Foto: Pexels

Gina Wollinger: „Eine gute Kriminologin sollte bei einfachen Erklärungen skeptisch sein“

Was macht eigentlich das Berufsbild einer Kriminologin aus? Davon erzählt Gina Wollinger, die uns einen Einblick in ihren Arbeitsalltag und erklärt, warum es keinen klassischen Weg in diesen Beruf gibt.

 

Kriminologie: Wissenschaftliche Arbeit, mit
gesellschaftlicher Relevanz

Wie das Arbeitsleben einer Kriminologin
aussieht? Wer jetzt
an den im Tatort dargestellten Alltag der Ermittler denkt, liegt damit ziemlich falsch. Mit welchen Themen man
sich in diesem Beruf wirklich beschäftigt und wer für den Job geeignet ist,
haben wir eine gefragt, die es wissen muss: Kriminologin Gina Wollinger, die am
Kriminologischen Institut Niedersachsen (KFN) arbeitet.

Gina, du bist Kriminologin. Das klingt für den Laien erst
einmal sehr spannend und nach „Tatort“. Ist da was dran?

„Einen Tatort sehe ich leider sehr selten und wenn, dann nur
in Form ‚teilnehmender Beobachtung’. Die Kriminologie hat nämlich wenig mit
Kriminalistik zu tun, das heißt ich kläre keine Verbrechen auf und Werte keine
Spuren aus. Vielmehr untersuchen wir in der Kriminologie Straftaten aus einer
soziologischen, psychologischen und auch juristischen Perspektive und
beschäftigen uns dabei wissenschaftlich mit Themen wie dem Rückgang von
Jugenddelinquenz, bestimmten Deliktsbereichen wie etwa Wohnungseinbruch und der
Situation von Opfern.

Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

„Ein typischer Arbeitstag beginnt bei mir klassisch im
Büro am Rechner. Im Moment schreibe ich an Artikeln und meiner Dissertation.
Dazu nutze ich unsere erhobenen Daten, rechne, arbeite den Forschungsstand auf
und beschäftige mich mit theoretischen Ansätzen. Daneben ist meine Arbeit aber
auch davon geprägt, dass wir empirische Erhebungen durchführen. Dabei müssen
Erhebungen vorbereitet werden, Projektpartner kontaktiert und vor allem neue
Projekte erarbeitet werden. Das sorgt für Abwechslung und man tritt mit
Personen verschiedener Professionen in Kontakt und, wenn man Glück hat, besucht
man tatsächlich auch mal einen Tatort (schmunzelt).“

Kannst du kurz etwas zu deinem Werdegang erzählen? Denn
eigentlich hast du ja Soziologie studiert. Wie kamst du dann zum KFN Hannover?

„Ich habe in Leipzig Soziologie mit den Nebenfächern
Germanistik und Philosophie studiert. Nach dem Grundstudium begann ich Jura
parallel zu studieren im Doppelstudium. Dabei habe ich schnell eine Verbindung
von Soziologie und Jura gefunden, nämlich die Soziologie abweichenden
Verhaltens, also die Kriminologie. Es war spannend, aus der Perspektive beider
Disziplinen sich mit kriminologischen Fragestellungen zu beschäftigen und so
habe ich mich zum Beispiel in meiner Magisterarbeit in Soziologie mit dem
Wandel des Versammlungsrechts in Deutschland beschäftigt. Irgendwann war ich
zwar fast scheinfrei in Jura, wusste aber, für das erste Staatsexamen wäre noch
eine Menge zu tun gewesen. Und ich hatte mein Soziologieabschluss in der
Tasche, meine erste Tochter war geboren und ich hatte Lust, aus dem
universitären Umfeld raus in die Forschungspraxis zu gehen. Ich bewarb mich auf
ein Doktorandenstipendium des KFN. Das KFN ist als unabhängiges
kriminologisches Forschungsinstitut sehr interdisziplinär aufgestellt, das
heißt hier arbeiten hauptsächlich Soziologen und Psychologen sowie einige
Juristen. Seit 2012 bin ich in einem Projekt zum Thema Wohnungseinbruch eingebunden,
habe 2013 Zwillinge bekommen und bin guter Dinge, dieses Jahr meine Promotion abzuschließen.“

Wie sähe denn der klassische Weg zum Job als Kriminologin
aus?

