Foto: Carolin Weinkopf

Close Up: Teresa

Teresa ist seit diesem Sommer Redaktionsleiterin bei EDITION F. Unsere liebste Fotografin Carolin Weinkopf hat Teresa für euch porträtiert.

 

Teresa Bücker: Leise, aber unbequem

Auf der Straße wird sie inzwischen häufiger erkannt. „Du bist doch Fräulein Tessa, oder?“. Als Netzaktivistin, Autorin und Feministin hat sich Teresa Bücker in den letzten Jahren vor allem online einen Namen gemacht, seit diesem Sommer ist sie die Redaktionsleiterin bei uns. Zum Abschied in den Mutterschutz haben wir mit ihr über Zufälle, Zynismus und die Rolle als werdende Mutter gesprochen.

Über 13.000 Menschen folgen Teresa auf Twitter, in sechs Jahren hat sie knapp 27.000 Notizen über den Social-Media-Dienst in den digitalen Äther geschickt. In viele Debatten um Frauen- und Geschlechterthemen klingt sie sich ein, sitzt häufig in Expertenrunden auf Panels und in Talkshows, hält Vorträge, ist Gründungsmitglied des netzpolitischen Thinktanks D64 und schreibt Artikel in einem breiten Medienspektrum, unter anderem dem FAZ-Blog „Deus ex Machina“.

Streitbare Meinungen

Ihre Meinungen sind stark und streitbar, manchmal unbequem und entsprechen selten dem gesellschaftlichen Konsens. Sie kann damit leben, dadurch auch angreifbar zu sein. „Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann tut auch Kritik an dieser Meinung nicht weh. Man wird auch selbst nur klüger, wenn man die Debatte sucht.“ Manche Tweets oder auch Texte aus der Vergangenheit würde sie so nicht wieder veröffentlichen, Teresa sieht es aber als Vorteil, dass sie so ihre eigene Entwicklung rekonstruieren kann, und dass dadurch keine perfekte Aktivistin, sondern auch ein Mensch mit Fehlern durchscheint.

Inzwischen ist Teresa 30 Jahre alt, nach einem kurzen Ausflug in die Veterinärmedizin studierte sie Publizistik und Psychologie in Berlin. Während des Studiums gründete sie gemeinsam mit ihrem Mitbewohner das Berlin-Blog „knicken“, schrieb über Partys, Musik und Popkultur, später folgte ihr persönliches Blog „flannel apparel“, in dem sie sich zunehmend auch mit politischen und feministischen Themen auseinandersetzte. Die Wochenzeitung der Freitag holte sie schließlich 2008 mit nur 24 Jahren als eine der ersten Social-Media-Redakteurinnen Deutschlands in die Redaktion, ihre Abschlussarbeit für die Uni hat sie nie geschrieben.

Mode und Feminismus

Weiter ging es als Beraterin für digitale Strategie im SPD-Parteivorstand, später als Referentin in der Bundestagsfraktion. Anfang des Jahres, mit gerade 30, kündigte sie und fing kurze Zeit später als Redaktionsleiterin bei EDITION F an. Den Schritt begründet Tessa mit dem Verlangen, sich direkter einbringen zu können, ein neues Medium für eine weibliche Zielgruppe mitzugestalten und wieder mehr zu schreiben, in ihrem Lieblingsmedium Online. In der Politik hatte sie oft das Gefühl, die Füße still halten und auf die eigene Meinung verzichten zu müssen und neue Konzepte nur sehr langsam umsetzen zu können. „Die Wände waren zu dick, um durchzurennen“, und sie kam zu dem Schluss, „ich bin zu jung, um mir hier ein paar Jahre die Zähne auszubeißen, bis etwas passiert“. Bei EDITION F kann sie mitentscheiden, mit welchen Themen sie sich beschäftigt, welche Debatten sie anstößt und wem sie eine Stimme verschafft. Das Feedback der LeserInnen ist ihr dabei unglaublich wichtig – „selbst wenn ein Text nur für eine Person einen Unterschied macht, und ihr zum Beispiel Mut schenkt, war er es wert, geschrieben zu werden.“

Introvertiert, laut

Als mittleres Kind mit einer jüngeren Schwester und einem älteren Bruder musste sich Teresa früh behaupten. Sie selbst sagt, dass die sauerländische Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist, ihr kaum weibliche Vorbilder lieferte. Als Kind wäre Teresa, die in einem katholischen Umfeld groß wurde, gerne Messdienerin geworden, jedoch waren für den Dienst damals noch keine Mädchen vorgesehen. Schon als Kind irritierte sie, dass es nur männliche Pfarrer gab. Schlüssige Erklärungen dafür konnten ihr auch ihre Eltern nicht liefern. Im Westdeutschland der 80er und 90er Jahre dominierte das klassische Modell: der Mann als Hauptverdiener, die Frau als Hausfrau und Mutter.

Für Teresa war früh klar, dass dieser Lebensentwurf für sie nicht in Frage kam. Ihr heutiger Blickwinkel kam aber erst später hinzu, entwickelte sich langsam über Debatten im Internet, und auch ganz entscheidend durch ihre Berufserfahrung. In ihrer Jugend, so sagt sie, wurde ihr und ihren Freundinnen suggeriert, dass ihnen als Frau alle Türen offen stehen würden und Gleichberechtigung schon erreicht sei. Bei ihren ersten Jobs und Praktika merkte Teresa schnell, dass das ein Irrglaube war. Sexistische Vorfälle häuften sich, auch älteren Kolleginnen gegenüber. Mit der Zeit erkannte Teresa für sich, „dass es sich dabei keinesfalls um Zufälle handelte, sondern dass eine richtige Struktur dahintersteckte“.

