Foto: Robert Eikelpoth

Curse: „Es gibt keine einfache Erklärung für unsere Unzufriedenheit“

Warum die Angst, etwas falsch zu machen, uns niemals davon abhalten sollte, den nächsten Schritt zu gehen, das erzählt Michael Kurth aka Curse im Interview.

 

„Erfolg bedeutet für mich Selbstbestimmtheit und die Freiheit, mich auszudrücken“

Was wünsche ich mir für ein Leben, was bedeutet eigentlich Erfolg und wie komme ich da hin, auch wichtige Entscheidungen ohne Angst zu treffen? Genau mit diesen Fragen, die im ersten Moment so groß scheinen, dass sie kaum zu beantworten sind, beschäftigt sich der Rapper und ausgebildete systemische Coach Michael Kurth, den viele sicher unter dem Namen Curse kennen.

 Im Gespräch mit uns verrät er gute Tipps, wie man den Prozess, auf eine Antwort zu kommen, dann eben doch für sich anstößt, Stück für Stück. Auch er erzählt, warum er sich von seinem ganz persönlichen Druck, alles immer perfekt machen zu müssen, so langsam verabschieden kann. Und für alle, die ihn mal persönlich treffen wollen, haben wir einen Hinweis am Ende des Interviews.

Auf deinem aktuellen Album heißt der erste Track: „Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt“ – ist das ein Gedanke, der dich um- und vielleicht auch antreibt? Macht dir der Gedanke Druck oder eher frei?

„Das macht mich frei. Im Leben gibt es für uns alle, ohne dass ich morbide klingen will, die eine ultimative Deadline. Und der Unterschied zu all den Deadlines, die uns im Alltag so umgeben, ist, dass wir von ihr nur wissen, dass sie kommt, aber nicht wann sie kommt. Und trotzdem leben wir unser Leben meist so, als wäre diese Deadline immer in ganz ferner Zukunft und als hätten wir noch wahnsinnig viel Zeit, um jahrelang darüber zu sinnieren, welche Entscheidungen wir für uns treffen wollen und welche nicht. Manchmal hilft es, damit man sich aufs Wesentliche konzentrieren kann, sich vor Augen zu führen, dass man gar nicht weiß, wie viel Zeit einem noch bleibt und dass genau jetzt ein guter Moment ist, das zu tun, was man möchte und was man für wertvoll hält. Nicht erst nächstes Jahr, oder gar in drei oder zehn Jahren. Deshalb sind diese Zeilen für mich eine Erinnerung daran, dass der einzige Moment, der zählt, jetzt ist.“ 

„Oft sind die Folgen unserer Entscheidungen gar nicht so riesig, wie wir sie uns im Angst-Moment ausmalen.“

Aber wenn wir doch alle theoretisch wissen, dass uns nicht unendlich viel Zeit bleibt, warum fällt es vielen trotzdem so schwer, die Frage danach zu beantworten, was sie jetzt oder generell vom Leben wollen? Ist es die Angst vor Veränderungen?

„Es gibt immer einen Unterschied zwischen dem, was wir intellektuell wissen und dem, was wir wirklich gegenwärtig haben. Wir wissen zum Beispiel, dass zu viele Süßigkeiten nicht gesund oder rauchen schädlich ist – und trotzdem halten wir uns nicht daran. So geht es uns eben auch mit unserer Lebenszeit – und das ist ja auch in Ordnung, wir müssen ja nicht fatalistisch durch die Gegend laufen. Es gibt viele verschiedene Faktoren, die dazu führen, dass wir nicht so entscheidungsfreudig sind. Ein Faktor ist die Angst, sich falsch zu entscheiden – und dann treffen viele die Entscheidung lieber gar nicht. Aber selbst die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, ist ja eine Entscheidung. Nämlich, diesen Schritt nicht zu gehen, sich nicht zu bewegen, keine Tür aufzumachen und etwas Neues zu erfahren und wieder neue Entscheidungen zu treffen.“

Was kann man machen, wenn man sich doch ganz gern bewegen würde?

