Foto: Sebastian Gabsch

Anne Kjær Riechert: „Sag dir: Ich habe das noch nie gemacht – also bin ich wahrscheinlich gut darin“

Anne Kjær Riechert gründete eine Programmierschule für Geflüchtete und bietet ihnen eine neue Perspektive. Ein Gespräch über Chancen, Scheitern und Pippi Langstrumpf.

„Ich verbinde Menschen mit gemeinsamen Interessen und helfe ihnen dabei, gemeinsam Werte zu schaffen“

Die Dänin Anne Kjær Riechert ist neben Ferdi van Heerden Mitgründerin und Geschäftsführerin der ReDI School of Digital Integration. Sie trägt dazu bei, dass Geflüchtete Programmieren lernen oder ihre Programmierausbildung in Deutschland weitermachen können. Das Projekt ist nicht entstanden, weil Riechert selbst gerne programmiert, sondern weil ihr aufgefallen ist, dass es in Deutschland über 40.000 unbesetzte Programmier-Jobs gibt, auf der anderen Seite aber viele Geflüchtete hier leben, die Programmier-Vorkenntnisse haben oder zumindest technikaffin sind. In einem multikulturellen Umfeld aufgewachsen, ist Anne Kjær Riechert, die früher bei Coca-Cola und Samsung gearbeitet hat, davon überzeugt, dass Technologie Sprachbarrieren überwinden und Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringen kann. Im Februar 2016 war sogar Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit seiner Frau Priscilla in Berlin zu Besuch in der RedI School. Die beiden waren so fasziniert, dass sie der Schule 100.000 Euro gespendet haben. Geld, das Anne Kjær Riechert nutzen will, um den Anteil an weiblichen Studierenden zu erhöhen und die Programmierkurse für Kinder auszuweiten.

Das Interview führte Carina Kontio vom Handelsblatt.

Liebe Frau Kjær Riechert, abgesehen davon, dass Sie sieben Sprachen beherrschen: Was sind außerdem Ihre Stärken?

„Ich habe eine besondere Fähigkeit, wenn es darum geht, Gemeinschaften und Communities aufzubauen. Ich verbinde Menschen mit gemeinsamen Interessen und helfe ihnen dabei, gemeinsam Werte zu schaffen. Eine Fähigkeit, die ich sicher auch der Tatsache verdanke, dass ich in neun verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet habe. Das hilft mir dabei, mit Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen zu kommunizieren. Aber auch meine Ausbildung zur Innovationsspezialistin hilft mir dabei, Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen zu einem gemeinsamen Ziel zu führen.“

Wer ist Ihr persönliches Rolemodel und warum?

„Direkt nach meinem Abschluss bei den KaosPilots (Anm.: Ein Hybrid aus Business- und Design-School in Dänemark) im Jahr 2016 hatte ich das Glück, Anna Kirah zu begegnen, die Designanthropologin und Psychologin ist. Sie ist meine große Heldin und Mentorin, die mich sowohl persönlich als auch beruflich sehr inspiriert und fördert. Seit Jahren leitet sie Projekte, um Technologie und Technologie-Organisationen menschlicher und wertorientierter zu machen. Kürzlich teilte sie die letzten Wochen ihrer Mutter auf die authentischste, ehrlichste und würdigste Art und Weise in Social Media, die ich je gesehen habe. Sie ist eine unglaubliche Frau!“

Bitte ergänzen Sie: Ich unterstütze meine Mitarbeiter*innen in schwierigen Situationen, indem…?

„… ich ihnen aktiv und aufmerksam zuhöre. Empathie ist die wichtigste Fähigkeit, die man als Führungskraft haben muss. Es gibt einen guten Grund, warum wir zwei Ohren und nur einen Mund haben. Ich versuche, sie in diesem Verhältnis zu verwenden.“

Eine Freundin oder Kollegin denkt oft: „Ich verdiene den Erfolg gar nicht“, „Ich bin gar nicht gut genug“, „Das schaffe ich nie“, „Andere sind um Welten besser als ich…“ – Was raten Sie?

„Lies Pippi Langstrumpf noch mal und lass dich inspirieren! Sag zu dir selbst: ,Ich habe das noch nie gemacht – also bin ich wahrscheinlich gut darin.‘ Ich denke, wir können alle etwas Langstrumpf-Kraft in unserem Leben brauchen. Letztes Weihnachten haben alle Frauen in meinem Team ein Buch von Pippi Langstrumpf geschenkt bekommen. Sicherlich eine etwas andere Art von Managementliteratur, aber ein Hauch von Humor und Verspieltheit bringt oft viel – auch im Geschäftsleben.“

Ein No-Go im Umgang mit Mitarbeiter*innen ist für mich…?

„… Manipulation. So etwas geht gar nicht! Ich glaube an eine transparente, offene und ehrliche Kommunikation. An der ReDI School arbeiten wir nach dem Prinzip der radikalen Transparenz. Das bedeutet auch, dass unsere Geschäftsberichte auf der Website für alle zugänglich sind und unsere gesamte Community sehen kann, wie wir unser Geld ausgeben. Ich denke das hilft, Vertrauen aufzubauen und wenn wir die Dinge verbessern können oder Fehler machen, möchte ich daraus lernen.“

Feedback ist für mich…?

„… ein wesentlicher Bestandteil jedes Entwicklungsprozesses. Feedback ist ein Werkzeug, das uns hilft, uns zu verbessern und zu lernen. Feedback, insbesondere konstruktives, ist aber auch eine Fähigkeit, die man lernen muss und eine Kultur, die es zu pflegen gilt.“

Über ihre Erfolge sollten Frauen…?

