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Dieser Chef zahlte allen ein Mindestgehalt von 70.000 – und bekam dafür jede Menge Kritik

Dan Price beschloss, allen Mitarbeitern ein Jahresgehalt von mindestens 70.000 Dollar zu zahlen. Alles lief rund – aber dann kam von unerwarteter Seite Gegenwind auf.

 

Was geschah, nachdem alle Mitarbeiter ein Traumgehalt
bekamen

Wir hatten bereits Anfang des Jahres von Dan Prices spannenden Plänen berichtet, allen seinen Mitarbeitern von Gravity Payments
ein Mindestgehalt von 70.000 Dollar jährlich zu bezahlen. Nun hat Paul Keegan für Inc einen spannenden
Hintergrundbericht darüber geschrieben, wie es Price, seinem Unternehmen und seinen Mitarbeitern
seither ergangen ist. Die Zusammenfassung einer Geschichte des Umdenkens, bei der es irgendwann sehr steinig wurde.

Begonnen hatte alles mit einem Gespräch des Entrepreneurs Dan Price mit
einem seiner Mitarbeiter, in dem dieser einmal ganz offen mit ihm darüber
sprach, dass er sich, gemessen an den Umsätzen des Unternehmens, mit seinem
Gehalt veralbert fühlte
. Und vor allem, dass er sich von seinem Chef veralbert
fühlte. Das saß. Price hatte die Gehälter seiner Mitarbeiter nach dem Einbruch der
Wirtschaft doch nur niedrig gehalten, um das Unternehmen zu retten – aber Price
hielt sie auch danach niedrig, aus Angst, die Blase könnte erneut platzen. Das
nahmen im seine Mitarbeiter aber zunehmend übel – denn ihnen ging es
nicht um „ihr“ Unternehmen, sondern darum, ihren Lebensunterhalt und den ihrer
Familien bezahlen zu können. Mit Sparpolitik macht man sich eben nicht zwingend
Freunde.

Das Umdenken geht los

Und schließlich begann bei Price das Umdenken. Weil ihm klar
wurde, dass seine Angst vor der erneuten Krise ihn dazu getrieben hatte, seine Mitarbeiter quasi in Mithaft für einen
Umstand zu nehmen, der gar nicht der Realität entsprach. Also schmiss er
alles, wonach er zuvor gehandelt hatte, über Bord und setzte sich fortan für
faire Gehälter und gleiche Bezahlung ein. Und das lohnte sich, denn seine
Umsätze wuchsen jährlich um 20 Prozent. Nach weiteren Gesprächen und der Lektüre vieler Texte, die ihm neue Perspektiven zum Zusammenhang zwischen einer besseren Bezahlung und mehr Produktivität eröffneten, verkündete er seinen Mitarbeitern im Frühjahr schließlich ein Mindestgehalt von 70.000 Dollar im Jahr – unter anderem, indem er sein eigenes Gehalt von 1,1 Millionen Dollar
auf ebenfalls 70.000 Dollar kürzte.

Das schlug ein, nicht nur bei seinen Mitarbeitern, sondern
auch in der Öffentlichkeit. Und die riesige PR-Maschine begann sich zu drehen – gewollt oder ungewollt: Price hatte einen Nerv getroffen, und überall und in jeder
Etage wurde diskutiert: Was müssen, dürfen, sollen Arbeitnehmer verdienen? Dan
Price wurde zum, wie Paul Keegan so schön schreibt, modernen Robin Hood, Retter
der Arbeitnehmer, indem er sich selbst bestahl.

Wer schnell hochfährt, ist auch schnell wieder unten

Aber wer so schnell emporschießt, der wird von der
Öffentlichkeit auch gerne abgestraft und wieder heruntergeholt. So
auch bei Price. Plötzlich kamen von überall Ökonomen, die sein Modell
zerrissen, die „Times zerrte zahlreiche unzufriedene Gravity-Kunden hervor, andere murrten nur: Alles reine PR – reine Attitüde. Und dann schleppte ihn
auch noch sein Bruder und Mitgründer Lukas Price vor Gericht, weil er
behauptete, Dan hat zwar sein Gehalt gekürzt, sich aber großzügige
Kompensationen ausgezahlt. Unabgesprochen.

Nun ging Dan in die Vollen, plünderte seine Rentenvorsorge,
verkaufte sein Haus und seine Aktien. Warum? Weil er zeigen wollte, dass er es
ernst meint – und dass er notfalls bereit sei, gemeinsam mit  Gravity Payments den Bach runterzugehen. Ein ganz normaler Gehaltsscheck mit nicht mehr viel in der Hinterhand lasse ihn  fokussiert bleiben – und so lerne er, mit welchem Auskommen seine Mitarbeiter klarkommen müssen, wie der Unternehmer sagt. Das war für die Arbeitsatmosphäre natürlich recht zuträglich, wie man sich denken kann.

Sechs Monate nach dem Paukenschlag zeigt sich: Dan Price hatte Recht: Die
Einnahmen des Unternehmens sind weiter gestiegen, die Umsätze haben sich fast
verdoppelt, und gerade einmal zwei von 120
Mitarbeitern sind gegangen. Alles gut also? Ja, außer die Situation mit seinem
Bruder, der mit dem Kurs von Dan nicht einverstanden ist und ihn abermals vor
Gericht ziehen will. Je nachdem wie sich das entwickelt, könnte das auch das Aus für das gesamte Unternehmen bedeuten.

Am Ende hat sich also die Investition in die Mitarbeiter
ausgezahlt – sie geht aber vielleicht auf Kosten der eigenen Familie.

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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