Foto: Abi Porter – Flickr – CC BY 2.0

Babybrei und Basteltipps? So ticken deutsche Familienblogs wirklich

„Das lesen doch nur gelangweilte Hausfrauen“ … soweit das Klischee. Dabei haben Elternblogs mittlerweile sogar politische Relevanz entwickelt. Wir haben darüber mit der Bloggerin Alu Kitzerow gesprochen.

 

Familienblogs: Wir sind viele

Wenn man nach einer dieser tausenden Fragen googelt, die man sich stellt, während man versucht schwanger zu werden, schon den runden Bauch spazieren trägt oder gerade versucht, die Dreijährige vom Mittagsschlaf zu überzeugen, landet man nicht mehr vor allem in Foren mit Einträgen von 2001, sondern immer öfter in Blogs, die von Eltern geschrieben werden. Dem „Mamablog“ haften jedoch noch immer Klischees an. Dort gehe es nur um Mommy-Wars wie Stoffwindeln vs. Pampers, die Frage ums Abstillen, Familienbett und wer das schönste Kinderzimmer gestaltet hat. Doch stimmt das?

Alu Kitzerow schüttelt den Kopf. Sie bloggt gemeinsam mit ihrem Mann seit 2012 auf dem Blog „grosseköpfe“ und ist Veranstalterin der Familienbloggerkonferenz „Blogfamilia“, die in diesem Jahr das zweite Mal stattfand. Sie kennt die Szene der deutschen Elternblogs daher sehr genau und hat mit uns darüber gesprochen, wie sich Familienblogs in den letzten Jahren entwickelt haben, ob sie professioneller und politischer geworden sind und welche Eltern es eigentlich sind, die über ihr Leben im Netz schreiben.

Das Klischee ist: Jeder Papa bloggt über seine Elternzeit und viele hippe Mütter gehen unter die Bloggerinnen. Aber wie groß ist das Phänomen wirklich? 

„Es gibt derzeit etwa 2.000 ElternbloggerInnen in Deutschland und ihre Anzahl wächst weiter. Das ist eine ganz schön große Zahl.“

Wer bloggt denn da genau? Für Alleinerziehende ist es sicherlich noch schwieriger, Zeit zu finden. Gibt es auch Mütter, die erwerbslos sind und bloggen?

„Es gibt alle Formen der BloggerInnen, von dem Klischee der gelangweilten Hausfrau bis zur Karrieremutti, die auch andere Bereiche ihrer Mutterschaft teilen will. Für viele Frauen entwickeln sich aus dem Bloggen heraus auch wirklich inzwischen Erwerbsbiografien, da sie als Mutter seltener in Anstellungsverhältnissen angenommen werden, die ihnen wirklich zusagen oder die für sie machbar sind.“

Elternblogs sind vielfältig. Sie berichten persönlich, übernehmen eine Ratgeberfunktion, sind teils kommerziell und auch politisch. Wie ist das die Aufteilung? 

„Die meisten Elternblogs haben ganz klare Mischfunktionen, da die Ansprache von Lesern auch oftmals sehr über den persönlichen Kanal funktioniert. Häufig anzutreffen sind Ratgeber: kommerziell, sowie persönlich-politisch. Es gibt aber auch starke Bloggerstimmen, die alles abdecken auf dem deutschen Markt, da sie den Status und die Stimme dafür haben. Ein Beispiel dafür ist „Das Nuf“

Und was funktioniert besonders gut? Wie wird ein Elternblog erfolgreich?

„Die Frage ist ganz klar: Wie definiert man erfolgreich? Die meisten Firmen definieren erfolgreich über die Reichweite, jedoch gibt es auch sehr reichweitenstarke Blogs, die im Rahmen von Kooperationen fast gänzlich unbekannt sind.  Ein Beispiel hierfür ist „Das gewünschteste Wunschkind“. Dieses Blog hat eine enorme Reichweite, wird aber von Partnern weitestgehend ausgeblendet, da ihre Stärke nicht das persönliche Marketing ist. Andere BloggerInnen wie „Minimenschlein“ sind reichweitenstark, weil sie auf starkes persönliches Marketing und die Abdeckung vieler Interessen der LeserInnen setzen. Dazu gehören DIY, Interieur, Backen, persönliche Kolumnen und Reisen. Für mich persönlich erfolgreich sind oftmals auch BloggerInnen, deren Stimmen gehört werden, die Diskussionen anstoßen und helfen diese in der Politik zu entwickeln, dazu gehören für mich persönlich zum Beispiel „Mutterseelensonnnig“ und „Stadt, Land, Mama“, die ich immer wieder als Inspiration für viele andere BloggerInnen erlebe.“

Die Bloggerszene – egal in welchem Bereich – treibt die Frage nach der Professionalisierung um. Mein Eindruck: Die Elternblogs haben sich schnell professionalisiert. Wie sieht es da aus?

