Foto: Qunomedical

Sophie Chung: „Ich kann das, also haue ich auf den Tisch und zeige allen, wie meine Welt funktioniert“

2015 gründete Sophie Chung in Berlin ein E-Health-Startup. Es soll das Verhältnis zwischen Ärzt*innen und Patient*innen vereinfachen. Im Interview hat sie uns verraten, wie das Ganze funktioniert.

 

Von Linz in die große Welt

Geboren wurde Sophie Chung in Linz. Ihre Karriere hat sie aber schon in ganz verschiedenen Teilen der Welt vorangetrieben. Nach Abschluss ihres Medizinstudiums in Wien zog es sie nach Australien und Kambodscha, später ging es weiter nach New York, wo sie bei einem E-Health Startup arbeitete. Außerdem war sie lange Zeit Strategieberaterin in der Healthcare Practice bei McKinsey in Deutschland. 

Die Idee für ihr eigenes Startup kam Sophie Chung, als ihr bewusst wurde, dass es in unserem Gesundheitssystem ein Problem gibt: Patient*innen haben regelmäßig Schwierigkeiten, die passenden Ärzt*innen zu finden. Und Termine bei diesen lassen meist Wochen auf sich warten. Der Gedanke lies sie nicht mehr los und sie beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Sophie gründete ihr eigenes E-Health-Startup Qunomedical, das dazu beitragen soll, das Patient*innen-Ärzt*innen-Verhältnis maßgeblich zu verbessern, in Deutschland und weltweit. 2017 sammelte sie bei einer Finanzierungsrunde 1,8 Millionen Euro für ihr Startup ein. Wir haben uns mit ihr beim FEMALE FUTURE FORCE DAY zum Gespräch getroffen.

Sophie, kannst du uns etwas mehr von Qunomedical erzählen?

„Qunomedical ist eine digitale Plattform im Internet, die Menschen bei der Suche nach den richtigen Ärzt*innen hilft. Die*der richtige Ärzt*in ist präsent, wenn ich sie*ihn brauche, und zwar heute und nicht in sechs Wochen oder sechs Monaten. Es muss eine Person sein, die ich mir leisten kann und die natürlich auch ganz genau weiß, was sie tut. Diese Kombination ist für Patient*innen unheimlich schwer zu finden. Wir versuchen das mittels Technologie zu lösen.“

Und wie funktioniert das dann genau?

„Auf unserer Webseite können Patient*innen genau angeben, nach welcher Leistung sie suchen. Ein Zahnimplantat zum Beispiel. Anschließend können sie uns kontaktieren und wir erstellen ihnen dann ein Angebot. Dabei können sie schauen, welche Ärzt*innen es weltweit gibt, die ihren Fall behandeln und wie viel diese kosten. Die Terminbuchung funktioniert dann direkt über uns. Es ist relativ einfach.“

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Ärzt*innen und Krankenhäuser aus, die in eure Datenbank kommen? Wie garantiert ihr, dass es sich dabei wirklich um die bestmögliche medizinische Versorgung handelt?

„Der Qualitätsaspekt steht für uns ganz weit oben. Dafür haben wir einen rigorosen Prozess definiert, der sehr datenbezogen ist. Im ersten Schritt haben wir einen Bewertungsalgorithmus erstellt, der die guten Ärzt*innen herausfiltert. Der Algorithmus schaut sich Faktoren wie Akkreditierungen und internationale Zertifizierungen an. Es wird geschaut, wo der*die Arzt*Ärztin studiert hat, was seine*ihre Fallzahlen sind, ob er*sie Englisch spricht. Wir analysieren fast 100 unterschiedliche Kriterien. Das Ergebnis gibt uns eine gute Aussagekraft über die Qualitäten des betroffenen ärztlichen Fachpersonals.“

Du selbst hast gesagt, dass du den Begriff Medizintourismus nicht gerne liest, warum?

„Ich mag den Begriff aus zwei Gründen nicht. Zum einen ist das Thema Medizintourismus sehr negativ belegt. Da denken viele an die billigen Brüste in Thailand. Solche Fälle gibt es natürlich, die Negativbelegung kommt nicht von irgendwo her, aber genau das ist es, was wir nicht machen. Wir stehen für sehr hohe Qualität zu einem erschwinglichen Preis mit sehr schneller Verfügbarkeit.