„So zu tun, als könnte man ewig an einem Punkt stehen bleiben, ist auch eine Handlung. Bei dieser Angst vor dem ‚Was-Wäre-Wenn“, kann aber man aber auch die Frage zurückwerfen: Ja, was wäre denn der schlimmste, anzunehmende Super-GAU, wenn du dich nun entscheidest? Meistens stellt sich dann heraus, dass die Konsequenzen gar nicht so schlimm sind, wie wir zunächst annehmen. Das merkt man vor allem in der Rückblende auf das eigene Leben, wenn man sieht, für was man sich schon alles in seinem Leben entschieden hat, was vielleicht nicht so optimal war und doch war es eben nicht so dramatisch. Oft sind die Folgen unserer Entscheidungen gar nicht so riesig, wie wir sie uns im Angst-Moment ausmalen.“

„Es ist wichtig sich zu fragen, was der nächste Schritt und nicht etwa, was die ganze Lösung ist.“

Ranken sich um diese Angst die meisten Glaubenssätze, die Menschen vom „guten Leben“ abhalten – wobei ja zu klären wäre, was das überhaupt ist.

„Ich glaube, dass es eine Gefahr birgt, diese Themen zu pauschalieren und auf Glaubenssätze herunterzubrechen. Ich weiß, wir sehnen uns danach, dass wir die einfache Erklärung für unsere Unzufriedenheit bekommen, und am besten dazu noch die drei einfachen Schritte, die dann in einem 25-Minuten-Podcast für das tolle Leben erklärt werden – und ab dann läuft’s. Aber wenn das ginge, wenn es diese Formel gäbe, dann wären wir alle schon happy und hätten das erfüllte Leben. Ich glaube, viel wichtiger ist, es sich etwas einfacher zu machen, indem an sich fragt: Was hilft mir jetzt? Was ist der nächste kleine Schritt, den ich machen kann, der dazu beiträgt, dass es mir ab sofort etwas besser geht? Also nicht fragen, was kann ich morgen, nächstes Jahr oder dann machen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, sondern genau jetzt. Es geht darum, Spannung aus Situationen rauszunehmen, die uns in Stress versetzen – denn diese Anspannung bläst häufig selbst einfache Fragen zu riesigen Konzepten auf. Manchmal ist es gut, einfach mal durchzuatmen, runterzukommen, sich klar zu machen, das die Welt gerade nicht untergeht und sich dann zu fragen, was der nächste Schritt und nicht etwa, was die ganze Lösung ist.“

Was hat dich persönlich das letzte Mal so richtig glücklich gemacht?

„Mich machen pausenlos Dinge glücklich. Heute bin ich zum Beispiel aufgestanden, hatte ziemlich wenig geschlafen und war total müde – und nach einer Meditation ging es mir besser. Ich hatte einen wirklich leckeren Cappuccino, auch das macht mich glücklich, und dann war meine Frau ein paar Tage krank und ist wieder gesund, sie kann sogar schon wieder ein paar sarkastische Sprüche klopfen (lacht) – auch das macht mich happy .“ 

„Mittlerweile habe ich begriffen, dass Perfektionismus überhaupt nicht funktioniert, und auch, dass Druck nicht zu besseren Ergebnissen
führt.“

Du hast es schon angesprochen: Für dich ist Entspannung ein großes Thema. Nun kann man über dich lesen, du seist ein ziemlicher Perfektionist – wie geht das mit dem entspannten Leben überein?