„Einen wirklich klassischen Weg gibt es wohl nicht, da es
viele Disziplinen gibt, die (auch) einen kriminologischen Bezug haben.
Allerdings gibt es mittlerweile einige Masterstudiengänge Kriminologie, wie
etwa in Hamburg und Regensburg. Letztendlich ist ein sozialwissenschaftliches
oder psychologisches Studium immer noch ein guter Grundstein, auf dem man eine
kriminologische Spezialisierung aufbauen kann.“

Gibt es etwas an deinem Job, dass dich zu Beginn überrascht
hat?

„Der größte Unterschied war für mich wohl der zwischen der
Tätigkeit als Studentin an der Universität und der als Mitarbeiterin an einem
Forschungsprojekt, an einer unabhängigen Forschungseinrichtung. Hier ist man in
der Praxis, man muss sich um die Finanzierung kümmern und viele pragmatische
Aspekte berücksichtigen, etwa wie man die Chance erhöht, einen Artikel in einem
bestimmten Fachjournal platzieren zu können. Im Studium geht es natürlich mehr
um inhaltliche Fragen, man diskutiert vielmehr. Letztendlich hat ein gesunder
Pragmatismus aber auch viele Vorteile. Überrascht war ich aber im positiven Sinn auch von den
vielen Möglichkeiten und die Verantwortung, die einem hier am KFN gegeben
werden. Man kann Vorträge auf internationalen Tagungen halten und bei der
Umsetzung von Projekten eine aktive Rolle übernehmen. Dadurch lernt man sehr
viel und wächst auch mit Aufgaben, die einem vielleicht teilweise anfänglich
etwas ‚zu groß’ erschienen.“

Was macht eigentlich eine gute Kriminologin oder einen guten
Kriminologen aus?

„Kriminologie ist ja eine Gesellschaftswissenschaft. Sie
stellt Grundfragen des gemeinschaftlichen Miteinanders, des Einhalten von Regeln
und wie man mit Personen umgeht, die von diesen abweichen. Damit hat man es
aber auch mit einem sehr komplexen Bereich zu tun, denn wie schwierig so ein
Miteinander ist, zeigt sich ja schon im Kleinen bei Putzplandiskussionen jeder
WG. Eine gute Kriminologin sollte also vor allem Interesse an
gesellschaftlichen Zusammenhängen haben und sehr skeptisch gegenüber einfachen
Erklärungen sein.“

Wie sieht es in deiner Branche mit der Frauenquote aus? Hast
du viele Frauen unter deinen Kollegen?

„Bei uns am Institut hält es sich ungefähr die Waage unter
den Projektmitarbeiter und -mitarbeiterinnen. Allerdings sind auf der
Leitungsebene mehr Männer und das Direktorium ist auch männlich besetzt. Das
gleicht auch meinem Eindruck von dem kriminologischen Feld über das Institut
hinaus. Wie auch in anderen wissenschaftlichen Kontexten sind Führungspositionen
– wie Universitätslehrstühle, Institutsleitungen etc. – noch immer
hauptsächlich männlich.“

Bei der Kriminologie geht es ja unter anderem darum
herauszufinden, warum Verbrechen begangen werden. Wie kann man denn
an diese Frage herangehen? Kann man das grundsätzlich beschreiben?

„Ja, Einflussfaktoren auf Kriminalitätsentstehung ist ein
bedeutendes Thema. Bei der Beantwortung sollte man auf jeden Fall
deliktspezifisch vorgehen. Um es ganz platt zu sagen: Die Motive,
beziehungsweise Gründe oder Ursachen von impulsiven Gewalttaten sind
höchstwahrscheinlich andere als von geplanten Steuerhinterziehungsdelikten. Und
auch innerhalb von Delikten kann es Unterschiede geben. So zeigt zum Beispiel
unsere Untersuchung, dass sich ganz verschiedene Tätertypen hinter
Wohnungseinbrüchen verbergen. Da sind Beziehungstaten dabei, sowie
Beschaffungskriminalität um sich eine bestimmte Sucht zu finanzieren wie auch
perspektivlose jugendliche Täter oder Täterinnen. Wir nähern uns diesem
Phänomen mittels empirischer Sozialforschung. 
Die gängigen Methoden sind dabei Opfer- beziehungsweise allgemeine
Bevölkerungsbefragungen, Analysen von Strafakten und Täterinterviews.“

Kriminologin Gina Wollinger. Bild: privat.

