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Auch Hochsensible werden Eltern: Wie meistert man die besonderen Herausforderungen?

Wie erleben Hochsensible Schwangerschaft und Elternschaft? Unsere Community-Autorin ist selbst hochsensibel und teilt ihre Erfahrungen.

 

Hochsensibel bleibt man auch, wenn man ein Kind bekommt 

Der Begriff Hochsensibilität ist aktuell in aller Munde. Und das ist gut so. Mehr und mehr wird vielen Menschen klar, dass wir alle auf unterschiedliche Weise fühlen und erleben und dabei große Unterschiede in der Intensität der Wahrnehmungen bestehen. Auch wenn Hochsensibilität noch nicht vollends erforscht ist, wird immer wieder von drei Typen gesprochen: der sensorischen, der emotionalen und der kognitiven Hochsensibilität. 

Jeder Typ hat unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben der betroffenen Menschen. Und Hochsensibilität lässt sich nicht abstellen, auch nicht, wenn man schwanger wird. Wie erleben Hochsensible also Schwangerschaft und das Leben nach der Geburt? 

Hochsensibilität in der Schwangerschaft

Wenn jemand zum ersten Mal schwanger ist, fahren die Emotionen Achterbahn. Freude und Sorge, Angst und Sicherheit wechseln sich ab. Und überall wird die Gefahr angemahnt, man könne durch gewisses Fehlverhalten dem Kind schaden. Für emotional Hochsensible kann dies sehr anstrengend werden, denn sie fühlen stärker, sowohl ihre eigenen Gefühle, als auch die der Menschen um sich herum. Sie können Erlebnisse schlechter abhaken und tragen eine hohe Last auf ihren Schultern.

Menschen, die emotional hochsensibel sind, entwickeln öfter Schuldgefühle als andere. Das bleibt bei Schwangerschaften leider auch nicht aus, denn hier entscheidet man nicht nur für sich selbst, sondern trägt auch noch die Verantwortung für ein weiteres Wesen im Bauch: Freue ich mich genug auf das Baby? Habe ich an die wichtigen Vorsorgeuntersuchungen gedacht? Ist es schlimm, wenn ich nachts fluche, weil ich nicht mehr schlafen kann? Ist es okay, dass ich die Schwangerschaft nicht nur genieße? Was ist, wenn ich mein Kind nach der Geburt nicht lieb genug habe? Ich habe doch neulich erst von #regrettingmotherhood gehört. Gab es auf Facebook nicht die Anzeige von der Dokumentation zu Geburtstraumata? Was ist, wenn ich ein Geburtstrauma erleide? …

Nach der Geburt: Es wird nicht weniger

Auch nach der Geburt prasseln die Eindrücke und Erfahrungen auf eine*n ein. Das Baby schreit, der Stresspegel steigt, wir müssen das Baby erst kennenlernen. Bei der Nachbarin von Gegenüber sieht das doch immer so leicht aus, wie sie das schlafende Baby zum Einkaufen fährt. Und bei mir? Der Kassierer wirkt genervt, weil ich vor dem Bezahlen erst noch den Schnuller wieder zurückstecken muss. Der Einkaufswagen ist erst halb voll, aber das Baby in der Trage hat gespuckt – was tun? Die Frau am Ende des Ganges signalisiert mit ihrer ganzen Körpersprache, dass sie das besser könnte als ich. Als wären all die Aufgaben im neuen Alltag mit Baby nicht schon genug, nehmen wir auch noch wahr, wie andere die Situationen beurteilen. Wir spüren Vorwürfe, Vorurteile, manchmal Mitleid, wir vergleichen uns mit den glücklichen Eltern auf dem Spielplatz und fragen uns, ob wir genug leisten. 

Achte auf dich

Liebe hochsensible Mama (und lieber hochsensibler Papa, natürlich): Achte auf dich. Verliere dich nicht im Außenbild, so schwer das auch ist. Es ist für sensorisch oder emotional Hochsensible schwer auszuhalten, wenn das Baby beispielsweise Koliken hat und über Stunden schreit. Es kann einen zermürben, wenn das Baby ein Schreibaby ist. Es ist anstrengend, über Stunden hinweg das Baby an sich dran zu haben und keinen Meter Freiraum zu bekommen. 

