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Kann landwirtschaftliche Tierhaltung allen gerecht werden?

Die meisten von uns haben sie mindestens einmal miterlebt: Eine Diskussion, bei der sich die Emotionen von Vegetarier*innen und Fleischesser*innen hochgeschaukelt haben. Ob es eine gerecht landwirtschaftliche Tierhaltung gibt, dieser Frage geht das Buch „Die Sache mit dem Suppenhuhn“ von Dr. Cornelie Jäger nach.

 

Nahrung ist Klimasache

Hühner eingepfercht in Käfige und Schweine, die sich vor Stress gegenseitig die Schwänze abkauen – immer mehr Verbraucher*innen hinterfragen, wohin sich die Tierhaltung entwickelt hat – vor allem der Umwelt zu Liebe. Denn auch wenn wir vergleichsweise übermäßig viel konsumieren, haben Deutsche trotzdem ein überdurchschnittlich hohes Umweltbewusstsein: Beständig steigen die Zahlen derer, die zu einem Ökostrom-Anbieter wechseln, CO2-Kompensationen für ihre Flüge zahlen und selbstverständlich vegetarische Produkte im Supermarkt wählen. Bei manchen nimmt Nachhaltigkeit – vor allem bei der Ernährung – höchst emotionale Züge an. Schließlich läuten Dürreperioden und Überschwemmungen schon jetzt die Klimakrise ein. Das Buch „Die Sache mit dem Suppenhuhn“ Dr. Cornelie Jäger setzt sich deshalb damit auseinander, wie eine landwirtschaftliche Tierhaltung allen gerecht werden könnte. Ein Auszug: 

 Was hat die Ernährung der Weltbevölkerung mit Tierhaltung zu tun?

Im Grunde sind sich alle einig: Es gibt eigentlich genügend Nahrungsmittel auf der Welt, um alle Menschen satt zu machen. Das gilt auch für das Jahr 2050, wenn voraussichtlich über 9 Milliarden Menschen auf der Welt leben werden. Schätzungen zufolge könnte die Nahrungsmittelproduktion auf der Welt für die Versorgung von 12 bis 14 Milliarden Menschen ausreichen.

Trotzdem litten im Jahr 2016 über 800 Millionen Menschen an Hunger und waren chronisch unterernährt. Nach einem langen Rückgang der Zahl hungernder Menschen hat der Hunger zuletzt wieder zugenommen. 60 % der Hungernden weltweit sind Frauen und Mädchen. Außerdem sind noch immer 155 Millionen Kinder unter fünf Jahren unterentwickelt, und ihre Zahl nimmt langsamer ab als in den zurückliegenden Jahren. Laut Welthungerindex sind Südasien und Afrika südlich der Sahara am stärksten betroffen. Weiteren 2 Milliarden Menschen mangelt es wegen einseitiger Ernährung an Mikronährstoffen wie Vitamin A, Eisen oder Jod. Diese Art der Mangelernährung wird als versteckter Hunger (hidden hunger) bezeichnet.

Der Wirtschaftszweig, der weltweit am umfangreichsten Flächen nutzt, ist die Tierhaltung. Sie trägt entscheidend zum Lebensunterhalt von mindestens 1,3 Milliarden als arm zu bezeichnenden Menschen in ländlichen Haushalten bei. Zwischen 15 und 20 % der Nahrungsenergie und ungefähr 30 % des Nahrungseiweißes auf der Welt stammen aus Tierhaltung. Die weitere Entwicklung der Tierhaltung ist deshalb entscheidend für die Frage der globalen Ernährungssicherheit.

Hunger, Völkerrecht und Politik

Seit 70 Jahren gehört Nahrung zu den Rechten aller Menschen auf der Erde. Völkerrechtlich verbindlich wurde das Recht auf angemessene Ernährung allerdings erst 1976 durch den UN-Sozialpakt, der inzwischen von über 160 Staaten unterzeichnet wurde.

Im Jahr 2000 hatten sich Vertreter von 189 Staaten der Welt im Rahmen der sogenannten Millenniums-Entwicklungsziele vorgenommen, Hunger und extreme Armut auf der Welt zu beseitigen. Bis 2015 sollte die Zahl der Menschen halbiert werden, die in extremer Armut leben und Hunger leiden. Die UN stellen zwar dar, dass weltweit erhebliche Fortschritte erzielt wurden. Zugleich räumen sie aber ein, dass große Lücken bei der Ernährungssicherheit bestünden und die Fortschritte für die verschiedenen Regionen, Länder und Bevölkerungsgruppen sehr ungleich ausfielen. Außerdem würden der Klimawandel und die Umweltzerstörung bereits Erreichtes gefährden.524 Inzwischen wurden die Millenniumsziele durch die Agenda 2030 der UN für eine nachhaltige Entwicklung abgelöst. Armutsbekämpfung und Ernährungssicherung sind dabei weiterhin von herausragender Bedeutung.

Der Umsetzung dieser Ziele dient auch die aktualisierte deutsche Nachhaltigkeitsstrategie von 2016. Darin bekennt sich die Bundesregierung ausdrücklich zum Menschenrecht auf Nahrung. Sie bekräftigt, dass zur Überwindung des Hungers auf der Welt die natürlichen Ressourcen geschützt und das Potenzial kleinbäuerlicher Strukturen für die Nahrungsmittelerzeugung genutzt werden müssten. Außerdem müsste die Reduzierung von Lebensmittelabfällen und -verlusten ebenso einen Beitrag leisten wie die Wahl der Lebensmittel.

