Foto: TED Conference | flickr | CC BY-NC 2.0

Was passiert, wenn man ein Jahr lang zu allem „Ja” sagt

Shonda Rhimes ist Drehbuchautorin von einigen der erfolgreichsten Serien überhaupt. Im realen Leben ist sie schüchtern, zurückhaltend und menschenscheu. Um dem entgegenzuwirken hat sie sich vorgenommen ein Jahr lang nur „Ja” zu sagen. Was dabei raus kam hat sie in einem Buch festgehalten.

 

Zu schüchtern für ein spontanes „Ja”

Wer „Grey’s Anatomie”, „Scandal” und „How to get away with murder” liebt, kennt mit Sicherheit auch die Drehbuchautorin Shonda Rhimes. Man sollte denken, dass so eine erfolgreiche Frau mit tollen Ideen kein Problem mit dem Selbstvertrauen hat, doch weit gefehlt. Shonda Rhines war in ihrem privaten Leben eher schüchtern und zurückhaltend. Bis sie sich dazu entschied ein Jahr lang zu allem „Ja” zu sagen. Über das Experiment hat sie nun ein Buch geschrieben. Wir veröffentlichen einen Auszug.

Ähm, ja …?

Am 13. Januar habe ich Geburtstag. 
Jippie.
Ich finde Geburtstage toll.
Weil ich Geburtstagsfeiern toll finde.
Und als ich herausfand, dass es so etwas wie Welpenpartys gibt? Bei denen Kinder Welpen eine Stunde lang auf den Arm nehmen und sie knuddeln dürfen, ohne dass es Tierquälerei ist, weil das für diese Welpen zu ihrer Ausbildung zu Assistenzhunden gehört? Da wäre ich fast wahnsinnig geworden und bin vor lauter Freude auf und ab gehüpft. Welpen! Eine Party mit Welpen! Ich BITTE Sie! So etwas gibt es?
Ich mag Welpenpartys und geschminkte Gesichter und Tische voller Süßigkeiten und den Kerl mit der Gitarre, der alberne Lieder singt, und Eis und sogar einige (sehr wenige, nicht furchterregende) Clowns. Und wenn Sie aus dem Alter heraus sind, in dem Ihnen Heliumluftballons und geschminkte Gesichter so viel Spaß und/oder Angst machen, dass Sie Gefahr laufen, sich in die Hose zu pinkeln: Ich mag auch Tanzpartys und Verkleidungspartys und festliche Abendessen und Siebziger-Jahre-DiscoPartys. Ich glaube fest daran, dass Partys alles besser machen.
Man könnte glauben, ein schüchterner Mensch wäre kein Freund von Geburtstagsfeiern. Doch ich finde sie toll. Kleine Feiern und große Feiern. Ich nehme zwar nicht unbedingt gern an ihnen teil, aber ich mag den Zauber, der sie umgibt. Ich mag das Konzept „Party”. Ich stehe gern in der Ecke und beobachte den ganzen Spaß. Ich verbringe gern Zeit mit Freunden. Aber heute? Dieser Geburtstag?
Nach dem Duschen trete ich ganz nah an den Badezimmerspiegel heran. So nah, dass ich alle meine Poren sehen kann. Ich starre mir ins Gesicht. „Du hast es also vor langer Zeit aus einer Gebärmutter heraus auf die Welt geschafft. Was heißt das schon?”, flüstere ich. „Das haben alle anderen auch hingekriegt. Was hast du sonst noch zu bieten?” Dann überlege ich, wieder ins Bett zu gehen. Wirklich. Normalerweise finde ich meinen Geburtstag toll. Echt. Doch heute bin ich nervös. Gereizt. Ich fühle mich kribbelig und seltsam. Als guckten mich alle an. Ich bin verunsichert. Etwas drückt ganz komisch auf meinen Magen.
So habe ich mich gefühlt, wenn ich mit Mitte zwanzig mit einem Kater aufgewacht bin. Ich blieb im Bett liegen, bis es aufgehört hatte, sich zu drehen, und fragte mich, wie ich sieben Cocktails JE für eine gute Idee halten konnte. Damals verspürte ich das gleiche Drücken im Magen. In meinem Innersten. Ich wartete mit hellwachen Synapsen darauf – höchste Alarmbereitschaft, Soldat, dies ist keine Übung -, dass eine Welle der Erinnerung über mich hereinbrach. Dass sich ein Meer der Scham in meinem Kopf ausbreitete, wenn mir wieder einfiel, welche verrückten Dinge ich am Abend zuvor getan hatte. 

Ich habe mit WEM geschlafen?
Ich habe WO geweint?
Ich habe WELCHES Lied gesungen? 

So fühlt sich dieser Geburtstagsmorgen an. Wie ein Katermorgen. Nur ohne das berauschende Cocktailvergnügen zuvor.

Ich habe mir selbst versprochen, WAS zu tun? 

