch exakt wieder, wie wenig Interesse teilweise am aktuellen Geschehen besteht. Diese Fahrlässigkeit führt dazu, dass eine Unterkunft für Geflüchtete angezündet wird oder dass offen islamfeindliche und homophobe Politiker*innen im Bundestag sitzen können. Solche Dinge rauschen vorbei und die Nerven vieler Menschen sind taub, da all das oftmals als normal gilt. Es ist die Aufgabe von Journalist*innen und Bildungsinstitutionen, darauf aktiv aufmerksam zu machen. Es fängt auch schon bei den Lehrplänen in Schulen und Universitäten an. Ich finde, dass kritische und aufmerksame Medien durch immer mehr politisch–erwachte Menschen große Präsenz erhalten müssen.“

Du machst für Themen sensibel, die bei vielen Menschen ein blinder Fleck sind. Welchen Tipp würdest du geben, um die eigenen Privilegien zu verstehen und sie für marginalisierte Gruppen einzusetzen?

„Reflektieren, reflektieren, reflektieren. Jede Situation sollte man reflektieren und sich die Frage stellen: ,Warum ist das so?‘. Dann sollte man sich weiter fragen: ,Welchen Einfluss kann ich auf diese und diese Situation nehmen?‘ Und sich dann einsetzen. Auf Demos gehen ist zwar ein Anfang, reicht aber nicht aus. Zudem gibt es auch Menschen, die nicht auf Demos gehen können. Außerhalb davon gibt es jedoch auch zahlreiche Vereine, Spendenmöglichkeiten, Engagement in eigenen Communitys und vieles mehr. Schaut man genau hin, sieht man wie sehr man betroffenen Menschen helfen kann. Das fängt schon damit an, sich in einer vollen Bahn neben eine Frau mit Hijab zu setzen, neben der niemand sitzt.“

„Viele gesellschaftliche, vorurteilsbehaftete Gedanken integrieren sich manchmal ganz automatisch in die eigenen, und sobald man sich dabei erwischt, muss man sich den Fehler eingestehen und ihn als Mahnmal betrachten.“

Wurdest du selbst schon mit eigenen Vorurteilen konfrontiert? Wie bist du damit umgegangen?

„Ja, und jedes Mal kam ein Gefühl von Scham dabei auf und die Frage ,Wo kommt das her?‘. Ich glaube, eine Art Vorurteil ist jedem schon mal begegnet. Viele gesellschaftliche, vorurteilsbehaftete Gedanken integrieren sich manchmal ganz automatisch in die eigenen, und sobald man sich dabei erwischt, muss man sich den Fehler eingestehen und ihn als Mahnmal betrachten. Das versuche ich stets.“

Was würdest du dir von einer modernen Fehlerkultur wünschen? Wie sollten Reaktionen sein, wenn auf eine gewaltvolle Sprache, die ja oft als solche nicht intendiert war, hingewiesen wird?

„Dass zugehört wird. Denn Fehler passieren und diese machen auf die Missstände aufmerksam.  Auf der einen Seite müssen Fehler eingestanden werden, und auf der anderen Seite verziehen werden. Wenn man aber über diese Fehler Bescheid weiß und diese aktiv weiter macht, besteht auch kein Interesse an Veränderung und Interaktion. Meistens funktioniert das aber schon, denn es ist ja sehr verständlich, was falsch an dieser Sprache ist. Wenn jemand zum Beispiel von Kopftuchmädchen und anderen Taugenichtsen oder Kanaken spricht, insbesondere wenn er/sie nicht zu dieser Gruppe gehört, erklärt sich, weshalb man diese Begriffe nicht verwenden sollte. Spätestens dann, wenn man darauf angesprochen wird oder gegebenenfalls die Problematik erklärt bekommt. Es geht dabei nicht darum, das einfach zu akzeptieren oder es abzulehnen. Es muss verstanden werden und im besten Falle weitergetragen werden.“

„Es ist wichtig, sich über diese konstruierten Normen zu definieren, um so darauf aufmerksam zu machen, dass sie eben nicht der Norm entsprechen.“

Es wäre ja toll, wenn konstruierte Normen wie zum Beispiel Geschlecht und Herkunft vollkommen egal wären, dass sie nicht mehr der Rede wert wären. Trotzdem ist es oft wichtig, sich darüber zu definieren, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Oder?