Ein Blick in die Zukunft: Nahrungsmittel im Jahr 2050

Wenn im Jahr 2050 mehr als 9 Milliarden Menschen auf der Welt leben, werde die Welt immer noch die Mittel und Möglichkeiten haben, den Hunger auszulöschen und für alle Menschen langfristig Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten. So lautete 2009 die Einschätzung der Welternährungsorganisation FAO unter der Voraussetzung, dass der politische Wille dazu bestehe und die richtigen Entscheidungen getroffen würden.

Die FAO ging nicht nur von einer weltweiten Bevölkerungszunahme um mehr als ein Drittel aus. Sie prognostizierte auch, dass im Jahr 2050 viel mehr Menschen – nämlich über 70 % der Bevölkerung – in Städten leben werden und viele über ein höheres Einkommen verfügen. Beides wird sich darauf auswirken, wovon sich die Menschen voraussichtlich ernähren. Der Getreideanteil der Ernährung wird zurückgehen. Stattdessen werden Obst und Gemüse, aber auch Fleisch, Fisch, Milchprodukte und stärker verarbeitete Produkte zunehmen. Hunger und Armut werden vor allem ländliche Gegenden betreffen. Bevölkerungszunahme, Verstädterung und Veränderungen des Konsumverhaltens erfordern laut FAO im Vergleich zu 2005/2007 eine Steigerung der weltweiten Futter- und Nahrungsmittelerzeugung um 60 bis 70 % bis zum Jahr 2050. Für Fleisch rechnet die FAO bis dahin mit einer Zunahme um fast 75 % der Produktion und einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von knapp 52 kg. Die FAO hält es – mit angeblich realistischen Zunahmen bei der Land- bzw. Wassernutzung und der Erträge – für möglich, dass im Jahr 2050 pro Kopf der Bevölkerung täglich über 3000 kcal Nahrungsenergie zur Verfügung stehen. Das wäre mehr, als zur Versorgung benötigt wird, sodass ein Teil der zusätzlichen Erträge auch als Futtermittel eingesetzt werden könnte.

Die FAO liefert allerdings nahezu keine Prognosen dazu, wie sich die erwarteten Entwicklungen bei der Ernährung der Weltbevölkerung auf die Klima- und andere Umweltfragen auswirken werden. Sie stellt lediglich fest, dass der Verlust der ökologischen Ressourcen Land, Wasser und Biodiversität die größte Gefährdung für die Nahrungssicherheit darstellen. FAO und Weltbank fordern deshalb seit Jahren einen verantwortungsbewussteren Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Bereits 2009 betonte die FAO außerdem, dass es nicht nur darum gehe, ausreichende Mengen an Nahrungsmitteln zu erzeugen. Es sei besonders darauf zu achten, dass Arme und Hungerleidende Zugang zu den Nahrungsmitteln erhalten, die sie für ein gesundes und aktives Leben benötigen. Damit wird deutlich, dass Hunger kein reines Mengenproblem ist.

Hunger – ein Verteilungsproblem

Nach aktuellen Hochrechnungen der FAO sind zurzeit 11% der Weltbevölkerung unterernährt. Im südlichen Afrika ist der Anteil der unterernährten Bevölkerung besonders hoch, in Asien dagegen die absolute Zahl betroffener Menschen. Als Gründe für den aktuellen Anstieg der Unterernährung nennen die FAO und ihre Partnerorganisationen die mangelnde Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, steigende Preise in bestimmten Regionen und die Zunahme von Konflikten in Ländern mit bereits unsicherer Versorgungslage.

Dürren und andere Wetterereignisse verschärfen die Situation. Hinzu kommt, dass betroffene Staaten aus verschiedenen Gründen weniger finanzielle Spielräume für Sozialprogramme haben.

Kriegerische Auseinandersetzungen, insbesondere länger anhaltende Krisen, zählen unbestritten zu den wichtigsten Ursachen für Unterernährung. Dass allerdings angesichts grundsätzlich ausreichender Nahrungsmittel so viele Menschen im 21. Jahrhundert keine sichere Ernährungsgrundlage haben, lässt sich darüber hinaus nur als Verteilungs- oder genauer als Konkurrenzproblem interpretieren.

Experten staatlicher wie nichtstaatlicher Organisationen betonen, dass es keine einzelne Ursache für Unterernährung gibt, sondern viele Einflussfaktoren zusammenwirken. Dazu zählen Landlosigkeit, Ernteverluste und fehlende Lagermöglichkeiten genauso wie die Nutzung fruchtbarer Flächen für den Anbau von Futtermitteln und Energiepflanzen oder die spekulationsbedingte Explosion von Nahrungsmittelpreisen, die Chancenlosigkeit lokaler Anbieter gegenüber internationaler Konkurrenz und die Folgen der Klimaveränderung.

aus „Die Sache mit dem Suppenhuhn – Wie landschaftliche Tierhaltung endlichen allen gerecht wird“ von Dr. Cornelie Jäger, 335 Seiten, Verlag Eugen Ulmer, 18 Euro

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