Könnte man, wenn man sich einen Menschen, seine
Sozialisation und sein Umfeld genauer ansieht, voraussagen, ob er ein
Verbrechen begehen wird? Also, gibt es so etwas wie einen potentiellen
Risiko-Charakter?

„So pauschal kann man das sicher nicht sagen und auch hier
kommt es wieder sehr auf das Delikt an. Sozialisation spielt aber eine wichtige
Rolle. So sehen wir etwa, dass die Jugend immer ‚friedlicher’ wird, das heißt
weniger Straftaten begeht, weniger gewalttätig ist und weniger Drogen nimmt. Ursächlich
hierfür sind vor allem ein gewandelter Erziehungsstil und eine höhere
gesellschaftliche Sensibilisierung
für Gewalt, also eine geringere Akzeptanz
von gewaltvollem Verhalten. Aber auch
bei schlechten Ausgangsvoraussetzungen in der Kindheit muss es nicht
zwangsläufig zu einem straffälligen Verhalten kommen. Das ist übrigens auch ein
spannendes Forschungsfeld der Kriminologie, nämlich das Thema der Resilienz:
Wie kommt es, dass manche Menschen es schaffen, trotz sehr schlimmer Krisen und
Erfahrungen ein gutes, normkonformes Leben zu führen? Auch wenn biologische
Ansätze heute weitgehend nicht mehr vertreten werden, gibt es noch großen
Forschungsbedarf in Bezug auf die Frage, welche Faktoren normkonformes
Verhalten begünstigen.“

Was magst du eigentlich an deinem Job am meisten?

„Gerade mit dem Forschungsthema Wohnungseinbruch beschäftigt
man sich mit einem Bereich, der für die Praxis relevant ist. Wir stehen
intensiv im Austausch mit der Polizei, der Politik und Journalisten. Das ist
toll, dass man wissenschaftliche Arbeit leisten kann, die eine gesellschaftliche
Relevanz hat. Ich mag es dabei auch, mit Menschen ganz unterschiedlicher
Richtungen in Kontakt zu treten. Weiter mag ich auch das Entwickeln neuer
Forschungsideen und diese zu realisieren, das heißt andere davon zu überzeugen
und Kooperationen herzustellen. Weniger schön ist eine gewisse Unsicherheit in
der Wissenschaft: Selten gibt es unbefristete Verträge und man fängt nicht bei
einem Arbeitgeber an und bleibt dort sein Leben lang.  Auch muss man offen sein für andere
Arbeitsfelder und damit verbundene Ortswechsel. Letztendlich mag ich es aber
auch, dass sich noch sehr viel ganz anders entwickeln kann.“

Hast du einen Tipp für alle, die beruflich in diese Richtung
gehen wollen, aber noch nicht wissen, ob sie dafür geeignet sind?

„Sucht euch eine Gelegenheit, etwa durch ein Praktikum oder
einen kleinen Job, bei einer empirischen Forschung rein zu schauen. Die erste
Erkenntnis dabei ist wahrscheinlich, dass jede Stufe im Forschungsprojekt viel
länger dauert und zeitaufwendiger ist als man sich das als Laie vorstellt. Man
muss Geduld und eine Leidenschaft für das wissenschaftliche Arbeiten haben.
Eine weitere Möglichkeit ist, kriminologische Fachzeitschriften zu lesen. Dabei
bekommt man einen guten Eindruck davon, worum es wirklich in der Kriminologie
geht, welche Fragestellungen aufgeworfen werden und wie diese bearbeitet
werden.“

Mehr bei EDITION F

Keine Angst vor Geisteswissenschaften! Denn damit steht dir die Welt offen. Weiterlesen

Nadia Boegli: „Wir alle wollten etwas tun, was uns Sinn bietet“ Weiterlesen

Trauerarbeiterin Madita van Hülsen: „Wir setzen uns nicht mehr mit dem Tod auseinander. Und dann fällt uns die Trauer an, wie ein wildes Tier“ Weiterlesen

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.