Foto: Al Salam

„Nur weil Syrien weit weg ist, können wir die Augen nicht vor den Problemen dort verschließen“

Den beiden Medizinstudentinnen Anne und Ardiana war es einfach nicht genug nur Geld- und Sachspenden zu leisten – sie wollten gerne aktiver und gezielter direkt vor Ort helfen. Und genau deshalb gründeten sie die Organisation Al Salam.

 

Machen statt nur reden

Einfach nur Geld- und Sachspenden zu leisten, war den Medizinstudentinnen Anne und Ardiana nicht genug. Sie wollen gerne aktiver, gezielter und vor allem direkt vor Ort helfen – also gründeten sie die Organisation Al Salam, mit der sie genau das umsetzen können.

Ein Engagement, das ebenso bewunderswert wie mutig ist – und daran erinnert, dass wir mit Blick auf die heutige politische Lage alle unseren Beitrag zur Verbesserung der Zustände leisten können.

Viele engagieren sich ehrenamtlich, geben Sachspenden oder Geldspenden ab. Warum war euch das nicht genug?


Ardiana: Zunächst möchten wir sagen, dass alle ehrenamtlichen Helfer und alle Menschen, die Spenden abgeben Großartiges leisten. Uns hat das aber nicht gereicht, da wir gerne aktiver in das Geschehen eingreifen wollten. Jeden Tag erreichen uns grausame Bilder aus Syrien; Bilder von Terror, Gewalt, Armut und unvorstellbarem Leid. In Anbetracht dieser Bilder wollten wir uns nicht länger ohnmächtig fühlen. Also haben wir beschlossen, selbst zu handeln. Wir sind der Überzeugung, dass jeder Einzelne etwas tun und für Frieden und Völkerverständigung einstehen kann.

Wie kam euch die Idee zu Al Salam? Und der Hilfeleistung direkt vor Ort im Krisengebiet?

Ardiana: „Anne ist im August 2014 das erste Mal in Eigeninitiative nach Jordanien, in das größte Flüchtlingscamp der UN, gereist und hat sich dort unter anderem den

Flying Doctors of America angeschlossen. Auch 2015 war sie bereits mehrere Male in den Camps unterwegs, um humanitäre und medizinische Hilfe zu leisten. Als sie wieder hier war, wollte ich alles über ihre Erlebnisse vor Ort wissen. Dann habe ich mir überlegt, wie man dieses Engagement sinnvoll unterstützen und ausweiten kann. Also kam uns die Idee, eine Hilfsinitiative daraus zu machen. Mittlerweile sind wir 17 Leute, die Spenden sammeln und das Projekt ‚Al Salam weiter ausbauen. Anfang 2016 werden fünf Leute von uns erneut nach Jordanien fliegen. Wir planen mindestens zwei Einsätze im Jahr.“

Welche Hürden gab oder gibt es zu meistern, um eurer Projekt zu stemmen?

Ardiana: „Da wir beide vorher keine Ahnung von der Gründung einer solchen Organisation gehabt haben, war alles absolut neu für uns. Wir haben die Ziele unserer Organisation festgesteckt, uns einen Namen überlegt – Al Salam ist arabisch und bedeutet Frieden – und dann einen Text für die Unizeitung geschrieben, um auf uns aufmerksam zu machen. Dann haben wir an einem Stand in der Uni über unser Vorhaben informiert. Da wir mittlerweile 17 Leute sind, können wir unser Projekt nun viel besser auf- und ausbauen. Die nächste Hürde ist die Gründung eines gemeinnützigen Vereins. Aber auch da sind wir gerade dabei, das zu meistern! Und wir hoffen dadurch auch auf eine noch größere Spendenbeteiligung.“

Wie reagieren die Leute auf eure Hilfsorganisation und den Ansatz, Hilfe direkt vor Ort zu leisten?


Ardiana: „Wir sind bisher glücklicherweise fast nur auf positive Stimmen und Unterstützer gestoßen. Du und Reno habt uns bei dem Logo und der ersten Promo unter die Arme gegriffen, die Druckerei Seltmann hat uns Flyer gesponsert, um unser Projekt bekannter zu machen und einige Dozenten unserer Uni haben uns die ersten Geldspenden zur Verfügung gestellt. Das freut uns alles sehr und bringt uns in unserem Vorhaben weiter. Ich denke, die Leute verstehen unseren Ansatz der Hilfe vor Ort. Denn trotz der vielen geflüchteten Menschen, die auch in Deutschland dringend unsere Hilfe benötigen, finden wir es wichtig, direkt am Ort des Geschehens zu helfen. Und da in Jordanien etwa 600.000 Flüchtlinge unter ärmsten Bedingungen leben, war uns klar, dass auch dort etwas getan werden muss. Viele Menschen harren in dürftigen Zelten nahe der syrischen Grenze aus und warten auf ihre Rückkehr nach Syrien.
Natürlich haben wir auch schon kritische Stimmen gehört, die uns vorwerfen, dass in Deutschland genug zu tun sei. Aber nur weil Jordanien oder Syrien für uns weit weg ist, heißt es nicht, dass wir die Augen vor den Problemen dort verschließen können. Auch dort wird Hilfe, Unterstützung und Menschlichkeit gebraucht.“

Anne, du warst auch schon einige Male vor Ort in Syrien. Wie ist die Lage dort?

