Foto: Amorelie

Lea-Sophie Cramer: „Produktbilder mit nackten, gekünstelten Frauen wären mir peinlich“

Lea-Sophie Cramer hat mit ihrem Startup „Amorelie“ Sextoys aus der Schmuddelecke geholt und verkauft das Unternehmen nun.

 

Sexspielzeug für den Mainstream

In der Startupszene ist Lea-Sophie Cramer ein Vorbild. Für Männer und Frauen. Gemeinsam mit Sebastian Pollok gründete sie 2012 Amorelie, ein Online-Sex-Shop, der Sexspielzeug in den Mainstream holen und die etwas angestaubte Branche aufmischen will. 60 Prozent ihrer Kunden sind Frauen. Leas Aufstieg, rasant: Nach einem kurzen Zwischenstopp bei der Beratung Bosten Consulting Group, wurde Lea mit 24 Vice President International Asien bei Groupon, und war für etwa 1.000 Mitarbeiter verantwortlich. Sie ist Coverfrau, hat bereits Millionen an Finanzierung von Investoren eingesammelt.

Update: ProSiebenSat.1 übernimmt nach Berichten von Gründerszene, wie bereits letzte Woche vermutet, 75 Prozent der Anteile an Amorelie und kauft alle Investoren heraus. Die übrigen 25 Prozente halten die Gründer. Die Münchner Sendergruppe war bereits zuvor, an Amorelie beteiligt. Der Exit dürfte Amorelie zusätzlich Aufwind verschaffen, weil das Mediabudget für TV-Werbung weiter steigen dürfte. Da lohnen sich auch die 25 Prozent, die die Gründer derzeit noch an Amorelie halten und die sie vorraussichtlich nach dem Earn Out an die Sendergruppe verkaufen werden.

Im vergangenen Jahr wurde Lea unter unsere „25 Frauen für die digitale Zukunft“ gewählt. Wir haben mit ihr über die beliebtesten Sextoys, Expansionspläne, zeitgemäße Kundenansprache und den Hype rund um „Shades of Grey“ gesprochen.

Es heißt in der Berichterstattung über euch immer wieder, Amorelie sei ein Sexshop für „normale“ Menschen – was war denn an bisherigen Online-Sexshops anders, weniger „normal“?

„Das hat nichts mit ,normal´ oder ,unnormal´ zu tun. Wir haben einfach eine eigene Zielgruppe. Viele Leute wollen nicht in die klassischen Erotikshops gehen. Sie fühlen sich dort beobachtet, unwohl und mögen die Produktauswahl nicht. Die Zielgruppe der traditionellen Händler gehört einer männerdominierten Nische an. Wir sprechen den Mainstream an und hier noch eher fokussiert auf die Frau. Mein Mitgründer Sebastian und ich kommen sozusagen aus unserer Zielgruppe heraus und haben uns überlegt, was uns bisher gefehlt hat. So sprechen wir Kunden an, die sich vorher nicht mit dem Thema Lovetoys beschäftigt haben. Somit haben wir viele Neulinge in unserem Shop und legen daher viel Wert auf Beratung, diskrete Lieferung und Inspiration, genauso wie auf die Produktauswahl.“

Im Interview mit Nora hattest du im vergangenen Jahr auf die Frage, wie ihr Konkurrenten wie Beate Uhse beobachtet, die euch sogar mittlerweile nacheifern, gesagt: „Es freut uns, dass sie gemerkt haben, dass ihre Angebote nicht mehr zeitgemäß sind und uns unterstützen, diesen neuen Love- und Lifestylemarkt zu entwickeln“ – was war denn, bis auf die Ästhetik der Seiten, nicht zeitgemäß? Die Produktpalette? Die Ansprache?

„Ich möchte nicht zu lange über unsere Konkurrenten sprechen, die wir nicht als direkte Konkurrenten sehen. Wir machen anderes Marketing, für eine andere Zielgruppe mit einem eigenen Produktportfolio und Shop-Ansatz. Wir setzen auf jeden Fall auf moderne, hochqualitative Produkte, die zudem noch unserem Ästhetikempfinden genügen. Unser Produktportfolio enthält keine Dildos oder Vibratoren in Naturnachbildung und auch keine schmerzhaften Fetisch-Produkte. Außerdem richten wir uns an Paare und Frauen, die noch nicht so viel Erfahrung mit Lovetoys haben und sich von uns Beratung wünschen. Dafür entwickeln wir extra zusammengestellte Produkte, wie unsere ,Bondage Box´, ,Hochzeitsbox´ oder ,Für Zwei-Box´, oder unseren ,Adventskalender´ im November und Dezember. Wir haben auch viele Dinge auf Kundenwünsche hin entwickelt, zum Beispiel, dass man unsere Boxen auch im Abo bekommen kann oder dass man sich durch unseren Toyfinder klicken kann und dort dann die richtigen Produkte für die eigenen Bedürfnisse vorgeschlagen bekommt. Um es zusammenzufassen: Bisher fehlte der natürliche Umgang mit dem Thema Liebesleben und Sexualität.“

