Foto: Vreni Marianne

„Du scheiß Moralapostel!“ – Warum wir es unserer Gesellschaft nie recht machen können

Es unserer Gesellschaft recht zu machen, ist fast unmöglich. Ist einem alles egal, ist man ein Ignorant. Ist einem nicht alles egal, ist man ein Moralapostel. Ich gehöre angeblich zu letzterem.

 

„Was bist du denn für ein scheiß Moralapostel?!“

„Man he, du kannst bald gar nichts mehr essen, tun oder sagen, komm mal wieder runter!“

„Kein Fleisch, gar keins? Fisch?! Auch nicht? Du bist aber nicht auch eine von den veganen Spinnern, oder?“

„Ach ja und du bist perfekt, was?“

„Ja wie, und Spasti darf man jetzt auch nicht mehr sagen?“

Ich bin ein Moralapostel. Das lasse ich mir immer wieder sagen.
M-o-r-a-l-a-p-o-s-t-e-l, ein Gesandter also, der Moral predigt, oder was
soll das eigentlich bedeuten? Dabei fühle ich mich dazu so gar nicht
berufen. Manche Menschen fühlen sich aber ganz offensichtlich dazu
aufgefordert, mich so zu bezeichnen. Ich sei zu penibel, es wäre ja
alles nur ein Spaß. Ich würde das alles viel zu ernst nehmen und solle
mich erst mal locker machen.

Was du okay findest, entscheidest du selbst

Ich bin locker. Ich bin ein meist
entspannter Mensch, der zudem den Großteil der Zeit richtig gute Laune
hat. Ich stehe auf Partys nie in der Ecke und bin die Erste, die laut
losbrüllt, wenn jemand einen Witz reißt. Aber ich gebe zu: Ich habe
einige Moralvorstellungen, die mich durch mein Leben begleiten. Das ist
überhaupt nichts Besonderes oder Außergewöhnliches – das ist einfach so
und in gewissem Maße geht das jedem so, denke ich.

Was du okay findest,
entscheidest du selbst. Jeder hat persönliche Grenzen, was er oder sie
vertreten kann und was nicht. Eigentlich etwas total Normales also,
oder? Aber wieso bin ich dann ein Moralapostel?

Es gibt Menschen, die mich glauben machen wollen, dass mein
Moralverständnis übertrieben ist. Ich sei halt ein verdammter
Moralapostel, es sei einfach zu viel. Ich weigere mich aber strikt, das
zu glauben.

Übertreibe ich?

Ist es übertrieben, es abartig zu finden, dass das Wort „Behinderter“ in Deutschland ein Schimpfwort ist? Muss ich mir wirklich sagen lassen, dass ich als Frau sowieso mal weniger verdienen werde? Ist es wirklich dumm von mir, nicht darüber zu lachen, wenn mir
jemand mit Fleisch im Gesicht herum fuchtelt, mit der Aufforderung es zu
essen und mir dann zwei Minuten später erklärt, dass ich anderen Menschen
gefälligst nicht meine Lebensweise aufzwingen sollte?

Soll ich es gut finden, dass die Worte „Spasti“ und „Homo“ im
deutschen Sprachgebrauch ohne mit der Wimper zu zucken als Beleidigungen
ausgesprochen werden?

Ist es denn wirklich übertrieben, nachhaltiger leben zu wollen, weil man es einfach für moralisch hält, dem Planeten gegenüber? Muss ich erst selbst perfekt sein, bevor ich über Moral und Nachhaltigkeit sprechen darf?

Übertreibe ich es denn nicht maßlos?

Auf gewisse Dinge aufmerksam machen

Ich finde es wichtig, auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen. Nehmen
wir das Beispiel Sprachkultur in Deutschland. Ich mag die deutsche
Sprache gerne, habe den Deutschunterricht nie gehasst und konnte sogar
Gedichtinterpretationen etwas abgewinnen. 
Was da momentan, und
wahrscheinlich schon seit einiger Zeit, sprachlich in Deutschland
passiert, schockt mich jedoch regelmäßig. Unsere Sprachkultur geht
schlichtweg den Bach hinunter –
 und dabei meine ich ganz konkret die
Sprachkultur im Alltag, das überwiegend gesprochene Wort, das wir
alltäglich zur Kommunikation mit anderen nutzen. 

„Bist du behindert?“,
„So ein Behinderter!“, „Was für ein Spasti!“, sind keine Sätze, die man
nur in schlechten Nachmittagssendungen zu hören bekommt, man hört sie
überall. Gerade beim Wort „behindert“ fällt mir das extrem auf.
Menschen, die ich kenne, die in diesem Moment wahrscheinlich keine
behinderten Menschen beleidigen wollen, benutzen dieses Wort. Dabei
spreche ich nicht nur von Teenagern, die einfach gerade nicht
nachdenken, sondern auch von Mittzwanzigern, die studiert haben und
keinesfalls den Eindruck machen, als würden sie irgendjemanden
diskriminieren wollen. Finden wir das denn jetzt etwa „normal“?

Was passiert mit uns?

Ich habe eine Bekannte, die in einem Heim für Menschen mit
Behinderung arbeitet. Richtig: „Menschen mit Behinderung“. Sie sagt, das
Wort „Behinderte“ benutze auf der Arbeit keiner mehr, es sei ja ein
Schimpfwort. Sie hat recht. Wir haben es zum Schimpfwort gemacht, indem
wir ein Wort, das eine physische oder psychische Einschränkung
beschreibt, als Kraftausdruck verwenden. Einfach so. 

Und das ist nun schon so weit, dass ein Wort, das ursprünglich für überhaupt nichts
Negatives stand, sondern einfach nur eine Einschränkung beschrieb,
überhaupt nicht mehr sinngemäß verwendet werden kann. Das finde ich ganz
und gar nicht normal und ich frage mich ernsthaft, was mit uns passiert
ist, dass uns das meistens nicht einmal auffällt.

Die Sprachkultur ist nur ein einziges Beispiel, die Liste lässt sich unendlich
fortsetzen. Rassismus, Anti-Feminismus, Feindlichkeit gegenüber
Geflüchteten, Intoleranz und vieles mehr begegnet uns täglich. Leider.

Mehr Bewusstsein 

Ich glaube, dass wir mehr Bewusstsein brauchen für das, was wir tun
und für das, was wir sagen – in allen Bereichen des Lebens. Vielleicht
bin ich ein Moralapostel, aber es tut mir nicht leid, und ich werde nie anfangen, mich dafür zu entschuldigen. Denn ich glaube meine Moralvorstellungen sind
vollkommen in Ordnung so wie sie sind. Und, wenn ich etwas daran ändern
möchte, dann eigentlich nur in der Hinsicht, dass ich auf noch mehr Dinge achte, dass
ich versuche noch bewusster zu leben. 

Mir das schlecht reden zu lassen,
sehe ich nicht ein. Es kann meiner Meinung nach nichts Negatives sein,
sich bewusst über seine Aussagen zu werden und sein Leben so gestalten
zu wollen, dass man keine anderen Menschen verletzt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.jaeckleundhoesle.de.

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