Foto: Forever Clean

„Anderssein sollte als Bereicherung gesehen werden!“

Aynur Boldaz-Özdemir ist erfolgreiche Unternehmerin und war in diesem Jahr eine unserer „25 Frauen die unsere Welt besser machen“. Denn sie gibt Menschen eine Chance, die auf dem Arbeitsmarkt eigentlich keine Perspektiven haben. Wir haben sie zum Interview getroffen.

 

Alle Menschen haben eine Chance verdient

Sie ist mit 18 Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen, um hier verheiratet zu werden und kämpfte sich wenige Jahre später als alleinerziehende Mutter und einem Job als Putzkraft durch. Ohne Ausbildung behauptete sie sich als ausländische Frau auf dem deutschen Arbeitsmarkt und leitet heute erfolgreich ihr eigenes Unternehmen. „Forever Clean“ ist das, was man gerne als „Integrationsunternehmen“ bezeichnet und längst kein Nischen-Phänomen mehr sein sollte.

Sie gibt Menschen eine Perspektive, die eigentlich keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Hier beschäftigt sie zu 48 Prozent Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer Schwerbehinderung. Menschen mit und ohne Behinderung, mit und ohne Migrationshintergrund arbeiten hier Seite an Seite. Im Interview erzählt sie uns von ihrem Weg, ihren Herausforderungen und warum es viel selbstverständlicher sein sollte, unterschiedliche Menschen im eigenen Unternehmen zu integrieren

Sie sind mit 18 nach Deutschland gekommen und haben sich nach der Scheidung von ihrem Mann alleine mit Ihrer Tochter durchgekämpft – was gab Ihnen den Mut und die Kraft, weiterzumachen?

„Mein Wunsch, mich beruflich zu verwirklichen und mein Ziel vor den Augen, selbstständig zu sein. Wer als Migrant nach Deutschland kommt hat größere Hürden zu nehmen als Deutsche. Das muss man wissen. Das müssen die heutigen Migranten wissen. Aber mit der Überzeugung konnte ich diese Hürden überwinden. Wenn gleich es manchmal sehr schwer war.“

Wie haben Sie die “Willkommenskultur” in Deutschland damals erlebt?

„Ich bin mir nicht sicher, ob es eine ,Willkommenskultur‘ überhaupt gab. Deutschland war weder auf mich noch auf die Einwanderer vorbereit. Ich musste schneller lernen welche Wege man einzuschlagen hat, um etwas zu erreichen. Und manchmal trifft man zum Glück auch auf sehr gute Menschen, Leute die helfen, aber einen nicht bevormunden.“

Was hätten Sie gerne damals schon gewusst?

„Dass einem Ausdauer und Nachhaltigkeit tatsächlich helfen kann. Vor allem aber: ich hätte damals gern schneller gewusst, wie eine Unternehmerin mit viel Kraft ihren Platz in der Gesellschaft finden kann und wie man gut vorbereitet Bank- und Kundengespräche führt. Man muss kreativ und schnell sein und bessere Ideen haben.“

Wie kam die Idee zu “Forever Clean”?

„Diese hatte ich schon früh, als ich, damals noch Reinigungskraft, im Krankenhaus eine Abteilung übernehmen konnte. Ich wusste: das ist meine Chance und ich habe sie wahrgenommen. Das Konzept von Forever Clean entstand mit der Berufserfahrung. So wie die Mondlandung: nicht die erste Rakete flog zum Mond, es war die 400. Rakete.“

Es hält sich das Klischee, dass soziale Unternehmen nicht profitabel sein können. Wie also funktioniert das?

„Ich kenne die Vorurteile und Klischees, wie auch das Unwissen, das mir immer wieder entgegengebracht wird. In anderen Ländern ist das keine Frage mehr. Deutschland hinkt da hinter der Entwicklung her, aber das legt sich bald. Weil wir sichtbaren Erfolg haben, ohne eine wirtschaftstheoretische Schrift zum Thema verfassen zu müssen.“

Was sind die größten Hürden bei der Arbeit mit Menschen mit Handicap?

„Da wir keine Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Handicap machen, kann ich das nicht pauschalisieren. Mitarbeiter mit Handicap haben Stärken und Schwächen, wie jeder andere Mitarbeiter auch.“

Was hat Sie bei der Arbeit mit so vielen verschiedenen Menschen besonders überrascht?

„Die Gemeinsamkeit, die alle spüren: es zu schaffen. Ich wollte das Unternehmen zum Erfolg führen – erkannte dann aber auch, wie wichtig führende Personen sind, die den Gedanken immer wieder formulieren, die Grundlagen schaffen. Das ist ein Gemeinschaftswerk, einer allein kann das nicht.“

Haben sie auch schon Menschen eingestellt, mit denen es einfach überhaupt nicht geklappt hat?

„Natürlich, nicht jeder ist gleich – auch das ist gut. Ich habe immer wieder aus Fehlern gelernt.“

Gibt es Bereiche in Ihrem Unternehmen, die besonders gut für Inklusion geeignet sind?

Alle.

Sind Sie in Ihrem Unternehmen auch schon gescheitert?

„Nein. Manchmal funktionieren die Dinge nicht so, wie man sie sich vorstellt, aber das sehe ich nicht als Niederlage.“

In Deutschland gibt es viele Berührungsängste, sowohl mit Menschen mit Behinderung als auch mit Migranten. Wie können Sie sich das erklären?

„Weil wir immer noch viele Vorurteile gegenüber dem ,Anderssein‘ haben. Diversität und Akzeptanz ist eine neue Entwicklung.“

Wie kann man einen offeneren Umgang schaffen?

„Man schafft ihn nicht, man erkämpft ihn, gegen viele Widerstände. Jeder sollte das in seinem Sektor, Beruf oder Unternehmen tun. Es funktioniert. Ich mache das seit 20 Jahren. Es geht wirklich.“

Wie beurteilen Sie die Chancen für Menschen, die in Deutschland neu ankommen?

„Ich kann das nicht sagen, denn ich kenne ja nicht alle. Die, die ich kenne, müssen das tun was ich zu Anfang sagte: Sie müssen für sich kämpfen, sich durchsetzen, gegen viele Widerstände, dann kann das was werden.“

Würden Sie jungen Migranten in Deutschland empfehlen, sich selbstständig zu machen, wenn es auf dem regulären Jobmarkt nicht klappt?

„Unbedingt. Aber: Achtet darauf, Euch optimal vorzubereiten und Eure Talente und Fähigkeiten zu erkennen, Anderssein als Bereicherung zu sehen. Dann geht das. Vergessen wir nicht: Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Und der deutsche Pass ist der wertvollste der Welt. Das sollte uns Mut machen auf dem Weg nach vorn.“

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