Ich habe das Gefühl, Seiten wie eis.de und die von Beate Uhse sehen auch ganz schick aus – glaubst du, ihr habt da ein bisschen Pionierarbeit geleistet?

„Ich denke schon, dass wir den einen oder anderen dazu inspiriert haben, sich in seiner Ausrichtung etwas zu modernisieren – auch in den TV-Spots gibt es neuerdings gewisse Ähnlichkeiten.“

Was machen eure Expansionspläne, gibt es da schon konkrete Schritte?

„2014 sind wir ja nach Österreich und in die Schweiz expandiert. Auch dieses Jahr planen wir noch weitere Markteintritte. Welche das genau sein werden, werdet ihr dann erleben.“

Du sagtest in einem Interview, ihr konzentriert euch vor allem auf Kundenfeedback und Mitarbeiterideen – was ist denn das Feedback eurer Kunden, kann man da Trends zusammenfassen, was die Bedürfnisse eurer Kunden sind?

„Wir bekommen viel Kundenfeedback, dadurch kann man sehr gut erkennen, was gefällt. So kann man auch Trends und Bedürfnisse analysieren. Bei uns kaufen viele Leute Produkte für die Paarbeziehung. Denn jeder, der schon mal eine längere Beziehung hatte, weiß, dass das Liebesleben nach einer Weile nicht mehr so aufregend ist wie am Anfang. Deshalb sind Produkte, die man zusammen mit dem Partner nutzt, sehr beliebt. Außerdem ist natürlich ,Shades of Grey´ gerade ein großer Hype. Das Suchvolumen ist von Dezember bis Februar um das sechsfache gestiegen. Das Spannende ist aber, dass die Kunden durch ein Interesse an Bondage auf die Seite kommen, aber nicht unbedingt dann auch diese Produkte kaufen.“

Warum gilt Sexspielzeug als schwieriger Markt – das ist doch eigentlich das perfekte E-Commerce-Produkt, die Bestellung ist online schön diskret?

„Sexspielzeug galt immer als schwieriger Markt, weil viele Menschen von dem Ambiente, der Reputation und den Produkten der meisten Anbieter abgeschreckt waren. Das ist einer der Gründe, warum wir Amorelie gegründet haben und zwar als E-Commerce-Unternehmen. Ein ,Ort´ an dem man sich wohlfühlt und anonym bleibt. Eine Schwierigkeit kann sein, dass viele Produkte erklärungsbedürftig sind und man online keine realen Verkäufer oder Berater hat. Dem wirken wir mit unseren detaillierten Produktbeschreibungen, Produktvideos, Live-Chat und unserer Kundenhotline entgegen –  dieser Service wird sehr gerne von unseren Kunden angenommen, so fühlen sie sich gut beraten und aufgehoben.“

In einem Interview hat dein Partner Sebastian gesagt, eine gute Orientierung bei der Gestaltung der Seite sei immer die Frage: Wäre es euch selbst peinlich, Amorelie beispielsweise im Café aufzurufen? Wie muss die Seite denn beschaffen sein, damit euch das nicht peinlich ist, beziehungsweise was wäre dir peinlich?

„Ästhetik und eine tolle User Experience sind das A und O bei der Gestaltung der Seite. Unsere Seite ist clean und ein wenig verspielt. Viele unserer Produkte sind in fröhlichen Farben gehalten und sind auf den ersten Blick oft nicht als Sextoy zu erkennen. Das hilft enorm, Lebensfreude anstatt dem altbekannten Schmuddelimage zu vermitteln. Und damit wären wir auch schon bei dem Punkt, was mir in der Öffentlichkeit peinlich wäre und ich nicht ansprechend finde: Produktbilder mit nackten, gekünstelten Frauen oder Stahl- oder Lederprodukte, die Schmerzen zufügen – das ist nicht meine Vorstellung von einem gleichberechtigten, bereichernden Liebesleben.“

Ist denn eigentlich der deutsche Markt besonders prüde im Vergleich zu anderen Ländern, habt ihr da mal Forschung betrieben? Ich denke da zum Beispiel an die Annahme oder das Klischee, dass die Niederländer in diesen Dingen lockerer seien? Gibt es da Erkenntnisse?

