Foto: Arun Markus

INTRO: Wieso Pausen kein Stillstand sind, sondern ein Fortschritt

Nora hat gerade eine der wegweisendsten Entscheidungen ihres Lebens hinter sich, doch was macht man, wenn ein Abschnitt im Leben endet? Pause oder gleich das große neue Ding suchen?

Schon von klein auf mochte ich Stillstand nicht. Nicht stillsitzen, nicht still sein, nicht wenn alles war wie immer. Stillstand klingt so, als würde man einfach dastehen, während die Welt um eine*n herum weitermacht. Während die anderen um eine*n herum schlauer werden, erfolgreicher, reicher an Erfahrung, dich überholen. Als würde man verpassen, was eigentlich sein sollte – sein könnte.

Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich bisher Pause gemacht, mir war egal, was dabei herauskommt, und das ein ganzes Jahr. Damals war ich 19 und gerade fertig mit dem Abi. Ich packte meinen Rucksack und meine beste Freundin Lie ein und machte mich nach Australien auf. Ich wusste in dem Jahr nie, wo ich morgen sein würde, hatte nie mehr Geld als für vier Wochen und spätestens in dem Moment, in dem uns Bus, Gepäck und Pässe geklaut wurden, war auch der letzte Ansatz eines Plans verschwunden. Was mich zunächst unglaublich panisch machte, erwies sich schon nach kurzer Zeit als großes Glück. Ich war frei wie nie.

Als ich zurückkam, war ich 20. Ich war mir sicher, so ein Jahr würde sich wiederholen, am besten nicht nur einmal. Doch zurück in Deutschland rannte ich los. Und mit den Jahren wurde ich, na klar: älter und sicherheitsliebender und nutzte keine Chance mehr, die sich zwischendurch für eine Lücke geboten hätte.

Ich machte ein Praktikum, begann das Studium, arbeitete parallel, um mir alles zu finanzieren und begann mein Volontariat, noch während ich die Abschlussarbeit schrieb. Ich fuhr nie länger als zwei Wochen am Stück weg, und schaltete auch da nie die Mails ganz aus.

Als mir einmal gekündigt wurde, schrieb ich am nächsten Tag acht Bewerbungen und fing zwei Wochen später einen neuen Job an. Als Suse und ich kündigten, begann am nächsten Tag die Planung von EDITION F.

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Die Introkolumne zum Anhören, vorgelesen von Nora:

EDITION F · INTRO I Dezember 2020 I Wieso Pausen kein Stillstand sind, sondern ein Fortschritt

Auch an den Wochenenden bearbeitete ich Mails und ich arbeite noch immer gerne intensiv und viel. Die Arbeit wurde manchmal auch wichtiger als Arzttermine, wichtiger als Sport und manchmal auch wichtiger als die Mittagspause. Wenn ich einen Nachmittag früher ging, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Wenn wir mit einem Projekt nicht erfolgreich waren, oder nicht mehr, stecken wir die Köpfe zusammen und hoben auf Biegen und Brechen etwas Neues empor. Meistens in schwindelerregender Zeit.

Im Sommer 2019 spürte ich dann nach dem schmerzlichen Ende der FEMALE FUTURE FORCE Academy das erste Mal den Wunsch, nichts Neues zu machen. Kein neues großes Projekt anzustoßen, sondern einfach das zu machen, was funktionierte. Nicht die Welt neu zu erfinden.

Und es funktionierte. Wir arbeiteten zwar nicht weniger als sonst, aber ich will mir nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn wir noch etwas on top gemacht hätten. Wir bekamen die Kurve, schlossen das Jahr wirtschaftlich positiv ab und ich flog fünf Wochen in den Urlaub, ich stellte meine Mails aus, löschte Facebook vom Handy und war mal nur mit mir glücklich. Diese fünf Wochen taten gut. Sehr gut. Und ich nahm mir zum ersten Mal wieder Dinge für mich vor. Sport, mehr Urlaub, nicht mehr rauchen, mehr in die Heimat fahren, mal wieder Bücher lesen, mehr Ich.

Und dann kam Corona

Corona wischte das alles weg. Von einem Tag auf den anderen sprangen die Kund*innen ab, war klar, dass wir wieder kreativ über Neues nachdenken mussten, weil Events nicht mehr möglich waren und sind. Die Urlaube wurden gecancelt, in Hannover war ich dieses Jahr noch gar nicht, Bücher habe ich nur angelesen. Ein Teil der Welt um mich herum machte Yoga, Bananenbrot und Spaziergänge. Ein anderer Teil verzweifelte, sorgte sich, versank zwischen Home Office und Home Schooling, war einsam, ängstlich. Und ich spürte, dass ich jetzt wieder doppelt viel leisten muss, zumindest im Kopf, fürs Team, für die Gesellschafter*innen.

Doch etwas war anders als all die Jahre davor, ich hatte weniger Energie für große neue Ideen.

