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Warum ich drei Männer gleichzeitig lieben kann

Was Polyamorie für mich und meine Partner bedeutet: ein Mikroeinblick.

 

Ungewöhnlich?

Mein Lebensgefährte ist auf Dienstreise und so nutze ich das Wochenende zum Besuch eines mir sehr lieben Freundes, der vor einiger Zeit in eine ferne Stadt zog. Wenn ihr jetzt Anzügliches denkt, habt ihr Recht! Denn vermutlich werden wir nicht nur reden und lachen und seine neue Heimat erkunden, sondern hoffentlich flirten und küssen und aufregenden Sex haben. Soweit ist das vielleicht nicht ungewöhnlich, vielleicht ungewöhnlich offen. Das wirklich Ungewöhnliche ist: Die beiden wissen voneinander, kennen sich flüchtig und mein Freund wünschte mir gerade „Viel Spaß“.

Gerade ist da noch ein dritter Mann, der viel Platz in meinen Gedanken und Gefühlen einnimmt. Obwohl ich ihn erst vor einer Woche getroffen habe, sind wir uns in Gesprächen und SMS sehr nah gekommen. Wir haben gefragt und zugehört und versucht herauszufinden, wer der andere ist, was er über die Welt und sich selbst denkt, was ihm wichtig ist. Wir faszinieren einander. Er ist klug und gebildet, was ihn spannend macht, er ist sehr direkt und reflektiert und achtsam mit sich und mir, was ich sehr attraktiv finde. Er ist verheiratet und ich habe seine Frau vorgestern kurz kennengelernt. Sie schmunzelte darüber, dass sich ihr Mann wohl gerade in mich verliebt. Ob ich mich auch verliebe – ich weiß es noch nicht, aber ich bin sehr neugierig, wohin sich das entwickelt.

Klingt das schräg? Es ist großartig schräg und zugleich sehr einfach und herausfordernd für uns alle. Aber es ist jede Mühe wert. Statt Energie in Lügen, Vertuschungen oder ausweichende Antworten zu stecken, investieren wir in die Kommunikation. Jeder übernimmt Verantwortung für sich, seine Gefühle und Handlungen und Kommunikation. Zugleich achten wir aufeinander, unterstützen uns gegenseitig beim Entwirren dieser neuer Beziehungen und der Gefühle, die sie bei allen Beteiligten auslösen und nehmen Rücksicht.

Wir sind die Ausnahme

Als ich meiner besten Freundin gestern am Telefon von diesem neuen Mann erzählte, freute sie sich mit mir: Ich würde so schön glucksen, wenn ich von ihm rede. Wenn ich in dienstlichen Sitzungen SMS von ihm erhielt, strahlte ich wie ein Honigkuchenpferd und irritierte die Kollegen. Allerdings glauben sie vermutlich eher, dass die Nachrichten von meinem Freund sind. Denn unser Beziehungskonzept ist immer noch die Ausnahme, wenig bekannt, mit vielen Vorurteilen behaftet: Polyamorie.

Poly meint für mich (und andere), dass ich weder mich noch meinen Partner darauf verpflichte, dass wir einander die einzigen Personen sein müssen, denen wir romantische Gefühle entgegenbringen oder mit denen wir intim sind. Wir erwarten nicht, dass ein Partner alle unsere Bedürfnisse erfüllen kann. Wir glauben, dass wir in der Lage sind, Menschen auf je ganz individuelle Weise zu lieben, zu mögen, zu begehren: Eltern, Geschwister, Kinder, beste Freunde, liebe Kolleginnen, andere Partner, Liebeleien. Wir sehen nicht, dass Beziehungen sich gegenseitig einschränken müssen, sondern bereichern können. Und mein Lebensgefährte und ich erleben, dass wir (obwohl wir grandiosen Sex miteinander haben) andere Menschen weiterhin sexuell attraktiv finden und sehen keine Notwendigkeit, dass dies, wo es auch bei den Dritten funkt, auch ausgelebt werden darf.

Wir sind treu. Wir verleugnen einander nicht. Wir sind ehrlich zueinander, zu uns selbst und zu anderen Partnerinnen und Partner. Wir sind achtsam. Wir fragen und hören zu. Wir sind großzügig. Wir freuen uns am Glück. Wir teilen unsere Unsicherheiten. Wir unterstützen einander damit umzugehen. Wir haben uns füreinander entschieden – und für uns selbst.

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