Gleichzeitig impliziert Medizintourismus sofort, dass man um die ganze Welt reisen muss, um die richtige Ärzt*innen zu finden. Das ist aber gar nicht immer der Fall. Die richtigen Ärzt*innen könnten bei dir im Nachbarhaus sein, oder in der eigenen Stadt. Wir sagen nicht, du musst irgendwo hinfahren, um die richtigen zu finden, sondern unsere Idee ist es, dass wir den Patient*innen erst einmal helfen die*den Richtige*n zu finden und dann erklären wir ihnen, wo das ist. Das kann in einem anderen Land sein, muss es aber nicht.“

Du hast einen sehr internationalen Background. Du hast schon in Australien, Kambodscha und New York gearbeitet, warum hast du dir Berlin als Gründungsort für dein Startup ausgesucht?

„Ich habe mir das sehr bewusst ausgesucht und bin extra zum Gründen von New York nach Berlin gezogen. Es spricht einfach sehr viel für diese Stadt. Ein wichtiger Faktor ist, dass das Gründen hier relativ kostengünstig ist, beim Thema Personal, Miete und Lebenserhaltungskosten. Ich komme mit der gleichen Finanzierung viel weiter als das in New York, London oder dem Silicon Valley der Fall wäre. Ein weiterer Pluspunkt ist die Internationalität und die Attraktivität der Stadt für junge Talente. Das ist gut fürs Recruiting von neuen Mitarbeiter*innen. Außerdem hat Berlin mittlerweile auch eine sehr gute Investorenszene. Viele Investor*innen aus dem Ausland machen hier Büros auf. Es gibt also keinen Grund, warum man nicht in Berlin gründen sollte.“

Letztes Jahr, hast du in einem Interview von der „Männerdomäne Startup-Szene” gesprochen. Ein Abschnitt ist mir da sehr in Erinnerung geblieben. Da sagst du: „Es gibt Investoren, die können meine Ausführungen zwar faktisch nachvollziehen, aber emotional kommen sie bei ihnen nicht an, weil da diese kleine, asiatisch aussehende Frau vor ihnen sitzt.” Du sprichst dabei verschiedene Vorurteile an, mit denen du zu kämpfen hast: Frau und auch noch „asiatisch aussehend”. Wie gehst du mit Vorurteilen und diskriminierenden Kommentaren um?

„Mittlerweile kann ich ganz gut mit solchen Situationen umgehen, weil ich das nötige Selbstbewusstsein habe. Ich weiß, wo ich stehe und was ich kann und gebe da relativ gut Kontra. Ich steige sehr sachlich in Diskussionen ein und versuche fachlich und inhaltlich zu überzeugen. Das dauert manchmal ein wenig länger und ich kann mir auch vorstellen, dass es mir bei einigen wenigen nie gelingen wird, aber das ist dann auch nicht der Anspruch. Wenn ich es schaffe einen einzigen Mann zum Hinterfragen seiner Vorurteile und zum Umdenken zu bewegen, dann habe ich für dieses Meeting das erreicht, was ich erreichen wollte.“

Hast du einen Tipp für andere Frauen, die das Gefühl haben, ihr Gegenüber würde sie im beruflichen Umfeld nicht ernst nehmen?

„Ich finde, dass man gerade als junge Frau sehr selbstbewusst sein muss. Dieses Selbstbewusstsein, das kann ich nicht ein- und ausschalten und das fliegt mir auch nicht einfach so zu. Es muss aufgebaut werden und das bedeutet viel harte Arbeit. Eine Person sollte versuchen an den Punkt zu kommen, wo sie zu sich selbst sagt: Ich bin gut, ich kann das, ich weiß, wofür ich stehe, ich gehe da jetzt rein, haue auf den Tisch und zeige allen, wie meine Welt funktioniert.

Außerdem ist es wichtig, sehr bewusst nicht mit weiblichen Klischees zu spielen. Damit meine ich nicht, dass eine Frau nicht Frau sein darf. Ich stehe sehr stark zu meiner Weiblichkeit, aber ich muss als Frau zum Beispiel nicht auch noch leise sprechen. Das spielt genau mit dem Klischee des kleinen leisen Mäuschens. Natürlich spielt auch hier das Thema Selbstbewusstsein mit rein. Ich sollte mir immer bewusst sein, wie ich auftrete und wie ich wahrgenommen werden will.“

Um die Finanzierung für Qunomedical zu bekommen, musstest du mit über 200 Investor*innen sprechen. Wie verlierst du als Gründerin nicht den Mut, wenn so viele Absagen eintreffen?