Im Erdgeschoss setze ich mir den Geburtstagshut auf, den meine Kinder gebastelt haben, und esse Kuchen zum Frühstück. Ich vertilge ganz allein fast einen ganzen Kuchen. Ohne schlechtes Gewissen. Dieser Kuchen bedeutet mir alles. Ich möchte Kinder von ihm. Ich genieße jeden Bissen. Wie eine Hinrichtungskandidatin bei ihrer letzten Mahlzeit. In einer Textnachricht an einen meiner engsten Freunde schreibe ich an diesem Tag: 

„Werde von jetzt an Ja zu allem sagen, das mir Angst einjagt. Ein ganzes Jahr lang. Oder bis ich vor lauter Angst gestorben bin und ihr mich beerdigen müsst. Ugh.” 

Der Freund schreibt zurück: „Heilige Scheiße.” Ich verspüre keine Vorfreude. Aber ich bin fest entschlossen. Meine Logik ist bestechend: 

• Ich bin in dieser Lage, weil ich immer Nein gesagt habe. 

• Diese Lage ist beschissen.

• Ja zu sagen könnte sie verbessern. 

• Wenn nicht verbessern, dann zumindest verändern. 

Ich hatte keine Wahl. Ich wollte keine Wahl. Sobald ich entdeckt hatte, wie unglücklich ich war, sobald ich es gespürt, erkannt und benannt hatte … setzte das Jucken ein. Ein Jucken in meinem Gehirn. Weiterhin Nein zu sagen würde nirgendwohin führen. Und auf der Stelle zu verharren kam nicht mehr infrage. Dafür juckte es zu stark. Außerdem gehöre ich nicht zu den Menschen, die in der Lage sind, ein Problem zu erkennen, es aber nicht zu lösen. 

Bevor Sie in Lobeshymnen ausbrechen (und ganz ehrlich, ich wüsste nicht, wie Sie zu diesem Zeitpunkt darauf kommen sollten – aber nur für den Fall), möchte ich eines klarstellen: Ich weiß, dass ich gerade gesagt habe, ich sei kein Mensch, der ein Problem erkennt und es nicht löst. Doch das meine ich nicht auf die „Rosa Parks weigert sich heldenhaft, ihren Platz im Bus freizugeben”-Weise. Ich meine es auf die bedauerliche, kontrollsüchtige „Die Toastbrotrinde muss jeden Tag exakt gleich weit abgeschnitten werden”-Weise. Was bedeutet, dass ich nicht gerade gelassen bin, wenn es um solche Dinge geht.
Ich bin einfach nicht dazu in der Lage.
Kein ehrgeiziger, zwanghafter, kontrollsüchtiger Workaholic ist dazu in der Lage.
Natürlich nicht.
Ich bin eine Macherin.
Ich handle.
Das heißt: Wenn ich sage, dass ich etwas tun werde, tue ich es. Wenn ich sage, dass ich etwas tun werde, tue ich es wirklich. Ich stürze mich hinein und ziehe es durch. Bis zum bitteren Ende. Bis zur Ziellinie. Komme, was wolle.
Komme.
Was.
Wolle.
Diese Tendenz wird dadurch verstärkt, dass ich immer gewinnen will. Nicht so, wie andere Leute gewinnen wollen. Nicht auf die freundliche Art und Weise. Mein Siegeswille ist unheimlich bis psychotisch. Geben Sie mir nie einen Volleyball. Fragen Sie mich nicht, ob ich Lust auf eine lockere Runde Kartenspielen hätte. Entspannt Scrabble zu spielen ist mir völlig fremd. Als wir am Set von Grey’s Anatomy einmal einen Backwettbewerb veranstalteten, musste ich mich deswegen noch vor Ende daraus zurückziehen. Unter Umständen könnte man es als Schikane am Arbeitsplatz betrachten, wie ich meine Drehbuchautoren dazu zwang, gegeneinander Kuchen zu backen. Und vielleicht war es auch nicht gerade ideal, dass ich während der Preisverleihung in einen Touchdown-Tanz ausbrach und allen, die hinter mir gelandet waren, „IN YOUR FACE, BITCHES!!! – HA, DA HABT IHR ES, IHR VERSAGER!!!” ins Gesicht brüllte.
Wie gesagt, ich will immer gewinnen.
Deshalb lädt mich niemand zum Spieleabend ein.
Ich bin jemand, der alles setzt.
Ich will etwas erreichen. Ich will hoch hinaus. Manchmal so hoch, dass mir schwindelig wird.
Der Donnerstagabend ist mir nicht einfach in den Schoß gefallen, glauben Sie mir.
Das alles erzähle ich Ihnen, damit Sie wissen, wie bedeutsam diese Entscheidung für das Ja-Experiment für mich war. Sie war enorm. Das Versprechen, Ja zu sagen, stellte eine Verpflichtung dar. Einen bindenden Vertrag zwischen mir und meiner größten Rivalin und Richterin – mir selbst. Ein Rückzieher hätte monatelange Selbstkasteiung und einen Riesenverlust an Selbstachtung zur Folge gehabt. Ich hätte mich behandelt wie einen Fußabtreter. Richtig übel.
Und ganz ehrlich?
Ich war einfach … verzweifelt.
Irgendetwas musste sich ändern. Unbedingt. Denn das konnte doch noch nicht alles sein.
Der Hauptgewinn.
So konnte es sich doch nicht anfühlen, alles erreicht zu haben. Oder? Denn wenn es doch stimmte, wenn das der Lohn für all meine Arbeit und Energie war, wenn das gelobte Land so aussah, wenn sich Erfolg so anfühlte, wenn ich dafür so viel geopfert hatte …
Das wollte ich gar nicht erst in Betracht ziehen. Also beschloss ich, es nicht zu tun. Ich würde gar nicht erst darüber nachdenken. Stattdessen würde ich nach vorn schauen, tief einatmen und einfach … daran glauben. Daran glauben, dass die Straße noch weiterführte. Daran glauben, dass mich mehr erwartete.
Ich würde daran glauben und Ja sagen.
So redete ich mir gut zu, bevor ich den restlichen Kuchen aufaß und vier Gläser Sekt mit Orangensaft trank, um meinen Glauben zu stärken. 