„Das ist der berühmte Identitätskonflikt. Ich selbst, und ich denke niemand kann das so recht, habe ihn nicht gelöst. Fakt ist, Geschlecht oder Herkunft spielen öfter eine Rolle, als das gewollt ist. Ich selbst habe oft das Problem mich mit Begriffen identifizieren zu müssen, sei es deutsch oder tunesisch. Bei einem bin ich mir sehr sicher, und zwar dass ich Muslima bin. Aber auch dieser Fakt geriet öfters in den Herkunftskonflikt. Unabhängig davon definiere ich mich aber meistens über alle drei Begriffe im meinem politischen Aktivismus. Ich muss das tun, da ich für die Selbstverständlichkeit dieser ,kämpfe‘. Ich möchte mit meinen Texten und Stories aufzeigen, welche Schwierigkeiten sich aus meiner Identität ergeben und weshalb ich Teil dieser Gesellschaft bin. Es geht für mich nicht darum, Teil dieser zu werden, sondern darum, denen, die es nicht verstehen, zu zeigen, dass ich ganz selbstverständlich bereits Teil davon bin. Es ist wichtig, sich über diese konstruierten Normen zu definieren, um so darauf aufmerksam zu machen, dass sie eben nicht der Norm entsprechen. “

In einem deiner Blogbeiträge schreibst du auch über Identität. Was sind für dich identitätsstiftende Elemente? Und warum ist das wichtig?

„Meine Identität besteht aus allem, was ich bin und erlebt habe. Dazu gehört selbstverständlich auch Kultur, Herkunft, Geschlecht und Religion. Und diese Teile sind auch diejenigen, die mich am meisten beschäftigen und herausfordern. Sowohl sie als auch die dazugehörige Community stehen stets im Zentrum. Diese Community um mich herum ist ein zentrales Element meiner Identitätsstiftung. Genauso fundamental ist es für mich, als muslimische Frau zu schreiben und aktivistisch zu sein. Für meine persönliche Entwicklung ist das sehr wichtig, denn all diese Dinge sind ein großer Teil von mir und prägen auch den Hauptteil meines Lebens. Identitätsfindung ist ein sehr dominierender Teil meines Alltags, da ich täglich in Kontakt damit komme, mal bestärkt es mich, mal behindert es mich. Deshalb ist es so wichtig mich damit auseinanderzusetzen.“

Hast du einen Tipp, wie es gelingen kann die eigenen Les- und Sehgewohnheiten diverser zu gestalten?

„Man sollte darauf achten, sich nicht nur eintönige Meinungen aus Mainstreammedien zu entnehmen. Es gibt viele frei arbeitende Journalist*innen und diverse Medien, zum Beispiel Magazin oder IslamiQ, die einen anderen Einblick zum Beispiel in die Debatte ,Rassismus‘ geben. Wenn der zehnte männliche Autor über das Kopftuch schreibt, kriege ich die Krise. Außerdem gibt es unfassbar wichtige und hochwertige Literatur über Rassismus et cetera. Als Beispiele seien hier Noah Sows ,Deutschland Schwarz Weiß‘, Max Czolleks ,Desintegriert euch!‘ oder Amani Abuzahras ,Mehr Kopf als Tuch‘ genannt. In diesen Werken sprechen Menschen, die das Ganze überhaupt betrifft. Fängt man einmal an diverser zu lesen, bemerkt man, wie unreflektiert, privilegiert und standardisiert bestimmte Meinungen in bekannten Medien sind.  Denn die Artikel und Meinungen von People of Color sind vorhanden, um sie zu finden sollte man sich vor allem auch fragen: ,Kann diese eine Sicht des Autors X mir eine komplette Sicht in die Thematik geben? Wie differenziert ist das, was ich lese?‘. Oft sind Artikel mit diversen Meinungen nur einen Hauch entfernt.“

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