„Man sollte den Mut nicht verlieren, weil es allen Gründer*innen so geht. Wenn ich mich mit anderen unterhalte, merke ich schnell, dass Einige mit noch viel mehr Investor*innen gesprochen haben. Es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. So funktioniert einfach das Spiel des Gründens. Mir hat es immer geholfen, dass ich zu 100 Prozent von unserem Produkt überzeugt war. Investorensuche ist wichtig, als Gründer*in sollte ich aber auch immer fragen, ob ich gerade meine Zeit in etwas investiere, was die Welt wirklich braucht. Baue ich da etwas, womit ich Menschen helfen kann? Jeden Tag zu sehen, dass wir Anklang finden, das hat mir selbst immer Energie gegeben. Und das ist auch mein Hauptantreiber und der Grund, warum ich den Mut nie verloren habe.”

Du sagst, dass Gründer*innen eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber haben. Kannst du genauer erklären, was du damit meinst?

„Ich finde Gründer*innen haben sehr viel Potenzial neue Impulse in einer Gesellschaft zu setzen: In der Art und Weise wie sie ihr Unternehmen aufbauen, aber auch in der Art und Weise, wie sie mit ihren Mitarbeiter*innen umgehen. Sie können ein Wertesystem vermitteln. Dessen muss ich mir als Gründer*in auch bewusst sein. Abseits vom finanziellen Wachstum und Profitmaximierung sollte das auch Ziel sein.“

Du bist auch regelmäßig als Speakerin auf Veranstaltung unterwegs, wie jetzt gerade auf dem FEMALE FUTURE FORCE DAY. Wie sieht die Demografie bei solchen Panels normalerweise aus?

„Das kommt ganz auf die Veranstaltung an. Bei den Startup-Veranstaltungen, auf denen ich sonst so unterwegs bin, sind es, ehrlicherweise, immer noch mehr Männer als Frauen.“

Warum, glaubst du, gibt es immer noch so wenig Gründerinnen?

„Ich glaube, einer der Hauptgründe sind fehlende Vorbilder. Viele Frauen kommen oft gar nicht auf die Idee zu gründen. Der Gründungsgedanke entsteht ja meist, weil irgendwer irgendwem Mal gesagt hat, es ist möglich und die Person könne damit erfolgreich sein. Der entsteht nicht, wenn sie*er nie mit weiblichen Gründern in Kontakt kommt. Wir brauchen mehr weibliche Vorbilder und wir müssen die Frauen, die gegründet haben, viel mehr unterstützen und sichtbarer machen.“

Du hast einmal geäußert, dass Gründer*innen sehr gefährdet sind, ins Burnout zu rutschen, weil das „Gründen stark romantisiert wird”. Was müssen Gründer*innen beachten, bevor sie sich ins Abenteuer Start-up stürzen?

„Es ist wichtig genau zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ich sag immer, Gründerin zu sein, ist der beste Job, den ich je hatte, aber es ist auch der härteste, den ich mir vorstellen kann. Ich bin pausenlos unterwegs und muss an alles denken. Du bist die letzte Person, die alle Entscheidungen trifft. Auf dich schauen alle. Deine Mitarbeiter haben hohe Erwartungen an dich, genauso wie deine Investoren und dein soziales Umfeld. Nicht zuletzt forderst du ja auch von dir selbst einiges. Es herrscht ein unheimlicher Druck, dessen musst du dir bewusst sein, bevor du den Schritt wagt. Es ist kein Zuckerschlecken.

Man sollte auch seine eigenen Warnsignale erkennen und darauf hören, wenn der Körper oder der Geist sagt: bis hier und nicht weiter. Dem Ganzen sehend entgegenzutreten und nicht erst abzuwarten, bis Sachen passiert sind, das ist essenziell.

Außerdem sollte ich mich sehr bewusst mit Menschen umgeben, die mir guttun, im professionellen, wie auch im privaten Umfeld. Ein gutes Unterstützungssystem ist ein immenser Vorteil. Es wird nämlich auch sehr viele schlechte Tage geben, an denen ich mich selbst und das, was ich mache infrage stelle. Da tut es gut, Leute um sich zu haben, die Mut zusprechen, oder auch einfach nur da sind, einem zuhören.“

Was wünscht du dir für die Zukunft für dein Unternehmen?

„Ich würde mir wünschen, dass wir die führende Plattform werden, die Menschen dabei hilft, die*den richtigen Arzt*Ärztin zu finden und wieder gesund zu werden, und zwar weltweit. Wenn wir das geschafft haben, dann haben wir alles erreicht.“

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