„Tja, story of my life (lacht). Ich habe tatsächlich einen Hang dazu, extrem viel zu arbeiten und mich zu verausgaben, auch weil ich ganz oft den Impuls habe, zu glauben, ich müsste alles selbst machen, weil es sonst nicht voran geht – und das muss dann natürlich total perfekt sein, sonst hat es keinen Wert. Ich bin also von diesen Gedanken total angetrieben, doch umso mehr merke ich eben auch, wie wichtig es ist, mich zu entspannen und den Druck rauszunehmen. Ich trage diese Glaubenssätze, dass man viel arbeiten, sich durchbeißen und perfekt sein muss, seit 39 Jahren in mir und das werde ich nicht über Nacht ausschalten können. Also muss ich bewusst diese andere Seite an mir kultivieren, weil mir das einfach gut tut. Mittlerweile habe ich ja auch begriffen, dass Perfektionismus überhaupt nicht funktioniert, und auch, dass Druck nicht zu besseren Ergebnissen führt – aber das muss ich mir selbst auch immer wieder aufs Neue sagen.“

„Mir geht es vor allem darum, in meinem Leben nicht gegen mein inneres Wertegefühl handeln zu müssen.“

Von außen betrachtet, würde man dich als erfolgreichen Menschen beschreiben. Nimmst du dich auch selbst so wahr und was bedeutet für dich persönlich eigentlich Erfolg?

„Für mich heißt Erfolg, oft Dinge tun zu können, die mir Spaß machen. Mir geht es vor allem darum, in meinem Leben nicht gegen mein inneres Wertegefühl handeln zu müssen. Erfolg heißt für mich also Selbstbestimmtheit und die Freiheit, mich auszudrücken und auszuleben. Und diese Freiheit misst sich gar nicht wirklich an Geld oder Zahlen, sondern an Möglichkeiten und einem Gefühl. Ich würde also schon sagen, ich bin erfolgreich, aber ich war meiner Meinung nach auch erfolgreich, als ich pleite war, weil ich eben auch zu der Zeit meine Selbstbestimmtheit hatte (lacht). Es gab auch Zeiten in denen ich mehr Geld verdient, mehr Platten verkauft und auf größeren Bühnen stand als heute, in denen ich aber immer das Gefühl hatte, es ist nicht genug, es fehlt etwas. Ich habe damals also eher das Schlechte wahrgenommen, statt zu verstehen, dass es mir gut geht. Da hatte ich kein besonders starkes Erleben davon, etwas erreicht zu haben. Rückblickend habe ich mich da viel weniger erfolgreich gefühlt als in Momenten, in denen ich eigentlich viel weniger Kohle auf dem Konto hatte.“

„Ich arbeite daran, die Dinge nicht so wahnsinnig persönlich zu nehmen.“

Bist du jemand, der gut mit Rückschlägen umgehen kann? Und falls ja, hast du dafür eine gute Strategie? Denn ich glaube, es geht nicht darum, Rückschlägen auszuweichen, sondern damit umgehen zu können.

„Ja, das glaube ich auch, denn wenn man immer versucht, Rückschlägen aus dem Weg zu gehen, muss man auch immer versuchen, seine Risiken zu minimieren – und das wirkt sich natürlich auch darauf aus, was sich gewinnen lässt. Wenn ich ein klares Risiko eingehe, dann bekomme ich auch eine klare Antwort. Und mit einer klaren Antwort kann man arbeiten. Und ganz grundsätzlich arbeite ich zum Beispiel daran, die Dinge nicht so wahnsinnig persönlich zu nehmen – weder, wenn etwas schiefläuft, noch wenn ich große Erfolge habe. Ich muss gerade an ein Buch denken, das ich mal gelesen habe, in dem gab es den Ratschlag, alles immer bestmöglich zu machen. Macht man das, dann kann man danach auch loslassen – aber auch das ist eben immer wieder ein Prozess.“

Das Verbinden mit anderen Menschen ist dir wichtig – wie gehst du das an? Im trubeligen Alltag verliert sich ein echtes Einlassen auf einander ja ziemlich so schnell.

