Foto: Jennifer Fey

Eva: „Traditionell ist Berlin eine Stadt für starke Frauen“

Eva Gronbach verwendet Arbeitsanzüge aus der Bergarbeit für ihre Mode. Die Designerin im Interview über Kunst, Frauen und den Umzug von Köln nach Berlin.

 

Mode mit Ursprung im Ruhrgebiet  

Sie studierte Mode in Brüssel und Paris und arbeitete unter anderem bei Stephen Jones, Yohji Yamamoto, John Galliano und Hermès: Eva Gronbach. Im Jahr 2000 kam ihre erste Kollektion „Déclaration d’amour à l’Allemagne“ – eine modische Liebeserklärung an Deutschland – ihres eigenen Labels Eva Gronbach heraus. 2006 kam die erste Kollektion ihres Zweitlabels „German Jeans“ auf den Markt. Ihre Mode wird inzwischen weltweit verkauft. Jennifer Fey sprach mit der Designerin über Erfolg, Mode als Medium und ihren Umzug nach Berlin.

Was bedeutet Mode für dich?

„Mode ist mein Medium, in dem ich mich bewege und in dem mein Inneres zum Ausdruck kommt.“

Was war bisher dein beruflich größter Erfolgsmoment?

„Ganz aktuell: mein Lehrauftrag in Berlin.“

Wann hast du entschieden, dass du Designerin werden möchtest?

„Das war sehr früh, da war ich etwa sieben Jahre alt. Modedesignerin war mein dritter Berufswunsch. Mein erster war Kellnerin, weil ich das weiße Schürzchen so schön fand. Da war ich vier. Mit fünf wollte ich dann Schäferin werden, weil ich diese Idee von dem großen Filzumhang, den ein Schäfer das ganze Jahr trägt, so toll fand. Wie ein Zuhause, das ihn das ganze Jahr umgibt. Ich war also eigentlich immer schon sehr textilorientiert.“

Du verwendest Arbeitsanzüge aus dem Bergbau. Sind deine Stücke somit alle Unikate?

„Absolut. Die Stoffe sind alle unterschiedlich abgenutzt, verschieden verwaschen und zum Teil mit Nummern versehen. Teilweise sind die Stoffe auch bemalt, beschriftet oder sehr liebevoll geflickt. An einem hing mal ein Zettel auf dem stand „Dieses Teil kann nicht mehr geflickt werden – zu zerfetzt. Die Nähstube“. Den habe ich bei der Weiterverarbeitung dran gelassen. Meine Teile sind, dank dieser Stoffe, von Leben und Arbeit durchdrungen. Bergarbeit ist ehrliche Arbeit mit einem hohen Ehrenkodex. Sie ist geerdet, dreckig, ehrlich, tief solidarisch und sehr rudimentär männlich. Genau so ist das Ruhrgebiet.“

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Eva am Brüsseler Platz im belgischen Viertel in Köln – Zuhause. Bild: Jennifer Fey
 

Neben Upcycling kommt es glücklicherweise auch mehr und mehr in Mode, dass auf faire Produktionswege geachtet wird. Wie und wo lässt du deine Mode produzieren?

„Die Produktion meiner Kollektion findet zu 100 Prozent in Familienbetrieben in NRW statt. Ich will die Betriebe kennen, mit denen ich arbeite. Da bin ich sehr klar. Die Branche ist insgesamt oft total undurchsichtig mit all ihren Zertifikaten. Ich möchte persönlich genau sehen, wer, wo, wie produziert! Natürlich, Upcycling, bio, fair und würdevoll! Das ist bei mir seit meiner ersten Stunde – oder besser gesagt, seit meinem ersten Teil – absolut entscheidend! Der Profit ist anfangs sicher geringer, aber es fühlt sich so gut an, wenn alle etwas davon haben.“

Ich erlebe die Modebrache oft als sehr schnelllebig und oberflächlich. Deine Kollektionen haben immer einen tiefen, gesellschaftskritischen und politischen Hintergrund. Also: Mode trifft auf Politik. Wie passt das zusammen?

„Das widerspricht sich nicht. Ich nutze die Oberfläche, also die Textilie und belade sie mit gesellschaftlich relevanten Themen. Damit provoziere ich bewusst den Betrachter.“

2012 hast du deine Mode zur Kunst transformiert. Wie kam es dazu?