Anne: „Nach Syrien selbst kann man als einzelner Zivilist nicht reisen, da die Grenzen für Bürger zur Einreise gesperrt sind. Somit war ich bisher immer in Jordanien, im direkten Grenzgebiet vor Ort. Man kann es gar nicht in Worte fassen, wie die Situation dort ist und unter welchen Bedingungen die Vertriebenen leben müssen. Die meisten Familien leben in Zelten, ohne Elektrizität, ohne fließend Wasser und mit furchtbar schrecklichen sanitären Anlagen. Die Menschen sind sehr traumatisiert, aber genauso dankbar für jede Hilfe und jedes warme Wort, was sie erfahren dürfen.“

Und wie verarbeitest du das Gesehene?

„Die Erzählungen und Bilder erfüllen mich jedes Mal mit Traurigkeit, allerdings sind genau sie auch die Motivation, die mich bei jeder Rückkehr dazu bewegt noch härter arbeiten zu wollen: Um mehr Spenden einzutreiben, mehr Menschen auf die Situation vor Ort aufmerksam zu machen und um letztendlich mehr bewegen zu können. Was mich besonders beeindruckt hat und noch mehr Motivation für mich war, ist die Situation, als wir die Kinder in einem Flüchtlingscamp fragten, was sie später einmal werden möchten. Und 95 Prozent antworteten ohne zu Zögern, dass sie später einmal Arzt oder Ärztin werden möchten. Dass diese Kinder, mit allem, was sie durchgemacht haben, Träume und Ziele in ihrem Leben haben, erfüllt mich mit tiefer Ehrfurcht.“

Wie reagieren die Flüchtlinge auf euch?


Anne: „Die Flüchtlinge sind aus tiefstem Herzen dankbar. Und obwohl sie selbst so wenig haben, schenken sie uns in jedem Zelt, in das man als Gast eintritt, Kaffee und Tee ein. Sie haben so wenig Materielles, aber ihr Herz und ihre Seele ist so reich an Nächstenliebe und Respekt. Die Kinder kommen zu uns gelaufen, nehmen uns an die Hand, küssen uns und spielen mit uns.“

Was wird vor Ort gerade dringend benötigt?

Anne: „Vor Ort werden immer Säuglingsmilch, Windeln, Hygieneartikel (wie Zahnbürsten, Zahnpasta etc.) benötigt. Aber auch besonders Lebensmittel werden dringend gebraucht. Diese können in Form von

Food-Boxes an die Vertriebenen gespendet werden. Nun steht gerade der Winter an und leider hat es in den letzten Jahren auch in Jordanien geschneit und es war sehr kalt. Aus diesen Gründen werden ebenso Heizgas, warme Winterdecken und Isolierplanen für die Zelte benötigt, die ansonsten den Witterungsbedingungen nicht stand halten können.“

Ich bin wirklich begeistert von eurem Engagement und möchte euch auch weiterhin so gut es geht unterstützen. Jetzt gebt den Lesern doch am besten einmal eure sozialen Kanäle durch, damit sie immer informiert sind. Sowie eure Kontaktdaten und eine Bankverbindung um Spenden zu leisten:

Anne: „Wir freuen uns über jeden Like bei Facebook, wo man uns unter AlSalam – Help Foundation’ finden kann. Dort kann auch jeder, der interessiert ist, immer alle Neuigkeiten oder neue Spendenevents finden. Außerdem haben wir auch eine Spendenübersicht erstellt mit der ihr euch einen Überblick über die wichtigsten Gebrauchsgegenstände und Anziehsachen machen könnt, die vor Ort dringend gebraucht werden. Um uns direkt Spenden zukommen zu lassen hier unsere  Bankdaten:


Al Salam – Hilfe vor Ort

Sparkasse Witten

IBAN: DE14 4525 0035 0100 7640 83
BIC: WELADED1WTN


Als Betreff bitte die eigene E-Mail-Adresse einfügen, an die wir dann den individuellen Verbleib der einzelnen Spende senden können!

Bei jeglichen Fragen könnt ihr euch immer gerne direkt an Ardiana (ardiana.wagner@uni-wh.de) oder mich (anne.strapatsas@uni-wh.de) wenden.“

Wofür seid ihr in eurem Leben besonders dankbar?

Ardiana: „Ich bin dankbar für die politische und finanzielle Stabilität in der wir leben. Ich bin dankbar dafür, dass wir hier in Freiheit und Frieden leben und die Möglichkeit haben unser Leben genau so zu gestalten, wie wir es möchten. Dazu gehört, dass ich Medizin studieren kann und das ich diese Organisation mitgründen durfte.
“

Anne: „Ich bin genau wie Ardiana dankbar, dass wir in Frieden und Stabilität aufwachsen durften und leben dürfen. Und, dass wir jeden Tag mit den Inhalten füllen können, die wir für richtig halten.“

Alle Artikelbilder: Al Salam.

Dieser Artikel erschien zuerst im Blogazine Zunder. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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