„… lasst Euch von Erfolgen inspirieren und denkt Euch: ,Das kann ich auch. Seht mir zu!‘ Wir brauchen mehr und besonders vielfältige weibliche Vorbilder. Ich würde in den nächsten Jahren gerne Mutter werden und finde es im Moment sehr beeindruckend und motivierend, über all die Unternehmerinnen zu lesen, die während ihres Mutterschaftsurlaubs Geschäfte machen. Es ist schön zu sehen, dass Mutterschaft und Unternehmertum auf wirklich fruchtbare Weise kombiniert werden können.“

Her mit dem Geld: Ihr Ratschlag an andere Frauen für Gehaltsverhandlungen?

„Recherchiert gut und rechtzeitig, damit Ihr wisst, was Ihr wert seid und überlegt Euch genau, was Ihr wollt und warum. Und denkt daran, überhaupt zu verhandeln. Wenn Ihr nicht fragt, werdet Ihr auch nichts bekommen!“

Verbündete und Mentor*innen finde ich, indem…?

„…. ich um konkrete Hilfe bitte und daran denke, mich zu bedanken. Und später rede ich dann nochmal mit den Menschen darüber, welchen Unterschied ihr Rat oder ihre Unterstützung gemacht hat. Einer der besten Ratschläge, die ich zu Beginn meiner Karriere bekam, war, Leute um 11 Uhr zu Treffen einzuladen. Wenn das Meeting gut läuft, kann man oft auch noch zusammen Mittagessen gehen, das gibt einem noch mehr Zeit. Ich habe auch oft Blumen an Mentorinnen geschickt, die mir geholfen haben. Das ist eine kleine Sache – vielleicht ein bisschen kitschig -, aber ich kenne kein Frau, die es nicht schätzen würde, ein Dankeschön in Form von Blumen zu bekommen. Anerkennung und Dankbarkeit zu zeigen ist wichtig!“

In Konfliktsituationen bin ich…?

„… kreativ und hoffentlich konstruktiv. In Japan habe ich einen Master-Abschluss in Friedensforschung gemacht und mich in gewaltfreier Kommunikation ausgebildet. Mir gefällt das Konzept hinter Aikido, der japanischen Kampfkunst. Dabei geht es darum, sich selbst zu verteidigen und gleichzeitig den Angreifer vor Verletzungen zu schützen. Denn die Sorge um das Wohlergehen des Gegners ist in einem Konflikt entscheidend, um eine langfristig nachhaltige Lösung zu finden.“

Pannen sind…?

„….menschlich. Manchmal extrem ärgerlich, aber sie sind der beste Weg, um zu lernen. Im Silicon Valley habe ich die Kultur des ,Fail Fowards‘ (Anm.: vorwärts scheitern oder aus Fehlern lernen) gelernt und die Methode, per ,Trial and Error“ zum Ziel zu kommen. Und bei IDEO (Anm.: IDEO ist eine internationale Design- und Innovationsberatung) lernte ich das Konzept der ,Space Monkeys‘ kennen – das sind kleine Kreationen, die ins große Unbekannte geschickt werden, um Bedingungen und Annahmen zu testen. Das war eine großartige Lektion und ganz entscheidend für den Erfolg der ReDI School. Wir haben fünf Monate lang Konzepttests durchgeführt, bevor wir dann tatsächlich die Organisation gegründet haben.“

Wie gehen Sie mit Stress um?

„Ich arbeite mit einer unglaublich tollen Körpertherapeutin – Rivka Halbershtadt – in Berlin zusammen, die mir sehr geholfen hat, Geist und Körper zu verbinden und auszurichten. Ich lerne noch immer, wie man ein ausgeglichenes Leben führt. Ich habe nämlich die schlechte Angewohnheit, zu lange zu arbeiten und wichtige Dinge wie Essen, Trinken, Ausruhen und Schlafen zu vergessen. Aber ich versuche, auf meinen Körper zu hören und neue, positive Muster zu entwickeln.“

Nein sagen sollten Frauen zu…?

„… noch viel mehr Dingen, als wir das bereits tun. ,Nein‘ zu sagen, kann wirklich befreiend sein. Und ,Nein‘ zu sagen, ohne es erklären oder rechtfertigen zu müssen, ist noch befreiender. Bernie Roth von der Stanford D.School hat in seinem Buch ,Achievement Habbit‘ einen wunderbaren Beitrag dazu geschrieben. Ihm zufolge sind Gründe ,Bullshit‘. Ich muss mich oft daran erinnern und meine höflichen, aber trotzdem Bullshit-Ausreden löschen.“

Sie merken, dass Sie unglücklich sind in Ihrem Job. Was tun Sie?

„So schnell wie möglich eine Pause machen und, wenn möglich, Urlaub, um meine Batterien wieder aufzuladen.“

Anderen Chefs würde ich gerne sagen,…?

„Geben Sie Geflüchteten die Chance, sich Ihrem Team anzuschließen. Sie können das Leben eines Menschen so einfach verändern, indem Sie ihm die Chance geben, zu beweisen, was er oder sie wert ist. Wenn Sie auf der Suche nach Newcomer*innen mit IT-Talent sind, rufen Sie mich an!“

Frau Kjær Riechert, ich bedanke mich für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Carina Kontio, Redakteurin bei Handelsblatt. Mehr Interviews zu Diversity, Management und Leadership findet ihr im Handelsblatt-Special „Shift“. Carina hat außerdem eine Karriere-Kolumne bei Audible, die ihr euch jeden Donnerstag anhören könnt.

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