„Wir waren, glücklicherweise ohne Burnout, über sieben Jahre gerannt, eigentlich sogar schon viel länger. Und haben auf dem Weg zu oft vergessen an uns zu denken.“

Über den Frühling und Sommer sprachen Suse und ich immer wieder darüber, ob wir gerade noch richtig waren in unserer Rolle bei EDITION F. Ob wir nicht schon alles gesehen und erlebt hatten, ob jemand anders das nicht besser könnte.

Wir waren, glücklicherweise ohne Burnout, über sieben Jahre gerannt, eigentlich sogar schon viel länger. Und haben auf dem Weg zu oft vergessen an uns zu denken. Erfolge zu feiern, öffentliche Shitstorms und interne Trauer aufzuarbeiten, zu spüren was wir wollen, und vor allem zu merken, wer wir sind.

Ohne die Firma, ohne die andere

Eine Pause habe ich mir nie erlaubt. Eine Pause, um erstmal wieder bei mir anzukommen, Routinen zu etablieren, die man Mitte, Ende 30 braucht, mehr als Mitte, Ende 20. Doch da ist diese Angst vorm Stillstand. Vorm Finanziellen. Davor, nie wieder etwas zu finden, was mich so erfüllt. Die Angst, nicht zu wissen, was kommt.

Vor einigen Wochen habe ich bei Instagram ein kleines Tagebuch begonnen, weil ich diese Zeit des Wandels für mich festhalten will und ich gerne Gedanken dazu einfangen will. Am Freitag den 13. schreibe ich in mein Tagebuch.

Das erste, was mein Freund am Morgen zu mir sagt, ist: „Wenn ich grad nicht arbeiten würde, wäre mir glaube ich echt langweilig.” Wir streiten kurz, weil das natürlich gerade mein wunder Punkt ist. Mitten in der Corona-Pandemie als Geschäftsführerin aufhören.

Als wir vor einigen Wochen gesagt haben, dass wir von der Geschäftsführung in den Beirat wechseln und ab Januar EDITION F von der Seitenlinie als Gesellschafterinnen begleiten, habe ich unglaublich viele schöne Nachrichten bekommen. Und konnte so sieben Jahre Revue passieren lassen. Doch etwas, was gut gemeint war, machte mir Druck. Fast immer stand da: „Ich freue mich schon so sehr auf das, was du jetzt als Nächstes machst. Bin mega gespannt.“

Alle warten auf das nächste große Ding

Da sind Ideen. Kleine. Aber nichts ist konkret. Was einerseits Druck macht, soll so sein. Ich will mal lernen, mich um mich zu kümmern, Pause zu machen. Reisen, Lesen, Sport machen, gut essen, mich um meine Freund*innen und Familie kümmern, Dinge machen, die Jahre lang liegengeblieben sind. Ich will kleine schöne Projekte umsetzen, denn Geld verdienen muss ich ja auch, vielleicht ein Buch schreiben, mich politisch wieder stärker engagieren, mir nicht den Druck machen, dass in dem Jahr direkt das neue große Ding kommen wird. Ich will ich sein.

Doch reicht mir das?

Die Unsicherheit ist da. Jahrelang war sie kaum hörbar, nun meldet sie sich lauter. Mit 36. Was aber auch lauter ist, ist der Wunsch, mal nicht auf der Überholspur sein zu müssen. Mal nur Verantwortung für mich zu haben und nicht für ein Team. Zumindest eine Weile.

„Pausen sind notwendig, um dann wieder auf der Überholspur zu landen, wenn man das will.“

Pausen, und das ist meine neue Betrachtungsweise, bedeuten deshalb keinen Stillstand, sie sind mein Fortschritt. Dabei nicht sagen zu müssen, wie lang sie sind, weil ich es noch nicht weiß und sicher sagen zu können, noch nicht zu wissen, was daraus entsteht, mein Luxus.

Pausen sind notwendig, um dann wieder auf der Überholspur zu landen, wenn man das will. Der erste Schritt für mich ist deshalb, die Pause als Plan zu nehmen. Das würde ich gerne wieder lernen, dass Pausen gut sind. Zumindest so lange, wie sich genauso anfühlen.

Zu meinem Tagebuch bekomme ich eine lange Nachricht, in dieser steht: „Wenn du jetzt nicht lernst stillzustehen, rennst du dein ganzes Leben.“

Ein guter Satz. Die Welt macht weiter, und ich stehe still. Und das fühlt sich genau richtig an.

Pause! Wie du Ruhe finden und Kraft sammeln kannst.

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Gemeinsam mit Susann habe ich 2014 EDITION F gegründet und bis Ende 2020 als Geschäftsführerin gemeinsam mit ihr geleitet. 7,5 Jahre die zu den schönsten meines Lebens gehören. Seit Januar 2021 begleitete ich das Unternehmen als Beirätin und Hauptgesellschafterin.

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