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Jörg Krauter: „Als gute Führungskräfte sollten wir mehr Emotionen zulassen“

Wie sieht gute Führung aus? Das hat unsere Community-Autorin Ariane Jörg Krauter, Direktor der SYNK Business School, gefragt.

 

Gute Führung braucht einen modernen Ansatz 

Jörg Krauter beschäftigt sich, sowohl in seiner Funktion als Geschäftsführer als auch als Direktor einer Business School intensiv mit der Frage, was gute Führung ausmacht. Ein Gespräch. 

Teilzeitmodelle, Homeoffice – die Art zu Arbeiten hat sich geändert. Welche Trends lassen sich in Bezug auf Leadership erkennen? 

„Der Begriff „Leadership” ist um einiges umfassender geworden. Heute erkennt man beispielsweise die zentrale Rolle der Angestellten an, die sie im Hinblick auf Führung spielen. Führung ist vielseitiger geworden. Früher war, was wir jetzt als einen rein autokratischen Führungsstil bezeichnen würden, die Norm. Jetzt ist zunehmend das Gegenteil der Fall, wir bewegen uns weg von pyramidalen Organisationsformen zu flachen Hierarchien. Weil Führung sich immer aus dem Kontext ableitet, unterscheidet man zwischen unterschiedlichen Stilen. Das Ziel muss es sein, in verschiedenen Situationen den jeweils passenden Stil anzuwenden.”

Das klingt, als rücke die Kooperation an die Stelle der Delegation. Ist ein autokratischer Führungsstil nun Vergangenheit?

„Nun, langfristig gesehen ist eine kooperative Arbeitsatmosphäre weitaus effektiver. Das hat man erkannt und versucht, extern motivierte Arbeitsweisen anders zu gestalten.  Hier zeigt sich eine weitere Entwicklung: Selbstreflexion hat nicht nur zugenommen, sondern ist allgemein zu einem großen Thema geworden. Denn aus der Reflexion resultiert oft die Erkenntnis über die Sinnhaftigkeit einer Aufgabe oder eines Projektes. Das ist förderlich für intrinsisch motiviertes Arbeiten. 

Dem Klischee zufolge ist Reflexion, ebenso wie ein kooperatives und stark teamorientiertes Arbeiten, ein Merkmal eines eher „weiblichen Führungsstils“. Ich sehe die Gefahr, Stereotypen zu bestätigen, unterscheidet man zwischen einer „weiblichen“ und „männlichen“ Art der Führung.

„Leadership ist auch um einiges komplexer. Da muss man weg von Stereotypen und eine klare Sichtweise vertreten. Ebenso, wie man nicht von weiblichem und männliches Führungsstil sprechen sollte, sollte man nicht davon ausgehen, dass es nur den richtigen und einen falschen Stil gibt. Leadership reagiert auf das Umfeld. Es geht um den richtigen Stil, oder die richtige Mischung aus Stilen in einer bestimmten Situation.” 

Wie lässt sich das genau umsetzen?

„Man kann sich eine Farbpalette vorstellen. Zunächst prüft man den Kontext, dann greift man auf die Palette zurück und mischt verschiedene Farben, die auf die jeweilige Rahmensituation passen. Deshalb muss man die verschiedenen Stile kennen und beherrschen, sodass man sich ein vielfarbiges Repertoire aufbauen und stets darauf zurückgreifen kann. Dann erst wird man wirklich agil und kann elegant und gelassen reagieren.”

Führung hat also viele Facetten?

„Ja. Grob zusammengefasst muss Führung aber vor allem zwei Dinge können: sie muss explotativ und explorativ sein. Das heißt, sie soll parallel verändern und bewahren, für Innovation sorgen und gleichzeitig Ordnung und Sicherheit garantieren.”

Das nimmt eine ähnliche Richtung wie das von Weizsäcker definierte Konzept der pragmatischen Information: Information muss neu sein, aber auf Altem aufbauen. 

