Foto: Yanko Peyankov – unsplash

Wie ich als Mutter in einem fremden Land zur Gründerin wurde

Julia Nini wurde in Sankt Petersburg geboren und kam vor sieben Jahren nach Deutschland – als junge Mutter gründete sie ein Unternehmen. Wie ist es, als junge Mutter, Studentin und Neubürgerin in Deutschland zur Gründerin zu werden? Ein Erfahrungsbericht.

 

Mit kleinen Schritten zum Erfolg

Mutter und gleichzeitig Unternehmerin zu sein, war nicht immer einfach für mich. Zu Beginn meiner Elternzeit habe ich mich immer wieder hin- und hergerissen gefühlt. Einerseits wollte ich mich beruflich weiterentwickeln und nicht zu lange aus dem Berufspraxis aussteigen, andererseits wünschte ich mir, für meine Tochter und Familie da zu sein. Grundsätzlich sollten junge Mütter versuchen, mit diesem Druck entspannter umzugehen und je nach Situation zu handeln. Wenn man die Kraft hat, arbeiten zu gehen, sollte man arbeiten. Wenn es gar nicht geht, dann geht es im Moment nicht. Aber es ergibt keinen Sinn, deswegen deprimiert zu sein.

                                                                                           Bild: ckju.net

Andererseits bringt das Mutter- oder Elternsein auch Vorteile. So kann die Unternehmerin von den Fähigkeiten der Mutter lernen. Ich bin der Meinung, dass man beispielsweise effizienter wird, sobald man Kinder hat. In Sankt Petersburg arbeiten fast alle Eltern Vollzeit. Das ist dort möglich, weil Ganztagsbetreuungen in Russland, vor allem in großen Städten, wie Moskau und Sankt Petersburg, üblich sind und es ein sehr großes Angebot gibt. Um trotzdem alles unter einen Hut zu kriegen, muss man dennoch Prioritäten setzen, produktiv und erfinderisch sein – Eigenschaften, die ebenso im beruflichen Kontext hilfreich sind.

Außerdem tut es gut, sich ab und zu für kleine Erfolge zu loben und durchzuatmen. Besonders Frauen sind häufig sehr selbstkritisch. Wir suchen die Schuld bei uns, wenn etwas nicht klappt und nehmen es als selbstverständlich, wenn es funktioniert. Etwas narzisstisch zu sein, sich etwa mit einem guten Essen zu belohnen, tut gut und hilft, schwierigere Phasen zu überstehen. Ich nenne es „positive Polster“.

Sinnstiftende Arbeit ist die beste Motivation

Auch die Erfahrung, selbstständig zu sein, war für mich absolut neu. Niemand sagt dir, was du tun musst. Doch diese Herausforderung bringt auch viele Vorteile mit sich. Vor allem für junge Eltern ist es von unschätzbarem Wert, seinen Tag selbst planen zu können, ohne auf festgelegte Arbeitszeiten Rücksicht nehmen zu müssen. Im Gegensatz zur Arbeit in einem digitalen selbstgeführten Familienunternehmen wäre ein ort- und zeitabhängiger Nine-to-five-Job für mich jetzt undenkbar. Natürlich kann ein Job nicht immer nur Spaß machen, aber man sollte den Sinn seiner Tätigkeit nicht hinterfragen müssen und seine Arbeitszeit genießen können. Wenn man weiß, warum man etwas tut und mit den Zielen des Unternehmens im Einklang steht und diese selbst gestallten kann, muss man sich nicht jeden Morgen motivieren, um ins Büro zu gehen.

Bloß keine Angst vor Fehlern

Eine weitere Hürde auf dem Weg zur Gründung unserer Plattform war das Erlernen der deutschen Sprache. Selbst wenn man nicht Muttersprachler ist, sollte man sich stets trauen, zu sprechen – auch und vor allem dann, wenn man Fehler macht. Aus meiner Erfahrung bewerten die meisten Leute einen Akzent oder den einen oder anderen Grammatikfehler nicht negativ. Viel wichtiger ist es, authentisch zu bleiben und sich nicht zu verstellen. Stattdessen sollte man zu seinen Wurzeln stehen und davon profitieren. Anders zu sein, einen anderen Akzent, oder ein anderes Aussehen zu haben, kann auch eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Ich habe schon häufig erlebt, dass mich Menschen auf Messen oder anderen Veranstaltungen aufgrund meines Akzentes angesprochen haben und mehr über mich und meine Geschichte wissen wollten.

Russische Gleichberechtigung trifft deutsche Freiheit

Russland hat im Allgemeinen eher den Ruf eines patriarchisch geprägten Landes. Das gilt jedoch nicht für die für die Arbeitswelt. Hier gibt es weniger Klischees und Vorurteile zwischen Mann und Frau als in Deutschland – eine Gegebenheit, die Russland noch aus kommunistischer Zeit geerbt hat. Unterschieden wird nur zwischen „Towarisch“ („Kollege“/„Kamerad“, geschlechtlose Anrede einer Person, die dieselbe Arbeit ausübt) oder „Tunijadez“ (faul), ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt, ist eher zweitrangig. Ich selbst habe nie erlebt, dass ich mich in Russland besonders beweisen muss oder nicht ernst genommen wurde, nur weil ich eine Frau bin.

Bei meinem letzten Arbeitgeber waren 80 Prozent der Angestellten Frauen. Das war in einer Firma, die Baumaterialien verkaufte. Die Kundschaft war fast ausschließlich männlich, aber Probleme bezüglich fehlender Autorität gab es nie. Selbstständigkeit hingegen ist in Russland kaum denkbar. Die rechtliche Lage für Selbstständige ist katastrophal und durch die Korruption wächst die Schattenwirtschaft rasant. Vor allem junge und Kleinunternehmen haben es schwer. In Deutschland ist die Lage deutlich besser. Frauen, die sich in ähnlichen Positionen befinden wie ich, die noch nicht lange in Deutschland leben, gerade aus dem Studium oder der Elternzeit kommen, kann ich nur Mut machen.

Bewerbt euch auf Stellen auch, wenn ihr nicht die passende Ausbildung dafür habt. Manchmal reicht es, eine langjährige Berufserfahrung in diesem Bereich vorweisen zu können. Eure Erfahrungen aus der Heimat dürft ihr nicht unterschätzen. Leider wird diese zwar teilweise bürokratisch nicht anerkannt, aber sie ist wie ein Joker. Irgendwann kommt der Moment, um sie auf den Tisch zu legen. 

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