„Die Professionalisierung steht derzeit tatsächlich im Fokus der Elternblogs und entwickelt sich rasant. Haben die meisten BloggerInnen vor fünf Jahren noch begonnen aus Lust und Laune zu erzählen, so gibt es heute Businesspläne, einen perfektes Design und einen Agenten im Hintergrund. Der Markt der BloggerInnen hat sich so erweitert, dass man sich auch einfach professionalisieren muss, um zu bestehen. Ich sehe das übrigens nicht als Schimpfwort, denn professionell zu arbeiten sollte allen ein Anliegen sein. Derzeit stehen die Fragen nach rechtlichen Voraussetzungen, Kennzeichnung und Herausarbeiten einer persönlichen Marke im Vordergrund. Der Bedarf am Medium der Elternblogs in Deutschland ist gegeben und dies haben sowohl die Firmen als auch die BloggerInnen erkannt. Durch die Kommerzialisierung wird teilweise die Schere zwischen den Blogs größer, weil sie unterschiedliche Möglichkeiten haben.“

Ist Geld damit zu verdienen ein großer Motivator? Was ist die Hauptmotivation, über Elternfragen zu bloggen?

„Ich denke, das kommt auf die Generation der BloggerInnen an. Geld zu verdienen ist oftmals ein Motor, baut aber auch Druck auf, dem die BloggerInnen nachkommen müssen. Es gab in letzter Zeit mehrere Mamablogs, die dem Druck nicht standgehalten haben, zum Beispiel „Baby, Kind & Meer“, deren Leben nur noch aus dem Ablichten der Familie bestand. Für die meisten ElternbloggerInnen steht jedoch nicht das Geld im Vordergrund. Sie wollen aus ihrer Perspektive von Familie erzählen. Dafür kann Familie groß, klein, allein, queer, auf dem Land, in der Stadt, inklusiv – eben bunt stattfinden. Das Internet bietet ihnen eine Chance auf Sichtbarkeit.“

Siehst du Elternblogs als Ergänzung zu regulären Medien? Haben Sie eine Lücke gefüllt? 

„Sie sind auf jeden Fall eine Ergänzung zu den klassischen Printmedien und oftmals rekrutieren sich Zeitschriften wie Eltern, BrigitteMOM und andere auch Autoren aus diesen Reihen. Das Medienangebot ist für mich in dem Bereich ganz klar noch nicht komplett. Mir fehlen in ihrer Sichtbarkeit die islamischen und jüdischen FamilienbloggerInnen und mir fehlen queere ElternbloggerInnen, von denen es noch mehr geben könnte. Da ist noch viel Luft nach oben.“

Eltern haben oft das Problem: In der Zeit, in denen gesellschaftliches Engagement offline stattfindet, zum Beispiel in Parteien, sind sie mit den Kindern beschäftigt. Wird ihr Engagement im Netz denn mittlerweile wahrgenommen?

„Das Engagement und die Bedeutung werden sehr klar wahrgenommen, um diese Sichtbarkeit jedoch noch zu unterstützen wurde dieses Jahr das erste Mal der Blogfamilia Award vergeben. Der Award zeichnet das Engagement von ElternbloggerInnen aus und ich war echt geplättet von den Rückmeldungen. Insgesamt wurden 46 sehr vielfältige Projekte von ElternbloggerInnen vorgeschlagen, von denen die drei am meisten genannten ausgezeichnet wurden, die Preisverleihung hat wiederum dann auch wieder die Presse interessiert.“

Ist die offline-Vernetzung der Blogs wichtig?

„Wie bei allen gemeinsamen Hobbys, oder beim Arbeiten im Team ist auch BloggerInnen der persönliche Kontakt sehr wichtig. Dies gilt für Firmen, aber auch für BloggerInnen untereinander. Man trifft sich, tauscht sich aus und lernt gemeinsam voneinander. Gerade bei der stetig wachsenden Anzahl ist der persönliche Kontakt ein hohes Gut.“

Haben Elternblogs mittlerweile auch politischen Einfluss?

