Foto: Margit Maximilian

Diese zehn Frauen werden den afrikanischen Kontinent verändern

Das Buch „Woza Sisi“ der österreichischen Journalistin Margit Maximilian porträtiert zehn beeindruckende Frauen, die den afrikanischen Kontinent verändern – zum Beispiel die kenianische Schauspielerin und Streetworkerin Winnie Akinyi.

 

Raus aus dem gottverdammten Slum?

Mo Abudu ist die „Oprah Winfrey“ Nigerias. Mit ihrem pan-afrikanischen TV-Sender ist sie eine der erfolgreichsten Frauen Afrikas.  Winnie Akinyi ist Künstlerin und Streetworkerin im größten Slum Kenias. Aminata Traoré, frühere Kulturministerin in Mali, ist Publizistin und eine Ikone der Globalisierungskritiker. Ken Bugul eine berühmte senegalesische Schriftstellerin. Die österreichische Journalistin und Afrika-Spezialistin Margit Maximilian porträtiert in ihrem neu erschienenen Buch „Woza Sisi“ zehn Frauen aus zehn unterschiedlichen Ländern Sub-Sahara-Afrikas. Was sie eint: Sie alle verfügen über besondere Tatkraft. Sie legen den Finger in die Wunden, die Globalisierung und Tyrannei in Afrika gerissen haben, gleichzeitig aber wehren sie sich erfolgreich gegen das Klischeebild vom „verlorenen Kontinent“. 

„Woza, Sisi“ – „Komm, Schwester“, so versuchen die Straßenfriseurinnen in Johannesburg ihre Kundinnen zu locken. „Woza“ ist aber auch der Name einer preisgekrönten Menschenrechtsorganisation von Frauen in Simbabwe.

Wir veröffentlichen einen Auszug aus dem Porträt der kenianischen Schauspielerin und Streetworkerin Winnie Akinyi:

Miss Kibera

„Hello!“, „Mambo!“, „Hi, Gloria!“ Wenn Winnie durch die Straßen von Kibera schlendert,
dann grüßt sie nach links und nach rechts. Hier im Slum kennt sie jeder, denn
Winnie war Miss Kibera. Das ist zwar sieben Jahre her, doch außergewöhnlich schön
ist sie immer noch. „You are even more beautiful than I expected“, sage ich,
als ich sie zum ersten Mal treffe, und bin mir umgehend der Blödheit des Satzes
bewusst. Schließlich geht es hier nicht um Schönheit. Es geht vielmehr um die
Frage, warum Winnie freiwillig hierbleibt und nicht wegzieht aus Kibera, einer
der größten Elendssiedlungen auf dem Kontinent. Auch wenn sie längst schon die
Mittel hätte, diesen gottverdammten Slum mitsamt seinen elenden, stinkigen,
engen Blechhütten und den verseuchten Rinnsalen dazwischen für 
immer
hinter sich zu lassen.

„Warum
ich hierbleibe? Das ist doch ganz einfach“, sagt Winnie. Sie sperrt die
Wohnungstür auf, meine Gedanken hat sie offenbar erraten. „Ich bin in Kibera
aufgewachsen. Ich kenne auch seine guten Seiten. In Kibera leben wir zusammen.
Es ist nicht so wie bei euch, wo du deinen Nachbarn nur siehst, wenn du dir mit
ihm etwas ausmachst. Wir sind wie eine große Familie. Vielleicht eine Million
Menschen mit ähnlichen 
Vorstellungen. Wir hören es, wenn ein
Nachbar krank ist, und
wir helfen.“

Erst vor zwei
Jahren ist Winnie Akinyi in die neue
Wohnung
in einem Apartmentblock am Rand des Kibera-Slums
gezogen. „Es war schön, den Miss-Kibera-Titel zu gewinnen“, erzählt sie.
Im Slum müssen die Models ihre eigenen
Kleider
machen. Es gibt drei Kategorien: traditionelle, offizielle
und kreative Kleidung. „Die Gruppe, die die Wahlen
veranstaltet
hat, hat mich überallhin
mitgenommen, zum Präsidenten,
zu den wichtigen
Menschen“, sagt sie. Doch schon nach
zwölf
Monaten ist alles wieder vorbei, dann bekommen andere
ihre Chance.

Kenia – ein korruptes Land

In der neuen Wohnung gibt es Bad, Klo und
Strom. Doch schon auf der gegenüberliegenden
Straßenseite
ist das anders. Sehr rasch werden
die Gassen enger, die Wege
zwischen den
Behausungen sind verwinkelt. Oft sind sie so
schmal,
dass wir Mühe haben, mit dem Filmteam samt Stativ
und Kamera durchzukommen. Wir sind ein ganzer Tross. Zwei
Polizisten mit Kalaschnikows folgen uns. Wir haben
sie angeheuert.
Für fünfzehn Euro die Stunde
sollen sie uns Ärger vom
Hals schaffen. Dass
wir uns damit nicht beliebt machen, steht
auf
einem anderen Blatt.

Neunzig Prozent der Kenianer halten ihre Sicherheitskräfte für korrupt oder gar sehr korrupt,
sagt
eine Studie. Im Slum sind sie noch
unbeliebter. Oft nehmen
sie die Armen
zusätzlich aus, während sich Verbrecher freikaufen
können. Winnie hält die zwei müden Polizisten zwar für übertrieben, wirklich dagegen ist sie aber auch nicht.
So
haben wir Ruhe.