Es staut sich viel Spannung an. Spannung, die wir im Kopf merken, die auch das Baby merkt und die sich in einem Schwall entladen kann, wenn irgendwann der*die Partner*in nach Hause kommt. Vielleicht ist es bei der Nachbarin gegenüber ganz anders. Vielleicht ist sie nicht hochsensibel. Vielleicht ist sie ein extrovertierter Mensch, der gerne viel Trubel hat und nach dem Stillcafé noch Energie für das Babyschwimmen hat. Sie ist okay so – und du bist es auch. 

Es ist alles okay 

Liebe Hochsensible: Du hast mit dir und deinem Kind gerade genug zu tun. Dein eigenes Hinterfragen, Reflektieren und Recherchieren, die Beobachtung des Kindes und die eventuelle Betreuung älterer Geschwister, die Erfahrungen der Geburt, das Ankommen im neuen Körper und die Neustrukturierung des Lebens sind genug Aufgaben für dich. Lerne, das zu erkennen und dich darin zu üben, die Außenwelt abzuschirmen. Kommentare anderer Menschen, gut gemeinte Ratschläge, ja sogar die Weltpolitik können gerade zu viel sein – und das ist okay. 

Es ist manchmal schwer auszuhalten, sich mit der Ungerechtigkeit der Welt auseinanderzusetzen und das kleine Gesicht im Arm anzuschauen und sich zu fragen, welche Zukunft wohl für diese Generation Realität werden wird. Es ist schwer auszuhalten, sich mit der Situation anderer Kinder auf der Welt auseinanderzusetzen. Die Augen wirst du davor nicht verschließen können, aber du kannst dir Strategien überlegen, sie in dieser Zeit nicht auch noch an dich herankommen zu lassen. 

Auszeiten können helfen 

Es ist vollkommen okay, sich Ruheinseln zu suchen und für sich sein zu wollen. Fühle in anstrengenden Situationen immer in dich hinein: Was brauchst du jetzt? Man darf beispielsweise mal: 

  • 30 Minuten alleine sein wollen und ein Bad nehmen
  • Die Stille genießen und zu schätzen wissen
  • Alleine in die Stadt wollen und nicht zuerst die Drogerie ansteuern
  • Sich ohne Kind(er) verabreden und über andere Themen reden, als Windeln und Beikost – auch wenn diese Themen sicherlich dennoch auf dem Tisch landen
  • Milch abpumpen, wenn man in einem Moment die Nähe des Stillens nicht erträgt
  • Aufgaben delegieren, Hilfe annehmen und den Anspruch loswerden, alles alleine zu schaffen

Kommuniziere deine Bedürfnisse

Wichtig ist dabei immer, sich auf die Kommunikation mit allen Beteiligten zu konzentrieren. Für Hochsensible ist es oft eine Herausforderung, wenn das Gegenüber nicht ähnlich Emotionen empfindet und Stimmungen voraussehen kann. Nicht alle Menschen nehmen so intensiv Stimmungen wahr, obwohl es für Hochsensible doch die Gewohnheit ist. Das muss man sich zuerst vergegenwärtigen, dann kann die ständige Kommunikation ein tolles Hilfsmittel werden. 

So kann man sich beispielsweise angewöhnen, beim Zusammentreffen nach den jeweiligen Tagesentwürfen zu schauen: Wie war der Tag? Wer braucht gerade was? Die oder der andere hatte den ganzen Tag Sehnsucht nach dem Baby? Man selber braucht eine Pause? Klingt vereinbar. Es gibt Bedarf nach einer gemeinsame Familien-Stunde auf dem Sofa? Dann kann das Sicherheit geben. Die Sonne scheint und ein gemeinsamer Spaziergang vereint den Wunsch nach Luft zum Atmen und Familienzeit? Dann nichts wie raus!

Wenn du ausgeglichen mit deiner Hochsensibilität umgehen kannst, hast du auch die Chance, die positiven Seiten hervorzuheben und wahrzunehmen. Denn das große Glück von hochsensiblen Personen sind die vielen positiven Emotionen, die sehr deutlich gespürt werden: Die kleinen Erfolge der wachsenden Kinder, das erste Lächeln und die ersten Schritte verursachen starke Glücksgefühle. Das Glück kannst du stärker fühlen als andere in deinem Umfeld. Eine gute Strategie für den Emotionshaushalt ist es, sich die besonders positiven Momente zu notieren und beispielsweise ein Dankbarkeitstagebuch zu beginnen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Dann kannst du lernen, stolz auf deine Fähigkeit zu sein und sie als Teil deiner Persönlichkeit wahrzunehmen.

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