Teresa wohnt mit ihrem Freund und zwei Kaninchen im Dachgeschoss eines grünen Innenhofs in Berlin-Mitte, vom Wohnzimmertisch aus sieht sie viel vom Himmel der Hauptstadt. Im Gespräch wirkt sie zerbrechlich, fast schüchtern. Ihre Gedanken formuliert sie leise und wohlüberlegt. Eine Diskrepanz zu ihrer Onlinepräsenz sieht sie darin nicht, sie war schon immer eher introvertiert, und glaubt, dass sie auch deshalb im Onlinejournalismus gelandet ist. Öffentliche Auftritte sieht sie aber als Teil ihres Jobs und des Aktivismus, und inzwischen ist sie nicht mehr so nervös. Teresas Werdegang beruht laut eigener Aussage auf vielen Zufällen. Vor allem das Bloggen hat ihr viele Türen geöffnet, über Twitter knüpfte sie Kontakte und Netzwerke. Während sie auf dieser Plattform anfangs vor allem mit Freunden kommunizierte, hat sie inzwischen eine Linie gezogen, die Privates und Öffentliches stärker trennt. An ihrem Job als Redaktionsleiterin genießt sie, dass sie nun in ihren Texten selbst weniger im Mittelpunkt steht als in ihrem eigenen Blog. Dennoch möchte sie auch weiterhin Probleme und Gefühle thematisieren dürfen, um nicht nur als öffentliche Person, sondern als Mensch sichtbar zu bleiben, „mit Stärken und Schwächen“, leise und laut.

Von ihrer Schwangerschaft, von der sie nur wenige Wochen nach ihrer Kündigung bei der SPD erfuhr, wurde sie selbst überrascht. Eigentlich wollte sie sich zunächst exklusiv mit dem „Startup-Baby EDITION F“ beschäftigen. Der Mutterschutz fühlt sich erst einmal komisch an, sagt sie, eigentlich ist Teresa immer unterwegs, beruflich und privat. Die Entschleunigung setzt nur langsam ein, zu viel ist noch zu organisieren und so richtig raus aus dem Job ist sie mit dem Kopf auch noch nicht. Sie hat großen Respekt vor der neuen Verantwortung, die auf sie zukommt, und möchte ihre Elternzeit auch dazu nutzen, aus ihrer persönlichen Perspektive über den neuen Lebensabschnitt zu berichten. Nicht als „Mama-Bloggerin“, das ist ihr wichtig, sondern als Autorin und Aktivistin, mit Kind.

Junge und progressive Menschen haben es extrem schwer

Dass es nicht immer Geschlechterrollen oder Ideale sind, die über Lebensumstände entscheiden, erfährt sie nun aus erster Hand. Eigentlich war für Teresa immer klar „wenn ich ein Kind bekomme, dann nur mit einem Mann, der die Hälfte der Elternzeit nimmt – oder mehr“. Diese Vorstellung scheitert nun an der Realität. In der Praxis ließe sich die Elternzeit ihres Partners aber nur über einen Kredit realisieren, die finanzielle Belastung wäre auf Dauer zu groß. Es frustriert sie, „denn wenn ich diesen gesellschaftlichen Wandel will, dann muss ihn ihn eigentlich auch selber leben“. Teresa plant trotzdem, nach sechs Monaten wieder einzusteigen, auch wenn sie dafür in ihrem Umfeld nicht immer auf Verständnis stößt. In dieser Hinsicht ist sie froh um ihren Jobwechsel, der ihr bei ähnlichem Arbeitspensum einfach viel mehr Flexibilität gewährt. Ihr Kind wird früh betreut werden, das ist klar, und das macht ihr kein schlechtes Gewissen. „Mich hat es wahnsinnig gemacht, dass unsere Möglichkeiten bei der Elternzeit erschöpflich sind, aber ich glaube für alles danach lassen sich sehr viele Lösungen finden.“

In politischer Hinsicht frustriert Teresa vor allem die Aussicht darauf, dass die Mehrheitsverhältnisse in den nächsten Jahren vermutlich konservativ bleiben. Junge und progressive Menschen haben es in ihren Augen extrem schwer, „man wird zynisch“. Deshalb kann sie sich auch keine Zukunft in der Politik vorstellen, obwohl ihr das häufiger nahegelegt wird. Wenn sie könnte, würde sie als erstes das Ehegattensplitting abschaffen und stattdessen Menschen mit Kindern, unabhängig vom Trauschein, steuerlich stärker entlasten, vor allem Alleinerziehende. Sie wünscht sich mehr Anreize für die Einbindung beider Partner in die Kindererziehung, mehr Flexibilität der Arbeitgeber gegenüber Eltern und ein besseres Konzept als das jetzige Elterngeld, damit beide Elternteile nach der Geburt eine Zeit lang zu Hause bleiben können. Davor steht auch noch der Schritt, allen Menschen Familie zu ermöglichen, und anders als bisher unverheiratete, lesbische und schwule Paare und alle anderen Familienkonstellationen bei ihren Kinderwünschen zu unterstützen. Teresa erwartet, dass sie die Mutterschaft noch weiter politisch sensibilisieren wird, und hofft, dass sie einen Beitrag dazu leisten kann, dass sich die Umstände weiter verbessern. Wir sind gespannt.

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Twitter: @frauelein_tessa

Blog: flannelapparel.blogspot.de

Facebook: facebook.com/teresa.buecker

Instagram: @fraeulein_tessa

Tumblr: einfetzengemeinschaft.tumblr.com

Alle Bilder sind von Carolin Weinkopf. Ihre Webseite findet man hier.

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