„Ja, inzwischen denke ich, dass sie den haben. Brisante Themen werden oftmals erst online diskutiert und bewegt, bevor man sie in der Politik wiederfindet. Gute Beispiele dafür sind die Themen: Schule und Medien, Väterpolitik und Vereinbarkeit. BloggerInnen werden eingeladen, um Rat gefragt und in Reden zitiert. Da ist aber noch viel mehr möglich. Ich denke öfter darüber nach, dass BloggerInnen aus diesem Bereich eine noch viel stärkere Lobby bräuchten, einen Verband sozusagen. Blogfamilia will da als Idee ansetzen.“

Sind politischen Elternthemen eigentlich oft Themen, die Mütter stärker betreffen?

„Die überwiegende Zahl der ElternbloggerInnen ist weiblich ist. Daher überwiegen auch oft die Themen der Mütter. Zweiseitig geführte Blog wie unser Blog „grossekoepfe“ sind extrem selten und eine Nische. Frauen haben auch häufiger das Muss oder das Bedürfnis sich nach längeren Pausen neu zu orientieren. Sie finden dann ihre Stimme im Netz.“

Glaubst du, die Themen der Blogs werden im Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen? Wird sich die Szene vielleicht noch stärker politisieren?

„Die Themen ,Vereinbarkeit‘, ,Familienarbeitszeit‘, ,Inklusion‘, ,Zustand der Lernumgebungen‘, ,Alleinerziehende‘, ,Pflegezeiten‘ usw. werden bereits jetzt in die Programme verschiedener Parteien aufgenommen und dort bewegt. Gerade politisch geführte Debatten in Zusammenhang mit Familie können oftmals als Barometer für Parteien genutzt werden. Ist das Thema relevant? Wie reagieren Eltern darauf und welche Fragen werden gestellt …

Welche anderen Trends siehst du?

„Ich denke die Themen ,Pflege‘, sowie ,Digitalisierung der Arbeitswelt‘ werden mehr in den Fokus rücken. Hierbei steht oftmals das Thema Vereinbarkeit im Raum. Durch den demografischen Wandel und die wachsende Globalisierung werden das neben der Zuwanderung und dem Austausch darüber die Themen sein.“

Wie beurteilst du die Gradwanderung zwischen privat und professionell auf den eigenen Blogs?

„Für unser Blog haben der Mann und ich entschieden einen Weg der Professionalisierung zu gehen, der jedoch immer für uns beide stimmen muss. Daher zeigen wir keine Fotos der Kinder auf dem Blog und werden auch dabei bleiben. Unsere zwei großen Kinder können inzwischen selbst entscheiden, inwieweit sie sichtbar sein möchten, mit K1 verhandeln wir gerade über eine eigene Kolumne auf dem Blog. Wir sind seit vier Jahren als BloggerInnen tätig und unsere Leser wachsen mit uns. Wir bleiben transparent und nah am Leser, daher haben wir intern eine Anzahl an als Werbung gekennzeichneten Posts für uns festgelegt und arbeiten nur mit Firmen zusammen, auf die wir auch wirklich Lust haben. Wir lieben das Bloggen, das Geschichten erzählen und für uns haben sich durch den Schritt ins Netz bis jetzt die tollsten Sachen entwickelt.“

Treibt ihr die Blogfamilie weiter voran?

„Für Blogfamilia streben wir eine andere Art von Professionalisierung an. Wir wollen damit eine Plattform zum gemeinsamen Lernen und Vernetzen schaffen. Dies werden wir in einer Gründung demnächst institutionalisieren.“

Deine Familie wächst noch einmal. Wie ist es generell mit der Vereinbarkeit vom Bloggen und dem Rest des Lebens?

„Bis dato hat die Vereinbarkeit immer ganz gut geklappt, während andere beim Hockey waren, schrieb ich Geschichten. Da wir generell beide schreiben und uns der Blog auch schon immer als Begleitung gilt, sehe ich da erstmal keine Probleme. Spannend ist, dass wir mit einigen Themen von vorne starten, zum Beispiel Schwangerschaft und erstes Babyjahr, sowie dann Elternzeit und Einstieg nach der Elternzeit. Die LeserInnen dürfen gespannt bleiben.“

Welche Neulinge gibt es in der Elternblogosphäre, die EDITION F-Leser_innen neu entdecken sollten?

„Wen ich  sehr mag: Herr Pfarrfrau, der über das Leben eines Mannes an der Seite einer Pfarrerin schreibt. Wem ich eine größere Stimme zutraue: Halbe Sachen. Wer unbedingt mehr LeserInnen verdient: Sieben Kilo Paket. Vom wem man noch hören wird: Welt & Kind.

Vielen Dank, liebe Alu.


Titelbild: Abi Porter – Flickr – CC BY 2.0


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