„Ich finde bei allem was wir tun: Wir müssen es erheben! Wir müssen uns erheben und uns immer wieder die Frage stellen: Wer bin ich? So wurde bei der Manifesta 2012 in Genk die Bergarbeiterkleidung über die Mode zur Kunst erhoben. Sie wurde auf verschiedenen Ebenen transformiert. Von Arbeiterkleidung zu Couture; von männlich zu weiblich; von vielen zu einer; von unter Tage ins Tageslicht; von der Horizontalen in die Vertikale.“

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Portrait an der Domplatte in Köln. Bild: Jennifer Fey
 

Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

„Frauen haben diese besondere Intuition. Sie haben eine ganz andere, viel weitere, fein strukturiertere Verbindung zur Welt. Schön an unserer Zeit ist, dass wir sowohl die weiblichen als auch die männlichen Qualitäten in uns ausleben können.“

Alle Augen schauen in den letzten zehn Jahren nach Berlin, aber du schaust ins Rheinland und ins Ruhrgebiet. Warum?

„Ich war lange Zeit im Ausland und habe die Hektik der internationalen Modeszene erfahren. Berlin ist international. Und als extremen Gegensatz dazu habe ich die Konzentration, die Intimität und das Rudimentäre an der Arbeit im Rheinland in den letzten Jahren sehr genossen.“

Du bist in Köln geboren und lebst seit 14 Jahren im Belgischen Viertel. Du hast sogar das offizielle T-Shirt der Stadt Köln designed. Was liebst du an Köln?

„Köln war immer sehr liebevoll zu mir. Was ich echt liebe ist diese Nähe von Kunst, Kommerz und Gemütlichkeit. In Köln gibt es sehr viel Spaß – man ist nie zu ernst. Das hat aber nicht das Geringste mit Karneval zu tun. Das Rheinbett war immer fruchtbar. Diese Fruchtbarkeit hat den Kölner zu einer Frohnatur gemacht. Mit vollem Magen kannst du liberal sein. Außerdem liebe ich die Herzlichkeit und Gemütlichkeit Kölns. Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist das Museum für verwandte Kunst. Für mich ist es das Herzstück des Belgischen Viertels. Hier finden Kunst und Design einen ehrlichen, liebevollen Rahmen. Es ist so herrlich innovativ unprätentiös.“

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Museum für Verwandte Kunst, Eva vor Teilen Ihrer aktuellen Kollektion. Bild: Jennifer Fey
 

Trotz deiner Liebe zu Köln ziehst du jetzt nach Berlin. Was liebst du an Berlin?

„Ich liebe die Nähe zur Politik und den radikalen Zeitgeist. Das Hier und Jetzt wird in Berlin so offenbar. Die Internationalität: Ich liebe die vielen Sprachen und bunten Gesichter. Den Willen zur Freiheit. Die große Frauensolidarität. Traditionell ist Berlin eine Stadt für starke Frauen. In den 20er Jahren war Berlin die Metropole schlechthin für emanzipierte Frauen in Europa. Was das betrifft spüre ich einen großen Unterschied zu Köln. In Berlin gibt es eine sehr aktive (und attraktive) Frauenbewegung. Für mich ist Yasmine Orth Aushängeschild dieser Frauenbewegung. Sie ist eine der ganz großen, visionären Netzwerkerinnnen unserer Generation. Yasmine nimmt mich ein Stück weit an die Hand und hilft mir, in Berlin anzukommen.“

Was wirst du in Berlin tun?

„Ich werde an der Internationalen Kunsthochschule für Mode (ESMOD) Dozentin für Mode. Dort werde ich für neue Generationen-Designer verantwortlich sein. Nachdem ich jahrelang für Schüler im Ruhrgebiet und in Köln Modeprojekte entwickelt habe, möchte ich nun auf akademischer Ebene mit Studenten arbeiten. Ich liebe die Lehre und die Forschung in der Mode.“

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Museum für Verwandte Kunst, Eröffnung der Ausstellung Schablonenkunst, Eva vor einem Exponat. Bild: Jennifer Fey
 

Man wird dich aber trotz deines Umzugs noch hin und wieder in Köln sehen, oder?

„Unbedingt. Ich bleibe mit der Stadt verbunden. Köln ist meine Heimatstadt. Mein Couture Label heiß „Eva de Cologne“! Mit KölnTourismus entwickle ich die Köln-Kollektion weiter. Hier ist viel möglich und daher habe ich weiterhin ein Büro in Köln. Außerdem lasse ich nach wie vor in NRW produzieren. Meine Familie und meine Freunde in Köln möchte ich natürlich auch nicht missen. Vielleicht gelingt es mir, eine weitere Brücke zwischen Köln und Berlin zu werden.“

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So sieht das Köln-Shirt an der Fotografin Jennifer Fey aus, Eva und Jennifer vor dem Kölner Bahnhofsplatz. Bild: Selbstauslöser

 

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