„Wir haben seit unserem Bestehen drei Umfragen gemacht, die gezeigt haben, wie überraschend aufgeschlossen unsere Kunden gegenüber Lovetoys sind. In der letzten Umfrage im Januar kam zum Beispiel heraus, dass 31 Prozent der knapp 3500 Teilnehmer ein Analtoy besitzen und 39 Prozent es gerne zukünftig ausprobieren möchten. Bisher vertreiben wir nur im deutschsprachigen Ausland. Die Schweizer und Österreicher kaufen ,bewusster´ ein, das heißt, sie lassen sich mehr Zeit für den Einkauf und achten sehr auf Qualität und sind bereit, dafür auch mehr auszugeben. Unsere deutschen Kunden sind preisbewusster und achten deshalb auf das Preis-Leistungs-Verhältnis. Was alle gemeinsam haben ist, dass sie gerne die Vorauswahl Amorelie überlassen. Deshab sind unsere von Experten zusammengestellten Amorelie-Boxen sehr beliebt.“

Gibt es Pläne für Amorelie-Filialen, und wenn ja, wo?

„Konkret noch nicht. Wir glauben auch, dass man in der heutigen Zeit auch als ,Online Pure Player´ erfolgreich sein kann. Aber es ist auf jeden Fall ein Thema, das wir spannend finden. Wir hatten ja bereits Pop-up Stores in Berlin, Hamburg, München, Wien und Zürich, bei denen wir gesehen haben, dass stationärer Handel unter den richtigen Voraussetzungen auch großen Anklang findet.“

Gibt es Produkte, die vielleicht ihre Abnehmer finden würden bei euch, die ihr aber aus ästhetischen, moralischen oder anderen prinzipiellen Gründen nicht in eure Produktpalette aufnehmt?

„Das auf jeden Fall. Generell legen wir sehr viel Wert auf Qualität und Ästhetik. Dadurch wird auch einiges ausgeschlossen, von dem wir eigentlich wissen, dass es gut verkauft werden würde. Gerade Produkte mit einem geringen Preispunkt werden teilweise von unseren Testern als ungenügend ausgeschlossen, obwohl sie vielleicht gekauft werden würden. Wenn aber die Qualität nicht stimmt, dann wären auch die Kunden letztendlich nicht glücklich. Außerdem haben wir keine Produkte, die dem Partner Schmerzen zufügen können.“

Neulich las ich: Jede zweite Frau zwischen 30 und 50 besitzt einen Vibrator – woher kommen solche Zahlen, kann das repräsentativ sein? Man würde vermuten, die „Dunkelziffer“ liegt höher…und dennoch kommt einem diese Zahl extrem hoch vor.

„Um herauszufinden, wie repräsentativ die Zahlen sind, muss man sich natürlich immer die Quelle anschauen. Bei einer 2013 von uns durchgeführten Umfrage sagten 78 Prozent der befragten Frauen, dass sie einen Vibrator besitzen. Viele von ihnen sogar mehr als einen. Das ist natürlich nicht repräsentativ für ganz Deutschland, aber für unsere Kunden.“

Wie läuft die Idee mit den „Toypartys“ nach dem Prinzip der Tupperpartys, ist das etwas, das ankommt? Ich könnte mir vorstellen, dass das vor allem eher junge Frauen machen, oder wird das von allen Altersklassen gebucht?

„Die Toypartys finden großen Anklang und zwar bei Frauen aller Altersklassen, sprich Studentin bis Mutter mit erwachsenen Kindern. Es ist eine tolle Gelegenheit für Kundinnen, die teilweise erklärungsbedürftigen Produkte näher gebracht zu bekommen, zu vergleichen und anzufassen. Auch geben unsere Beraterinnen Tipps. Zum Beispiel wirkt silikonbasiertes Gleitgel genauso gut gegen sprödes Haar wie teure Essenzen und Öle von den großen Kosmetikmarken.“

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Studium der Politikwissenschaften, nach Ausbildung zur Redakteurin an der Berliner Journalisten-Schule Stationen bei NEON Online und Vanity Fair, freie Autorin für Magazine, Zeitungen und Online, Buchautorin, seit November 2014 Redakteurin bei EDITION F mit Schwerpunkt Familie und Gesellschaft, seit Januar 2020 Textchefin. Foto: Jennifer Fey

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