jajajajajajajajajajajajajajajajaja. 

Eine Woche später klingelt das Telefon in meinem Shondaland-Büro. Präsident Hanlon vom Dartmouth College ist dran. Normalerweise erhalte ich keine Anrufe von Universitätspräsidenten. Ich habe Präsident Hanlon, einen netten Mann, genau einmal getroffen. Trotzdem ist er nun am anderen Ende der Leitung. Er hat eine Frage. Er möchte wissen, ob ich bei der Absolventenfeier im Juni die Festrede halten würde.
Eine zwanzigminütige Rede. Vor etwa zehntausend Leuten.
Ähhhm.
Universum?
Soll das ein SCHERZ sein?
Es verstreicht sage und schreibe eine Minute, in der keine Luft aus meiner Lunge hinaus- oder in sie hineinströmt. Ob Präsident Hanlon etwas sagt oder schweigt, weiß ich nicht. Das laute Tosen in meinen Ohren macht es mir unmöglich, etwas zu hören.
Ein Jahr lang zu allem Ja sagen.
Hier ist die Gelegenheit. Es geht los. Und jetzt, da es so weit ist, ist das Ja-Sagen kein diffuses Konzept mehr. Jetzt lassen die realen Auswirkungen dessen, was ich mir vorgenommen habe, mein Gehirn gegen die Schädelwand dröhnen.
Ja sagen?
Ich kann diese Sache nicht planen. Ich kann mich nicht verstecken. Ich habe keine Kontrolle. Nicht, wenn ich zu allem Ja sagen will.
Ja zu allem, das mir Angst einjagt.
Ja zu allem, das mich aus meiner Komfortzone scheucht.
Ja zu allem, das sich verrückt anfühlt.
Ja zu allem, das sich untypisch für mich anfühlt.
Ja zu allem, das sich albern anfühlt.
Ja zu allem.
Allem.
Sag Ja.
Ja.
Sag es. Sag es JETZT.
„Ja”, sage ich. „Ja.” 
Präsident Hanlon und ich unterhalten uns noch kurz weiter. Ich glaube, es ist ein nettes Gespräch. Ich glaube, ich bin ruhig. Aber ich habe keine Ahnung. Ich konzentriere mich voll und ganz darauf, ein- und auszuatmen. Das Donnern in meinen Ohren zu dämpfen. Als ich auflege, denke ich über das nach, was ich gerade getan habe. Festrede. Zehntausend Leute.
Ich notiere den Termin in meinem Kalender.
8. Juni 2014. Juni.
Bis dahin sind es noch fast sechs Monate. Das ist noch ziemlich weit weg.
Ewig weit weg. Okay. Ich zucke die Schultern und kehre zu meinen Anmerkungen im Grey’s-Anatomy-Drehbuch zurück.
Erleichtert. Es ist nicht weiter dramatisch. Ich werde später darüber nachdenken.Ich speichere die Sache irgendwo im Hinterkopf ab und vergesse sie. Ungefähr fünfeinhalb Monate lang. Man könnte glauben, das sei schlecht angesichts der wichtigen Rede, die ich schreiben müsste. Doch wie sich herausstellt, ist es gut so. Wie sich herausstellt, muss ich bis dahin andere Hürden überwinden.
Die Dartmouth-Festrede ist im Grunde mein erstes Ja.
Wirklich?
Die Dartmouth-Festrede ist die erste Sache, die ich zusage. Aber nicht die erste, die ich tatsächlich TUN muss. Das ist ein anderes Ja. Und dieses Ja? Stellte sich als ein viel grauenerregenderes heraus.
Hallo, Jimmy Kimmel.


Shonda Rhimes: „Das Ja-Experiment – Year of Yes: Wie ein kleines Wort dein Leben ändern kann!”, Heyne Verlag, Oktober 2016, 320 Seiten, 16,99 Euro.

Shonda Rhimes hat auch einen Ted Talk darüber gehalten, wie ihr Jahr als Ja-Sagerin verlaufen ist und was ihre größte Erkenntnis dabei war. 

Titelbild: TED Conference | flickr | CC BY-NC 2.0

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