„Ich glaube, das gelingt vor allem mit wirklichem Zuhören, bei dem es nicht um mich, sondern um die andere Person geht. Das bedeutet, einmal nicht dem Impuls nachzugeben, gleich Ratschläge zu erteilen und das Gespräch damit auch wieder zu sich zu lenken, auch wenn man in dem Moment gerade nichts lieber tun würde. Man gibt der anderen Person dann wirklich Raum, von sich zu erzählen. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass es nicht immer um die eigene Interpretation des Gesagten geht, sondern sich selbst mal hinten anstellt, um nur für den anderen da zu sein. In der buddhistischen Philosophie stellt man sich dafür vor, der ganze Körper sei ein großes Ohr. Das entspricht auch dem Momo-Prinzip, eine Geschichte, die ich sehr liebe: Momo geht in die Stadt und auf einmal werden alle Menschen ihre Freunde – und das nur, weil sie ihnen zuhört und sie auf ihre eigenen Lösungen kommen lässt. Das hat mich als Kind schon total fasziniert. Zum connecten gehört also zuhören, anderen Raum geben, aber auch der Mut, sich im Gespräch dann selbst zu zeigen. Denn wenn man das schafft, dann macht man dem Gegenüber ja damit das Angebot, dass er oder sie das auch machen kann. Und ganz wichtig: Aufmerksamkeit – sich selbst und dem anderen gegenüber.“

Was würdest du sagen, warum es so wichtig ist, nicht nur im Netz zu diskutieren, sondern auch im echten Leben zusammen zu kommen?

„Ganz grundlegend ist es ja mal toll, sich mal in die Augen zu schauen. Und auf einer biologischen Ebene: Wenn wir zusammen sind, produziert der Körper ein Bindungshormon, das uns glücklicher macht und das Immunsystem stärkt. Unter Menschen zu sein, ist also immer gut für den Geist und den Körper. Und das alleine reicht ja eigentlich schon. Aber dann nimmt man ja auch noch Inhalte mit, tauscht sich aus, bekommt auf dieser persönlichen Ebene auch ganz neue Sichtweisen und geht bereichert nach Hause. Genau darauf freue ich mich ja selbst auch etwa beim FEMALE FUTURE FORCE DAY, dass ich neben dem, was ich von mir einbringe, auch selbst mit neuen Impulsen nach Hause gehe.“

„Wenn ich bei einem Konzert mal die Texte vergesse, dann sage ich das einfach offen, dann lachen alle und dann geht’s weiter.“

Hast du eigentlich noch Lampenfieber, wenn du öffentlich sprichst?

„Ja total. Verloren geht das wohl erst ‚If you don’t give a shit’. Denn wenn es dir egal ist, musst du dir schließlich keine Sorgen mehr machen. Das heißt, ich habe immer noch Lampenfieber, aber bei mir wandelt sich das auch immer schnell in Freude an dem um, was ich da mache. Vielleicht ist das auch das Adrenalin, wer weiß. Aber ich vertraue mittlerweile einfach darauf, dass das alles klappen wird. Und wenn ich bei einem Konzert doch mal die Texte vergesse, dann sage ich das einfach offen, dann lachen alle und dann geht’s weiter.“

„Was ich gerade mache, spricht einfach all die Themen an, die mir wichtig sind.“

Du hilfst anderen bei der Visionsfindung – aber was decken denn eigentlich deine Lebensbereiche als Rapper und die als Coach für dich in deiner Lebensvision ab?

„Meine Lebensvision ist ein Gefühl. Wenn ich mich also in die Situation hineinversetze, dass ich etwa 80 bin und auf mein Leben zurückblicke, dann sehe ich da immer mich selbst, zusammen mit anderen Menschen, beim gemeinsamen Reden und Lachen und ich habe ein ganz warmes Gefühl von Verbundenheit und Lebensfreude. Deshalb habe ich immer das Gefühl, dass je mehr Lebensfreude und Entspannung ich auch in schwierigen Situationen für mich empfinden und mit anderen lachen kann, desto näher bin ich meiner eigenen Vision. Und ich liebe Musik, ich liebe es Musik zu machen, im Studio zu sein, kreativ zu sein und mich mit anderen auszutauschen, ich liebe es, den Podcast zu machen und gemeinsam mit Leuten etwas auf die Beine zu stellen –was ich gerade mache, spricht einfach all die Themen an, die mir wichtig sind.“

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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