„Klar gibt es hier Diebe“, sagt sie, „es gibt Bankräuber und
Kriminelle. Und alle haben Waffen. Aber das liegt an unserem Land. Kenia ist
korrupt. Wenn ich mich schützen will, dann kaufe ich mir eine Pistole.“ Wir
haben uns am Rand der Bahngleise auf ein hölzernes Verkaufspult gesetzt. Hier
wollen wir reden. Hinter uns reicht der undurchdringliche Dschungel der
Wellblechdächer bis zum Horizont. „Der ganze Hügel war einst mit dichtem Wald
bedeckt“, erklärt Winnie. „Vor hundert Jahren hat man begonnen, ihn zu roden,
um für die nubischen Ex-Soldaten der britischen Armee Platz zu schaffen.“

Enge im Elendsviertel

Winnie kennt „ihren“ Slum gut. Sie kneift die Augen zusammen,
dreht den Kopf nach hinten und lässt den Blick über die Hütten schweifen.
Kibera, mitten in Nairobi, soll der größte Slum Afrikas sein. Bis zu einer
Million Menschen drängen sich hier auf nur vier Quadratkilometern – hieß es
zumindest bis vor Kurzem. Doch zuletzt wurde die Einwohnerzahl des
Elendsviertels auf etwa 400.000 nach unten korrigiert.

Schon von ihrem ersten Freund wurde sie schwanger, erzählt Winnie. „Ich hatte Pech“, meint sie. Er wollte, dass sie abtreibt, doch sie habe Kinder
immer geliebt und eine Tochter zur Welt gebracht. Mit siebzehn. Winnie ist
leutselig, gewohnt, mit Menschen zu reden. Und dennoch wirkt ihre Offenheit
auch ein wenig schüchtern. Sie übertreibt nicht, so viel steht fest. Unser
Sitzplatz auf dem Pult ist so hoch, dass selbst ihre langen Beine weit über dem
Boden baumeln. Sie trägt blau-schwarze Turnschuhe, die Jeans liegen eng an, der
breite, gelbe Gürtel betont die schmalen Hüften. Heute sei sie aus dem
Schlimmsten heraus, sagt sie. „Ich bin Winnie aus Kibera“, spricht sie stolz in
die Kamera, „und ich bin Künstlerin.“

Die beiden Polizisten haben sich diskret vis-à-vis von uns
positioniert. Sie lehnen lässig an der Wand eines winzigen Ladens, quatschen ab
und zu mit Passanten. „Dann starb meine Schwester“, erzählt Winnie. Auch sie
war schwanger. Aber ihr Kind starb im Bauch. Als sie ins Spital kam, war es zu
spät. Ihr Mann hatte sie wirklich geliebt. Zwei Monate danach ist auch er
gestorben.“ Sie ist mit ihrer Geschichte noch nicht fertig. „Worauf seine
Mutter einen Schock erlitt und ebenfalls starb. Sie waren arm, und als sie alle
tot waren, kamen die drei Kinder der Schwester zu meiner Mutter und damit zu
uns ins Haus.“ Nun musste Winnie auch noch für diese Kinder sorgen. „Damit“,
sagt sie deutlich und bestimmt, „war meine Schulzeit 
endgültig zu Ende.“

Während unserer Unterhaltung stoßen drei junge Mitglieder von
Slum-TV mit Kamera und Ausstattung zu uns. Wir hatten vereinbart, dass sie uns
begleiten und filmen. Das soll uns beiden helfen. Wir können vielleicht etwas
von ihrem Drehmaterial verwenden und sie bringen in ihren Slum-TV-News die
Geschichte über Winnie Akinyi, die Künstlerin und ehemalige Miss Kibera, für
die Leute wie ich sogar aus Europa anreisen. Slum-TV ist in Kibera entstanden.
Die Mitglieder erzählen ihre eigenen Geschichten. Sie filmen Dokus, Serien und
Theaterstücke und organisieren abendliche Freiluftevents, um sie vorzuführen.
Und sie schulen junge Leute in Film- und Fernsehtechnik und ermöglichen ihnen
damit eine Ausbildung. Den Begriff „Slum“, einst diskreditiert und politisch
inkorrekt, haben die Aktivisten aus der Schmuddel-Ecke geholt. Seit sie ihn
selbst verwenden, sind sie stolz darauf.

Mittlerweile sind ähnliche
Organisationen in Kibera aus dem Boden geschossen. Sie alle buhlen um das Geld
von NGOs. Die zwei Männer von Slum-TV zeigen uns die schöne neue Kamera, die
sie mitgebracht haben. Eine junge Frau hat Kopfhörer um den Hals, sie ist für
den Sound zuständig. Dank der neuen Begleitung sind wir jetzt noch auffälliger
und mit noch mehr teurem Equipment unterwegs. Auf Wertgegenstände müsse man
achten. Sie sei schon sehr oft ausgeraubt worden, meint Winnie. „Letzte Woche
erst: Meine Börse, mein Geld, alles war weg“, sagt sie mit beachtlicher
Gelassenheit. „Sie ziehen dir das Geld aus der Tasche, ohne dass du es merkst.
Aber ich bin nie mit Waffengewalt überfallen worden. Ich weiß nicht, wie sich
so etwas anfühlt, und ich will es auch nicht wissen.“ Angst? „Nein, Angst habe
ich nie“, antwortet Winnie, ohne eine Sekunde nachzudenken. Sie schiebt den
großen, silbernen Panther-Kopf, der an einer langen Silberkette um ihren Hals
hängt, vor ihrem Busen hin und her. „Was ich in meinem Leben durchgemacht habe,
war viel schlimmer. Was passieren muss, passiert“, sagt sie bestimmt. „Hier im
Slum kann nur Gott die Menschen schützen.“ (…)


Margit Maximilian: „Woza Sisi. Die mutigen Frauen Afrikas“, Verlag Kremayr & Scheriau, März 2016, 192 Seiten, 22 Euro.


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