„Richtig. Und das ist auch bei der Entscheidungsfindung von Bedeutung. Entscheidungen sind die Schnittmenge aus Intuition und Analyse . Genauso wenig, wie man die Fakten ignorieren kann, kann man Emotionen völlig außer Acht lassen.”

Sind Emotionen denn ein Störfaktor?

„Nein. Emotionen sind die Färbung des Lebens der Menschen; die kann man nicht einfach weglassen, wenn man von Leadership spricht. Leadership ist menschlich. Die Definition von Leadership ist: gegenseitige Einflussnahme. Man sollte die Gegenseitigkeit nicht unterschätzen, ebenso wie der Leader die Follower beeinflusst,  haben die Follower einen direkten Einfluss auf den Leader. Viel würde sich ändern, wenn ein Großteil die Emotionen nicht als Problem sehen, sondern sie einfach zulassen würde.”

Werden Emotionen denn grundsätzlich als Problem wahrgenommen?

„Ja, sehr häufig. Dabei sind Emotionen wie das Salz in der Suppe. Führt man ohne Emotionen, ist das als würde man eine völlig geschmacklose Suppe essen. Wir müssen mehr Akzeptanz für Emotionen schaffen und sie als wertvolle Facetten des menschlichen Lebens verstehen.”

Emotionen sind aber nicht immer positiv.

„Hier hilft es ebenso, kontextbezogen zu denken. Natürlich gibt es negative Emotionen. Auch und vor allem Ärger muss kommuniziert und kann nicht einfach verdrängt werden – natürlich alles in einem gewissen Rahmen. Aber, ob positiv oder negativ, wir brauchen insgesamt mehr Raum für Emotionen.

Führung muss bedeuten, mit den eigenen und mit den Emotionen anderer umgehen zu können. Das kann erlernt werden. Man kann trainieren, sie erst bewusst wahrzunehmen, dann zu bewerten und schließlich zu reflektieren und nach vorne zu schauen.”

Ist es wichtig, als Leader stets optimistisch in die Zukunft zu blicken und sich eine generell positive Denkweise anzueignen?

„Das Negative wird nicht weniger dadurch, dass man nur das Positive wahrnimmt. Auf lange Sicht betrachtet ist es nicht sinnvoll, die Augen zu verschließen. Man muss beides sehen, das Positive und das Negative. Vielmehr geht es aber darum, wie man mit Letzterem umgeht.”

Blicken wir einmal selbst voraus: Wie sieht die Zukunft von Leadership aus?

„Das kann man schwer voraussagen. Führung leitet sich aus den Umständen ab, deshalb wird sich Leadership verändern und anpassen, je nachdem, was in der Welt geschieht. Vielleicht wird sich eine neue Art des Arbeitens entwickeln, mehr projektbezogen und stark teamorientiert. Wie wird man in den Teams selbst arbeiten? Wird es einen Leader pro Projekt geben, oder wird es überhaupt einen Leader geben? Da gibt es viele denkbare, neue Modelle. 

Die Digitalisierung wird definitiv einen großen Einfluss haben, denn schon jetzt wird ja viel virtuell gearbeitet.”

Die Digitalisierung ermöglicht die Bildung von Teams, die geographische und kulturelle Distanzen überwinden.  Welche Rolle wird Kultur für Leadership spielen?

„Kultur ist erlebtes Verhalten von Menschen: Verhaltensweisen, Symbole, Artefakte, Geschichte, Tradition, Kunst, Sprache…Den Teilnehmern am Training zum European Business Coach vermitteln wir zuerst die Inhalte, bevor wir diese dann in einen kulturellen Rahmen setzen. Die Haltung muss doch sein: „Ich möchte verstehen.“ Da sollte, Kultur ganz besonders, kein Hindernis sein. Wenn das tatsächlich die innere Haltung ist, die man auch nach außen kommuniziert, dann ist Leadership allgemein anwendbar und kulturübergreifend.”

Als Leader ist man Vorbild?

„Als Leader ist man nicht nur ein Spiegel, sonder auch ein Wegweiser.”

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